M E D I E N Qualität schützt nicht vor Krisen
Die "New York Times" hat wirtschaftliche Probleme und entlässt Mitarbeiter.
Nein, freudvoll ist die Stimmung bei der New York Times angesichts der anstehenden Entlassungen nicht gerade. Aber das war sie ja noch nie. Elitär und konkurrenzbetont geht es bei Amerikas renommiertester Zeitung zu, unter Umständen auch ein wenig klerikal. "Viele Leute hier sehen unseren Beruf als eine Art Religion", sagt eine langjährige Angestellte
Doch in den kommenden Wochen werden einige der Mitglieder die Kirche verlassen müssen. Denn die New York Times Company leidet wie alle Medienunternehmen in den USA derzeit unter Anzeigenschwund, erhöhten Papierkosten und den Folgen einer erlahmenden Ökonomie und will schon bald weitere Mitarbeiter entlassen. Bereits im Januar hatten 69 Angestellte in der Online-Abteilung ihren pink slip, also ihre Entlassungserklärung, bekommen. Acht bis neun Prozent der insgesamt 14 000 Times- Angestellten sollen diesmal gehen, darunter schon wieder Kollegen der Internet-Ausgabe. Ob auch einige der 1032 fest angestellten Journalisten betroffen sein werden, ist noch nicht bekannt. Ihnen soll in jedem Fall eine Abfindung angeboten werden.
Bei einer kürzlich in Manhattan abgehaltenen Investorenkonferenz versuchte Russell Lewis, Präsident und Geschäftsführer des Unternehmens, die Situation schönzureden. Er wies darauf hin, dass die Times immer noch mehr Werbung verkaufe als die Konkurrenten Wall Street Journal und Business Week. Doch die Zahlen sprechen für sich. "Es trifft sie alle", kommentiert Joe Strupp, Redakteur der Zeitschrift Editor & Publisher. Im ersten Quartal sank der Gewinn der Times Company wegen der Anzeigeneinbrüche im Vergleich zum Vorjahr um über 26 Prozent auf 61,3 Millionen Dollar. Verantwortlich gemacht werden vor allem die fehlenden Werbegelder der inzwischen eingegangenen Dotcom-Unternehmen, die den Medienhäusern im Vorjahr durch aggressive Werbekampagnen ungeahnte Zusatzprofite bescherten. Analysten erwarten, dass sich der Markt erst im nächsten Jahr wieder erholt.
Doch manche glauben, dass das Ökonomiependel lediglich zurückschwingt. "In den letzten Jahren wurden ja auch sehr viele neue, zusätzliche Journalisten angeheuert", sagt Sig Geissler, Professor an der Columbia School of Journalism. "Ich glaube nicht, dass die Entlassungen die Qualität der Zeitung ernsthaft beeinträchtigen." Weitaus schmerzlicher werde es dagegen, so erwarten es die Analysten, den Boston Globe treffen, der neben 15 weiteren Zeitungen und 8 Fernsehstationen ebenfalls zu den Besitztümern des New Yorker Verlags gehört.
Das Internet wird zum Zugpferd
Dabei befindet sich das Hauptblatt seit einigen Jahren auf einem ungewöhnlichen Höhenflug. Die Verleger legen Wert darauf, dass die Times nicht nur als New Yorker Zeitung gesehen wird. Spätestens seit der Einführung der nationalen Ausgabe 1980 heben sie auch ihr überregionales Profil hervor. Die Umstellung auf den nationalen Markt war allerdings ursprünglich "keine großartig angelegte Strategie, um den Rest des Landes zu erobern", sagte Arthur Sulzberger junior, Verleger und Vorstandsvorsitzender der New York Times Company, in einem Gespräch mit der Los Angeles Times. Es sei schlichtweg eine Reaktion auf die Energiekrise Ende der siebziger Jahre gewesen, als die Fluggesellschaften gezwungen waren, Nachtflüge einzustellen, mit denen die Zeitung üblicherweise gen Westen transportiert wurde. Seitdem fing das Unternehmen schrittweise an, Druckhäuser im ganzen Land zu etablieren, und ermöglichte es den Lesern auf diese Weise, die Zeitung auch in anderen Teilen des Landes zu abonnieren. Heute sind es zwölf Druckereien, drei weitere sind in Planung.
- Datum 15.11.2006 - 08:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT
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