Die Kunst des Krieges. Sie lehrt unter anderem, einen Gegner von innen heraus zu zermürben, indem man ihn imitiert und sich ihm annähert. Klaus Wowereits Hauptgegner ist nicht Frank Steffel, sondern die Bild-Zeitung.

Steffel (und übrigens auch Gysi) ist altmodisch. Er setzt auf das zuletzt tränenselig oder zornesschäumend von Kollege Landowsky bemühte Pathos der Berufung zur Politik. Steffel kann gar nicht oft genug betonen, dass er Unternehmer sei und keine persönlichen Interessen habe, sondern nur das Wohl der Stadt vor Augen. Dieses Pathos verlangt nach der so genannten weißen Weste, in die auch Diepgen und Landowsky gekleidet waren, bis man sie ihnen auszog. Wowereit ist kein zur Politik Berufener, sondern einfach ein Profipolitiker, er ist ein sozialdemokratischer Effenberg, und das ist gut so!

Steffels altmodisches Pathos der Berufung würde vollends unglaubwürdig, wenn er irgendwann zugeben müsste, dass er Lederbars liebt oder irgendetwas dergleichen. Bei Wowereit ist das vollkommen anders. Sein Outing war deswegen so interessant, weil es ein anderes, viel gravierenderes Outing bedeutete: Wowereit bekannte sich dazu, ein Profi zu sein und die Macht der Bild-Zeitung zu respektieren.

Im Abgeordnetenhaus bei der Wahl des Senats sah ich erstmals bewusst einen Typus, wie ihn Deutschland bislang nicht hatte: Menschen, die nie etwas anderes gemacht haben als Politik. Die Politiker geworden sind, wie andere Webdesigner oder Banker, Chirurgen oder Fußballer. Ich sah eine demokratische Abstimmung und sah gleichzeitig Leute Karriere machen. Auffällig war der Gestus der puren Freude über den Machtgewinn, der einer lange ersehnten Beförderung gleichkommt, vor allem bei den besonders abstoßend jubelnden Grünen: Jo, Freunde! Ihr wart 15 Jahre dran. Jetzt kommen wir endlich an die Töpfe!

Klaus Wowereit hat niemals einen anderen Beruf gehabt als den eines Politikers. Er ist ein Profi - deshalb sein Outing. Bild hat das sofort realisiert. Es verging kein Tag, an dem nicht wenigstens ein Artikel zur Homosexualität erschienen wäre, mit dem Tenor, wir haben nichts gegen Schwule, spielt keine Rolle, es gibt nichts Normaleres als Geschlechtsverkehr zwischen Männern.

Der Grund dafür wurde mir erst am Samstag im Preußischen Landtag klar, bei dieser Farce einer Wahl. Bild bereitet sich darauf vor, Wowereit eine wirkliche Schlacht zu liefern. Um die schweren Geschütze in Stellung bringen zu können, musste (und muss) Bild klarmachen, dass ihr sexuelle Orientierung völlig egal ist. Sie wird ihn nicht deswegen angreifen, weil er Männer liebt, sondern weil er ein Kommunistenfreund ist, der die Mauermörder an die Macht bringen will.

Wowereits Bekenntnis, das allein aus professionellem Kalkül heraus gemacht wurde, wird tatsächlich die Toleranz befördern, denn die Masse unserer Gesellschaft toleriert nach wie vor nichts, was Bild nicht toleriert. Um Wowereit (und alles, was mit ihm zu tun hat) zu verhindern, fortfegen oder nachhaltig denunzieren zu können, wird die Bild-Zeitung nie wieder schwulenfeindliche Artikel drucken. Das ist die Kunst des Krieges.