Soll man Parodien lesen? Man könnte sie ja zu jenem vielseitigen Kunstgewerbe zählen, das sich an Originale heftet und sie auspresst, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Parodien sind selten etwas Eigenes, sie bleiben, wie das Adorno gesagt hat, dem Parodierten versklavt. Philosophen drücken sich gern grundsätzlich aus, und deshalb haben sie immer im Prinzip Recht. Im Einzelnen kann man aber Folgendes lustig finden: "Steh auf, Prolet! Die Ketten sind zerrissen! / Ich sing dir was von Schächten und von Schloten! / Ich geig dir was von Streik! Ich muß es wissen, / denn meine Noten sind soziale Noten. / Ich mach das Lied, du reiß die Welt in Fetzen! / Steh auf, Prolet! Und laß mich setzen."

Das stammt aus dem Jahr 1932, nämlich aus: Angewandte Lyrik von Klopstock bis Blubo. Eine Literaturgeschichte in Beispielen. Der Parodist Friedrich Torberg hat dabei eines besonders gut gemacht: Es sind nur zwei Sätze, die ohne Rufzeichen auskommen und die daher die Fremdkörper in dieser fordernden Lyrik darstellen. Der erste dieser Sätze kommentiert die Richtung, die verfolgt wird: " ... meine Noten sind soziale Noten." Das ist fast schon beiseite gesprochen und bereitet damit auf den Schlusssatz vor, der das Geheimnis dieser Art von Lyrik ein für alle Mal lüftet.

Ebenfalls 1932 war von Robert Neumann Unter falscher Flagge. Ein Lesebuch der deutschen Sprache für Fortgeschrittene erschienen. Der Untertitel verweist auf ein anderes Problem der Parodie: So richtig lustig ist sie erst, wenn man das Parodierte kennt. Die literarische Bildung, selbst meine!, ist derzeit nicht so groß, dass ich eine Parodie auf die neuesten Dichter nicht mit den Originalen verwechseln würde. Aber immerhin: Auch wenn einem zum Beispiel Hanns Heinz Ewers unbekannt geblieben ist, so weiß man doch, was gespielt wird, wenn der Parodist Neumann die folgenden Saiten aufzieht: "... knallte ihr mit mächtigem Schwung die flache Hand auf den stattlichen Hintern.

,Schinkenkloppen', scherzte er."

Wer sich für das Phänomen der Parodie interessiert, der lese ein von Karl Riha und Hans Wald herausgegebenes insel taschenbuch: Auf weißen Wiesen weiden grüne Schafe. Robert Gernhardts Terzinen über die Vergeßlichkeit. Nach Kuno von Hofmannsthal ist wie alles von Gernhardt, der ja auch als Literaturkritiker einer der Besten ist, ein Geniestreich. Parodie ist angewandte Literaturkritik: Sie stellt in der Praxis bloß, was die Kritik als misslungen nur behaupten und begründen kann: "Noch spür ich ihren Dingens auf den Wangen, / Wie kann das sein, daß diese nahen Tage / Dings sind, für immer fort und ganz vergangen?"

Hofmannsthals Hypersensibilität wird durch Dingens und Dings Lügen gestraft.

Seine Sensibilität ist nicht genau, sie arbeitet mit dem Unbestimmbaren, in das man alles und am Ende auch sich selbst hineinlegen kann. Es geht um nichts, nämlich bloß um den Gestus der Vergänglichkeit, mit dem man nostalgisch anzeigt, dass das, was einmal war, nicht mehr ist - und schon zittert es zwischen den Zeilen. Manchmal aber, wahrscheinlich weil sie ein gar sonderbar Ding ist, vergeht nicht einmal mehr die Zeit. Das Jahrhundert lastet dann im Ganzen auf den Zeitgenossen: "Und stehen bleib im lärmenden Jahrhundert / Und nehmen dankbar jegliche Beschau an / Betroffen steht die Zeit: es bellt verwundert / Ein Bologneserhündchen einen Pfau an."