H O C H S C H U L E Die virtuelle Magd
Der Boom des Online-Studiums blieb bislang aus. Die meisten Angebote sind Mogelpackungen
Vor allem im Zug fallen sie auf: Kaum eingestiegen, klappen sie ihren Laptop auf und lösen den Blick vom Bildschirm erst wieder, wenn es Zeit wird auszusteigen. Was diese Mitreisenden so fesselt, ist kein Computerspiel, sondern meist das "Lernmodul" eines virtuellen Studiums - die Internet-Studenten lernen unabhängig von Ort und Zeit und arbeiten dabei trotzdem eng mit Kommilitonen und Lehrenden zusammen. So lautet zumindest das Versprechen, mit dem auch in Deutschland immer mehr "virtuelle Universitäten" ihre Bildungsangebote offerieren.
Susanne Offenbartl ist eine dieser Internet-Studentinnen. "Laptop und Ordner habe ich im Zug immer dabei", sagt die 38-jährige Politologin aus Frankfurt. Vor einem Jahr hat sie sich für den Master of Distance Education eingeschrieben, ein gemeinsames Angebot der Universität Oldenburg mit der University of Maryland in den USA. Studiert wird ausschließlich am Computer - oder mit Material, das aus dem Internet geladen und dann ausgedruckt wird. Nur so kann Susanne Offenbartl das Studium mit ihrem Job und mit der Familie unter einen Hut bringen: "Ich studiere vor allem zwischen 7 und 9 Uhr morgens und nach 21 Uhr."
In den USA und in Großbritannien gibt es bereits Zehntausende solcher Online-Studenten. In Deutschland gehört Susanne Offenbartl dagegen noch zu einer sehr kleinen Minderheit. Nur ein paar hundert Studenten sind hierzulande für komplette Online-Studiengänge eingeschrieben. Angeboten werden sie bisher nur dort, wo das Internet-gestützte Lernen nicht nur Methode, sondern auch Studieninhalt ist. So dreht sich auch ein Großteil des Master-Studiums von Susanne Offenbartl um die Frage, wie Computer, Internet und Multimedia im Fernstudium sinnvoll eingesetzt werden können. Weit über 50 Prozent aller Studierenden in den Industriestaaten werden virtuelle Studienangebote nutzen - mit dieser Prognose für das Jahr 2005 hatte eine Expertenkommission unter Vorsitz von Peter Glotz die deutschen Universitäten vor eineinhalb Jahren wachgerüttelt. Auf dem Weltmarkt würden dann vereinheitlichte Lernmodule gehandelt wie heute Öl oder Bananen, aus denen sich die Studierenden mit Unterstützung von so genannten Bildungsbrokern das für sie passende Angebot zusammenstellen können. Wenn nicht ganz schnell etwas geschehe, werde Deutschland diesen Zug verpassen, hieß es.
Tatsächlich ist inzwischen einiges in Bewegung gekommen. 430 Millionen Mark hat die Bundesregierung aus der UMTS-Versteigerung für die Entwicklung von Neuen Medien in der Hochschulbildung zur Verfügung gestellt. Nicht nur die Fernuniversität Hagen, fast jede deutsche Hochschule entwickelt derzeit virtuelle Studienangebote. 1600 von ihnen sind in einer Datenbank der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung mit dem Namen "Studieren im Netz" verzeichnet. Der Trend ist spät angekommen in Deutschland, dafür scheint die Aufholbereitschaft nun umso größer.
"Da wird viel geschönt"
Doch Vorsicht ist angebracht. Denn bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es sich bei der großen Mehrheit der virtuellen Studienangebote um Pilotprojekte handelt, die schon wieder ausgelaufen sind, oder um Pläne für die Zukunft.
"Da wird unheimlich viel geschönt", sagt Rolf Lindner, Informatiker an der TU Darmstadt, der seit 25 Jahren den Fernstudienmarkt beobachtet. Auch Andreas Reuter, Mitautor des provozierenden Szenario 2005 der Glotz-Kommission, ist skeptisch: "Was es bisher gibt, sind lokale Einzellösungen ohne vernünftigen Inhalt und ohne Nachhaltigkeit." Auf "höchstens ein bis zwei Prozent" schätzt Reuter den Anteil virtuell Studierender in Deutschland. Selbst in Baden-Württemberg und Bayern, den bundesdeutschen Vorreitern in Sachen virtueller Hochschule, werde "nur gebastelt". Wenn einem Hochschullehrer dort für die multimediale Aufbereitung seiner Vorlesung 25 000 Mark zur Verfügung gestellt würden, dann sei das eben für die Entwicklung eines dauerhaft funktionsfähigen Lernmoduls viel zu wenig.
Auch an der 1974 gegründeten Fernuniversität Hagen, Deutschlands einziger Hochschule ohne Campus, gibt es bisher erst 220 Studierende, die ausschließlich online lernen. Und das, obwohl sich Hagen in einem Grundsatzbeschluss als "Vision und Entwicklungsziel" auf die "virtuelle Universität" festgelegt hat. Immerhin bietet die Fernuniversität inzwischen in allen Fachbereichen insgesamt 140 Kurse mit interaktiven Studienmaterialien, die entweder online oder als CD-ROM zur Verfügung gestellt werden. Doch erst 16 000 der 58 000 Fernstudierenden haben einen Zugang zu den Internet-Angeboten ihrer Universität beantragt.
Auch Reuters Kommissionskollege José Encarnação vom Darmstädter Fraunhofer-Institut, der im Auftrag der Bertelsmann Stiftung regelmäßig die virtuellen Studienangebote in Deutschland untersucht, rückt inzwischen von der These ab, dass 2005 bereits über die Hälfte der deutschen Studierenden virtuelle Angebote nutzen werden: "Wir mussten, um zu provozieren, 2005 sagen, obwohl wir 2010 meinten."
Ob solche Provokation allerdings zum gewünschten Ergebnis führt, ist umstritten. So hat die Psychologin Nicola Döring "Torschlusspanik" als wichtigstes Motiv für viele der virtuellen Hochschulprojekte in Deutschland ausgemacht. Zwei Jahre lang hat sie die Anfangsphase der Virtuellen Hochschule Oberrhein wissenschaftlich begleitet. Per Teleübertragung wollen die Universitäten in Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe und Mannheim ihren Studenten die Teilnahme an Seminaren der jeweils anderen Hochschulen ermöglichen. Aber mehr als ein "gewisser Unterhaltungswert durch die vielen technischen Pannen" sei dabei nicht herausgekommen, sagt Döring. Und selbst wenn die Technik ausnahmsweise funktionierte, hätten die talking heads auf dem Videobildschirm nie die intensive Arbeitsatmosphäre eines Präsenzseminars erreicht.
Die eigentliche Stärke virtuellen Lernens, davon ist die Psychologin Nicola Döring überzeugt, liegt nicht im Ersatz, sondern in der Ergänzung normaler Universitätsveranstaltungen. Wenn das Vorlesungsskript mit weiterführenden Literaturhinweisen auch im Internet steht, können die Studierenden ihr Seminar besser vor- und nachbereiten. Gibt es dazu ein Online-Diskussionsforum, reden auch schüchterne Studierende mit, die sich in der Vorlesung nie zu Wort melden. Und ein Austausch multimedialer Lernmodule mit der Nachbaruniversität im gleichen Bundesland sei angesichts der gewaltigen Probleme bei der Anerkennung auswärtiger Studienleistungen allemal sinnvoller als das Schielen auf einen globalen Bildungsmarkt. "Nur ist das dann nicht so spektakulär, dass es am nächsten Tag gleich in der Zeitung steht."
Kein Medium für Querdenker
Als ein "Medium für die Mittelmäßigen" sieht Rüdiger Lautmann, Soziologe in Bremen, das virtuelle Studium. Erstklassige Dozenten, die auf Originalität Wert legen, würden auch in Zukunft Präsenzveranstaltungen vorziehen, ebenso die "ganz kleinen Geister", die nicht in der Lage sind, ihre Lehrinhalte medial so aufzubereiten, dass sie einer öffentlichen Kritik standhalten können. Auch bei den Studierenden sei es am ehesten das "mittlere Segment", das an virtuellen Studienangeboten Gefallen finden werde. Denn gut eignen diese sich vor allem für die reine Wissensvermittlung, für kreatives Querdenken dagegen kaum.
Wenig eignen sie sich auch für soziale Kontakte, die im Studium oft zu Freundschaften führen, die ein Leben lang halten. Richtiges Studentenleben kann es virtuell eben nicht geben. Das weiß auch die Online-Studentin Susanne Offenbartl. Trotzdem sagt sie inzwischen ganz nüchtern: "Im Erststudium war das Socializing für mich ganz wichtig, aber jetzt bin ich nicht auf der Suche nach sozialen Kontakten." Von ihren Universitäten in Oldenburg und Maryland hat sie noch nicht einmal Fotos gesehen: "Ich stelle mir das nicht räumlich vor." Und als sie neulich einem ihrer "virtuellen Kommilitonen" zufällig auf einem Kongress begegnete, da sei das ganz nett gewesen, aber eigentlich nicht nötig.
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