Unter einer Glashaube thront auf blutrotem Samt eines der hässlichsten Objekte der Filmgeschichte: ein linksseitig ins viktorianische Biedermeier ausbrechendes, versilbertes Benzinfeuerzeug mit Widmung: "A to G". Gedacht für die Leinwand, da zu groß für jede Hosentasche, zu klein für den Couchtisch. Ein Requisit - das im Museum zur Reliquie wird.

Was ist Kino? "Emotion", lässt in Pierrot le Fou Jean-Luc Godard seinen amerikanischen Kollegen Sam Fuller antworten. "Die Kunst des 20.

Jahrhunderts", wird die französische Filmkritik seit André Bazin nicht müde zu behaupten und stellt die Erfindung der Montage der zeitgleich entwickelten Collage-Technik der Kubisten an die Seite. "Kino ist Form", bescheidete sich dagegen zeitlebens Alfred Hitchcock und zog dem Anspruch der Kunst den Trick der Künstlichkeit vor. Und was meint Jean-Luc Godard, lebende Inkarnation all dieser Widersprüche, gefeiert in Cannes wie in Kassel? "Es gibt vielleicht zehntausend Leute, die sich an Cézannes Apfel erinnern, aber bestimmt eine Milliarde Menschen kennen das Feuerzeug des Fremden im Zug."

Godard liefert den Prolog für eine Ausstellung, die zeigt, wie der Formalist Hitchcock bewusst und unbewusst die Malerei des 19. und frühen 20.

Jahrhunderts plünderte, Erzählstrukturen von Romantik, Symbolismus und Surrealismus filmisch weiterentwickelte und so kommerzielles Kino mit bildender Kunst nährte. Die vergilt es ihm heute dankbar, denn Videokünstler wie Douglas Gordon, Tony Oursler, Pierre Huyghe, Stan Douglas, aber auch Maler wie David Reed befördern Hitchcocks Motive zurück ins Museum.

Am Anfang steht - wie es sich für einen Hitchcock gehört - ein unerhörtes Verbrechen: Das Centre Pompidou gibt seine heiligen Hallen für profane Dinge her. Neben dem Feuerzeug aus Strangers on a train auf Samt und Sockel ruhen die mörderische Krawatte mit Schottenkaro aus Frenzy, Cary Grants Taschenrasierer aus North by Northwest, Tippi Hedrens zerbrochene Brille aus The Birds, der schwarze Büstenhalter, den Vera Miles in Psycho trug.

Simulationen des Alltags, durch Hitchcocks Kamera zu Fetischen und durch den Ausstellungsort zu Kunstwerken geadelt. Im Centre Pompidou, wo sonst klassische Avantgarde zelebriert wird, liegt jetzt eine Kamera der Marke Exacta: kein Klassiker des Industriedesigns, sondern das phallische Sehwerkzeug von James Stewart in Rear Window.