Die Geschichte geht so: Steigt ein Japaner am Frankfurter Flughafen ins Taxi und sagt: Zur Frankfurter Schule bitte. Glaubt der Mann doch tatsächlich, Adorno, Horkheimer und Habermas hätten eine regelrechte Soziologieschule betrieben, mit Klassenzimmer und Pausenhof. Der Taxifahrer wundert sich jedoch nicht, schließlich ist er Diplomsoziologe. Er chauffiert den Japaner schnurstracks in die Senckenberganlage, zum Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Liegt der Gast aus Fernost so falsch? Schließlich hat sich das 1923 gegründete und im Krieg zerbombte Institut nach seiner Wiedereröffnung im Jahre 1950 wirklich zu einer regelrechten Bildungsinstitution ausgewachsen.

Wissenschaftler aus vielen Disziplinen pflegten hier unter dem Direktor Max Horkheimer einen undogmatischen Marxismus, der unter dem Label "Kritische Theorie" für die Öffentlichkeit der späten sechziger Jahre so wenig erklärungsbedürftig war wie in diesen Tagen Begriffe wie Genom oder CD-ROM.

Und heute? "Wir stehen als Zwerge auf den Schultern von Riesen", seufzt der Frankfurter Philosophieprofessor Axel Honneth, der das Institut wissenschaftlich leitet und seit April dieses Jahres auch die Geschäftsführung übernommen hat. "Das gilt zwar für alle Forscher. Aber für uns eben besonders." Mit dem Habermas-Schüler dirigiert wieder - wie zur Blütezeit des Instituts in den frühen dreißiger Jahren - ein Philosoph die Geschicke der Sozialforschung. Bei seinem Amtsantritt stellte er ein Forschungsprogramm vor, an dem sich die Einzelprojekte wie Eisenpfeilspäne am Magneten ausrichten sollen. Honneths Konzept folgt der Grundidee, dass jene materiellen, rechtlichen und moralischen Fortschritte, die in der Moderne realisiert wurden, langfristig nicht mit individuellen Freiheitsgewinnen vereinbar sein müssen. Die kapitalistische Modernisierung, so die These, untergräbt mit all ihren Erfolgen ihre eigenen Voraussetzungen - ein Motiv, das von fern an die "Dialektik der Aufklärung" erinnert.

Honneths großer Entwurf, der die gesellschaftlichen Ursachen für subjektive Erfahrungen von Missachtung und Marginalisierung untersuchen will, wird derzeit von kleinen Arbeitsgruppen projektgerecht portioniert. Noch überwiegt die Freude der Mitarbeiter, dass mit Honneth "endlich wieder Dampf in die Bude kommt", die Sorge, dass sich das neue Programm als ein Korsett erweisen könnte - oder gar als Abschied von der Kritischen Theorie. "Alle wollen die große Tradition wieder beleben", sagt eine Mitarbeiterin, "aber eine radikale Kapitalismuskritik riskiert niemand mehr." Doch lohnt die Orientierung an den Alten heute überhaupt noch?

Ja, sagt der Soziologe Ulrich Beck, der nicht aus Frankfurter Kreisen kommt.

"Die Frankfurter Schule war der bedeutendste Theorieexport. Noch heute gilt sie zu Recht als der deutsche Beitrag zur internationalen Sozialwissenschaft." Wie die Franzosen mit der Provokation der Postmoderne in den achtziger Jahren weltweit tonangebend waren, die Engländer heute die Globalisierungsfrage dominieren, so haben die Frankfurter einst festgehalten, was kritische Soziologie zu leisten habe.