K L A S S I S C H E M U S I K
Die Kraft, die in der Ruhe steckt
Leif Ove Andsnes ist einer der aufregendsten Pianisten der jüngeren Generation
Fünfzig Meter vom Klavier bis zum Atlantik, das ist ein schmaler Streifen Sicherheit, dort oben nördlich von Stavanger, auf der norwegischen Insel Karmøy. Heute kann die Natur leidenschaftslos sein und morgen eine stürmische Arena. Leif Ove Andsnes hat das eine ganze Kindheit lang erlebt, daheim in der Stube, wenn er übte. Man kann, so lernte er damals, den Urkräften und ihren Stimmungen nicht entkommen, man muss lernen, sie auszuhalten.
Der Pianist Leif Ove Andsnes: Ganz ruhig ist sein Weg verlaufen, ohne Allüren, in nordischer Besonnenheit. Fast unbemerkt ist er zu einem der aufregendsten Pianisten der jüngeren Generation geworden, und nahezu jede CD-Veröffentlichung ist ihm in den letzten Jahren zu einem interpretatorischen Ereignis geraten. Seine Auftritte wirken unspektakulär, wenn er in den Konzertsälen zwischen Los Angeles und Tokyo und bei den prominentesten Symphonieorchestern zu Gast ist; oder wenn er Kammermusik macht, wie jetzt beim kleinen, aber hervorragend besetzten Festival Spannungen in dem Eifel-Städtchen Heimbach.
Weiträumige Expressivität
Wer den Norweger im Konzert erlebt, sollte seinen Augen nicht glauben. Vor dem Flügel sitzt er wie ein freundlicher, seine Arbeit sanft betrachtender Mechaniker, den von einem Stoiker nur die unglaublich schnellen und präzisen Bewegungen der Arme und Finger unterscheiden. Für die Galerie spielt Andsnes nie. In Heimbach begleitete er den Cellisten Heinrich Schiff bei Bachs Gambensonate D-Dur mit sperrangelweit offenem Mund. Und dass er dort mit dem c-moll-Klavierquartett von Brahmseine Mörderpartie vor sich hatte (die er gleichermaßen brillant wie tiefsinnig auskundschaftete), sah man ihm nicht an. Er nutzt die Kraft, die in der Ruhe steckt.
Zum Beispiel bei Leoc Janácek, dessen kurzsilbiges Musikvokabular Andsnes bei Jírí Hlinka, seinem Lehrer am Konservatorium in Bergen, studiert hat. Der zweite Satz in der Klaviersonate 1. X. 1905, einer der dumpfen Wirklichkeit abgezwungenen Parabel über die Ermordung eines tschechischen Arbeiters durch österreichische Soldaten, ist ein Trauermarsch und heißt Tod. Janácek, der große Lakoniker, hat hier eine Musik geschrieben, die den Puls der Erregung unerbittlich diszipliniert. Der Klavierton fällt wie in einen tiefen Brunnen und endet mit drei unsagbar nackten es-moll-Akkorden. Finsterer kann Musik nicht sein. Andsnes spielt diese Sonate wie ein Ritual der Erstarrung. Die einkomponierten Pausen sind für ihn Schluchten der Zeit, über die der Wind des Entsetzens hinwegfährt. Janáceks Wucht hält er aus.
Vor zehn Jahren bekam Andsnes für die ergreifende Janácek-Einspielung (Virgin 756939) den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Er war damals 21 Jahre alt und reif genug für die Einsicht, dass es in der Umlaufbahn einer internationalen Solokarriere darauf ankommt, eine unverwechselbare Position einzunehmen. Aber er ist Norweger, und alle Welt wollte Grieg von ihm hören. Deshalb gab er ihr das a-moll-Konzert und obendrauf das A-Dur-Konzert von Liszt. Zwei Schlachtrösser, die Andsnes gleichwohl vom altmodischen Zaumzeug befreit.
An Grieg interessiert ihn das Versponnene, an Liszt die unaufhörliche Metamorphose der Themen, die hinter dem vermeintlichen Dekor hervortritt. Geradezu abschreckend leicht, ja geordnet spielt er das Liszt-Finale. Wer da nicht genau hinhört, könnte glauben, Andsnes beaufsichtige lediglich die Musik. Dabei widersteht er bloß der Lust an jenen rieselnden Effekten, die Liszt von der Nachwelt angedient wurden. Selbst wenn Andsnes jungritterlich donnert, hat das immer einen Zug ins Rationale.
Die großen Spannungsbögen und die weiträumige, wie von langer Hand kalkulierte Expressivität, die seine CD-Produktionen auszeichnen, sind auch auf die spezielle Aufnahmemethodik zurückzuführen, die er für sich entwickelt hat. Im Gegensatz zu den Usancen der Branche setzen er und sein Produzent Tony Harrison die Stücke nicht als Collage aus lauter kurzen Takes zusammen, Andsnes spielt vielmehr jedes Stück komplett auf Band, x-mal hintereinander, manchmal eine ganze Woche lang - sodass am Ende solcher Marathonsitzungen immer der rote Faden einer Idee aus dem Knäuel feinster Varianten erkennbar ist. Der Segen dieser aufwändigen Prozedur: Der Zwang zu roboterhafter Präzision und der Fluch, immer möglichst identisch spielen zu müssen, verschwinden. Andsnes und das Mikrofon - das ist ein Verhältnis, in dem Entfesselung und Vernunft einträchtig gedeihen. Der Philosoph Sören Kierkegaard, den der Künstler gern zitiert, nannte dies die Gabe, der tiefsten See mit kühlem Blick auf den Grund zu schauen.
Die Wehmut im Schwung
Seine Janácek-Interpretationen schienen Andsnes als einen Spezialisten für schwierige Fälle auszuweisen. Gegen diese Vereinnahmung hat er folgenreich angespielt mit Chopin-Sonaten oder den unverwüstlichen Konzerten von Brahms und Rachmaninow. Mit lockendem und doch sehr ernsthaftem Witz informiert er uns über das Raffinement in Benjamin Brittens Klavierkonzert, über die am späten Beethoven entzündeten Triebkräfte in Carl Nielsens Chaconne oder - gemeinsam mit Simon Rattle - über den farbschillernden Neoklassizismus in Karol Szymanowskis Sinfonia concertante. Im vergangenen Jahr überraschte er mit seiner Einspielung dreier Klavierkonzerte von Joseph Haydn, die er mit apollinischem Charme gibt. Dagegen ist er in einer Auswahl von Haydn-Sonaten allzu flott unterwegs. Der Drive, den er dem Kopfsatz der D-Dur-Sonate Nr. 33 mitgibt, entgleitet ihm zu jenem nähmaschinellen Rattern, das er sonst so souverän und strategisch vermeidet.
Schumanns fis-moll-Sonate wiederum beginnt Andsnes, als wolle er sie mit einem Schleier der Melancholie überziehen. Die ersten vier Adagio-Takte legt er als unendlich weiches Niedersinken an, mit einem vorsichtigen Rubato, das Strenge mit Sehnsucht überwölbt. Umso beeindruckender, jäher wirkt dann die chevalereske Geste, mit der er ins Allegro vivace steigt. Bei ihm trappeln die Staccati nicht, sie sticheln. Repetition als Unruheherd. Nervöser Zauber entsteht durch absolute Ebenmäßigkeit des Rhythmischen. Genialisch, wie er im pompös-burlesken Intermezzo der Sonate den satirischen Geist Schumanns sprechen lässt. Die Frage, welchem der beiden Doppel-Ichs Schumanns sich Andsnes verwandt fühlt, ist müßig: Der drängende Florestan und der zart besaitete Eusebius sind bei ihm verschworene Geschwister, die unentwegt ihre Masken tauschen. Im Schwung die Wehmut entdecken, im Lyrischen das Aufsässige - in solchem Erlebniswechsel entsteht ein beinahe perspektivisch neues Schumann-Bild.
Was immer Andsnes spielt, das spielt er mit herrlich gebändigter Kraft und Konzentration auf das Innere der Musik. Und mit seiner gerade neu erschienenen Liszt-CD (EMI557002) ist ihm noch einmal ein Quantensprung gelungen. Die Dante-Sonate wütet bei ihm nicht, sie bebt. Die Mephisto-Walzer kichern vor vergnügter, zunehmend verfratzter Dämonie und sind doch klirrend logische Gebilde - keine Note zu viel. Die h-moll-Ballade rollt wütend und verliert sich am Ende fast in paradiesischer Verzückung. Doch ein Wunder ist Die Zelle in Nonnenwerth - ein Findelkind der Klavierliteratur, das selten nur zu hören ist. Andsnes spielt das Stück wie Liszts andächtigsten Ruf aus der Einsamkeit hinaus in eine Welt, die von ihm Magie verlangte, während er doch zunehmend nur dem heilig-reinen Wesen der Musik auf der Spur war.
Fast ein bisschen wie Leif Ove Andsnes selbst. Dessen liebste private Zelle liegt ebenfalls fernab der Zivilisation, hoch oben in den norwegischen Bergen. Der durch die Welt reisende Großpianist und in aller Stille operierende Verfechter tieferer Wirkungen liebt es, wenn ihn niemand hört - nicht einmal die Trolle, denen er sonst sein Herz so bereitwillig öffnet.
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