Talent haben viele unter den jungen Autorinnen und Autoren. Auch über Stil, oft forciert bis zur Manier, verfügen die meisten, und fast alle verstehen es, Themen aufzugreifen und zu servieren, die der Zeitgeist vorformuliert hat und nach denen das Publikum begierig schnappt. Eine begabte Generation also, selbst- und auftrittsbewusst. Und doch fehlt da etwas, das sich so sicher und fest nicht auf einen Begriff bringen lässt wie die Qualitäten dieser neuen Textlieferanten. Etwas, das sich am ehesten eine zwingende, unverwechselbare Sicht auf die Welt nennen ließe, in die ein Leser hineinbewegt wird, ob er nun will oder nicht. Was ja mehr ist und etwas anderes als nur eine originelle Art von Text. Denn diese Prägung, die ein Schreibender seiner Welt aufzwingt, ist ihm vermutlich vorher und schmerzhaft durch die eigene Welterfahrung aufgezwungen worden.

Genau über dieses Plus an Charakter oder Temperament oder Authentizität verfügt Alison Kennedy, 35, eine Schottin aus Glasgow, das zeichnet sie aus vor so vielen ihrer Schreib- und Generationsgenossinnen und -genossen. Drei Bücher von ihr liegen nun auf Deutsch vor: Als erstes erschien im letzten Herbst die lange Erzählung Gleißendes Glück, dann im Winter ein Reise- und Erfahrungsbericht Stierkampf und schließlich nun ihr Debütroman Einladung zum Tanz - drei Bücher in drei Genres, auf den ersten Blick grundverschieden und doch unterirdisch durch mehr verbunden als eben Talent, Stil, Thematik. Was diese drei Texte nämlich ausstrahlen, ist eine intensive Empfindlichkeit für Schmerz und Gewalt, verbunden mit einem ebenso unbändigen, fast unirdischen, also religiösen Glücksverlangen - eine eher archaische als postmoderne Mischung.

Also wundert es nicht, dass Kennedys erster Roman einsetzt mit streng idyllischen Szenen inniger Verbundenheit zwischen einer Tochter und ihrem Vater, der sie aufgezogen hat wie Mutter, Vater und Großmutter in einer Person, ja fast wie ein verschämter Liebhaber. Der alte Mann und das Mädchen, das ihm ihre Bindung immer wieder bekräftigen muss mit dem rituellen Bekenntnis: "Dich hab ich lieb. Dich hab ich lieb." So warm ist es in dieser dualen Binnenwelt, so kalt draußen in der schottischen, also rigid kalvinistischen Schule, wo man auf Disziplin, Selbstverachtung und Gottesfurcht gedrillt wird, denn: "In unseren Worten, Taten und Gedanken sind wir hassenswert vor Gott."

Wie bricht man diesen Bann, die Mauer zwischen drinnen und draußen? Der Jugendroman dieser schottischen Margaret, das begreift der Leser erst allmählich, wird erzählt als eine Erinnerungs-, eine Zeitreise während einer Zug- und Fluchtreise aus Glasgow hinunter nach London. Die junge Frau flieht in die englische Fremde. Ihren Vater hat sie längst verloren, doch nun auch ihren Job und kurz danach offenbar auch ihre eine, einzige Liebe, zum zweiten Mal und diesmal wohl endgültig.

Botschaft ins Universum

Aus der Traum von einem Leben als Tanz, denn die Tanzmetapher hält den ganzen Roman zusammen. Tanz als Pas de deux, wie vertraut und unvergesslich mit dem Vater, wie später immer wieder mit dem Geliebten Colin, aber Tanzen auch und vor allem als eine Seelen- und Körperbewegung, in der sich ein Paar nicht nur verbündet, sondern sich auch hineinschwingt in einen Einklang mit der ganzen Welt: "Diese geballte Energie würde eine Botschaft ins Universum jagen."

Genau diese Vision eines emphatischen Glücks scheint endgültig zusammengestürzt, wenn vor der Reisenden draußen die stillen englischen Landschaften vorübergleiten, während der Erinnerungsfilm ihres Lebens abläuft. Oder ließe sich die Vergangenheit auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft neu lesen?