E R L E B N I S Durch den Berliner Sumpf

Paddeln in der Hauptstadt. Von Ost nach West. Geht das? Aber klar!

Die Risiken waren beträchtlich, wagten wir uns doch auf unerforschte Gewässer. Ich habe jahrelang am Landwehrkanal gewohnt - kaum je gelang es einer Bootsbesatzung, mit bloßer Muskelkraft bis zum Lohmühlenbecken vorzustoßen. Der Berliner Sumpf ist nicht umsonst sprichwörtlich: In seinem Labyrinth - 2 große und ein halbes Dutzend kleiner Flüsse, 10 Kanäle, 50 größere und 100 kleine Seen - kann ein Boot auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Nach monatelanger Vorbereitung - Überlebenstraining (Prinzenbad), Malariaprophylaxe (Autan), Proviant vom Spezialausrüster (Aldi), Mobiltelefon für Ship-to-Shore-Calls - stechen wir schließlich an einem winterlichen Junitag in Spree. Wir, nämlich mein Freund Martin, der im Seekajak schon bis vors Nordkap gepaddelt ist, und ich, dessen bisher spektakulärste Bootstour die Bezwingung der Hase von Quakenbrück bis Meppen war. Wie es sich für Forschungsreisende gehört, verfolgen wir eine höhere Mission: die Rehabilitierung der Wasserstadt Berlin. Allzu viel war in den letzten zehn Jahren von ihrem steinernen Leib die Rede, von Masse, Höhe, Dichte. Dabei stellt Berlin, wie nur wenige Städte Europas, eine amphibische Metropole dar, ein urbanes Feuchtbiotop.

Auch deshalb beginnt die Reise in Rüdersdorf, hart hinter der östlichen Stadtkante. Seine schier unerschöpflichen Kalkvorkommen bescherten dem Ort eine frühe Großindustrie. Ob am Brandenburger Tor, für die Berliner Mauer oder die futuristische Altstadt des Potsdamer Platzes - bis heute steht und fällt Berlin mit Steinen, Mörtel und Zement aus Rüdersdorf. Die Stadt, so das geflügelte Wort, ist »aus dem Kahn gebaut«: Die Baustoffe wurden per Schiff befördert, wovon prunkvolle Kanalportale zeugen und die seit 500 Jahren bestehende Schleuse im Nachbarort Woltersdorf. Dort liegt auch unser Bootsverleih, jwd und dennoch mittendrin im europäischen Gewässersystem. Wer wollte, könnte von hier aus bis nach Hamburg paddeln, nach Helsinki oder Prag, nach Basel ... Istanbul ... Marseille ... oder eben nach Spandau.

In Woltersdorf scheint sich wenig geändert zu haben, seit Fontane das bunte Treiben hier beschrieb: »Auf der Schleuse war ein großes Leben. Überall Vorstadtehepaare mit merkwürdig forschen und hübschen Weibern, und alle von einer kolossalen Sicherheit und Befriedigtheit.« Die Straßenbahn rollt seit 1913 durch den Wald, und im Ortskern hat, wo nicht guter, so doch alter Osten überdauert: Am Thälmannplatz warten Rosi's Zeitungsboutique und der Frisiersalon Adrett gleichmütig auf Kundschaft.

Tropisch wuchernde Welt

Bedeckter Himmel, kein Lüftchen weht. Wie ein Glasschneider gleitet der Bug durchs spiegelglatte Wasser. Betörend weht das Bukett weiß blühender Robinien herüber. Fische floppen, ein Kormoran startet durch. Nichts deutet auf die Nähe einer Großstadt hin, die üppig grünen Wälder scheinen bis zum Baikalsee zu reichen. Die Ortsnamen entlang der Seenkette künden von der Sehnsucht der Städter nach maritimem Flair: Neuseeland, Neu-Helgoland, Neu-Venedig. Wir queren die Spree und laufen ein in den grünen Tunnel des Gosener Grabens, in eine gärende, tropisch wuchernde Welt, die dem oberen Sepik in Neuguinea kaum nachsteht. Bei Schmöckwitz dann wieder märkische Weite, gleich vier Seen bilden ein Wasserkreuz. In Grünau legen wir einen Zwischenspurt auf der olympischen Regattastrecke von 1936 ein. Die mit Bojen abgesteckten Bahnen markieren auch die Scheide von Wildnis und Zivilisation: Organisches weicht Organisiertem.

Schon schiebt sich, anmutig wie auf einer Vedute, die Skyline von Köpenick um die Kurve: das Schloss, die Kirch- und Rathaustürme, die ersten Bürgerhäuser Schulter an Schulter. Die Stadtlandschaft löst prompt urbane Reflexe aus: Zeit für einen Cappuccino. Wir vertäuen unser Kajak am Steg des Krokodils, eines Cafés mit kleinem Badestrand, und gönnen uns einen Apfelstrudel. Es sollte der einzige Wirbel auf dieser Strecke bleiben. Der Stadtteil heißt übrigens Kietz - das Fischerdorf gab allen geselligen Nachbarschaften den Namen. Der, versteht sich, slawischen Ursprungs ist, wie auch Berlin selbst, was nichts anderes als Sumpf bedeutet. Seine Ureinwohner, »Sprewanen« und »Havelduni« nämlich, haben außer in den Genen der Berliner auch in den Namen der beiden Flüsse überlebt.

Mit einschüchternden Bugwellen kommen uns Schubverbände auf dem Weg nach Polen entgegen, dazu fidele Ausflugsdampfer und Motoryachten mit prinzipiell blasierten Freizeitkapitänen, die keine Miene verziehen, wenn sie uns begegnen. Ein Stück flussabwärts liegt das Aparthotel an der Spree, eine der wenigen Herbergen mit Bootsanleger. Mitsamt Paddeln stolzieren wir an die Rezeption. Schnell unter die Dusche und dann per Taxi ins Konzert - so lob ich mir die Großstadt. Und am nächsten Morgen geht es einmal nicht zum Parkplatz, sondern an den Steg. Warum nur gebärdet Berlin sich sonst so wasserscheu? Warum zum Beispiel verkehren keine Taxis auf dem garantiert staufreien Fluss? Spreefahrt tut not! lautete einmal der Titel eines einschlägigen Leitfadens.

Neben uns rüstet ein Cottbuser Ehepaar zur Heimreise und kalfatert jede Ritze seines feuerroten Motorboots mit Gepäck. Dahinter hissen vitale Mittfünfziger die holländische Fahne auf zwei schnittigen »Ruderschiffen«, die sie per Transporter ins erregend exotische Berlin verfrachtet haben. Wir aber nehmen Kurs auf die Mitte. Streichen vorbei an den Industrieruinen von Oberschöneweide, an deren Kaimauern die Wellen schmatzen. Was tun mit all den überschüssigen Lagerflächen, mit den verwaisten Hallen und Speichern? Ob »Spreeknie«, »Spreehöfe«, »Spreeterrassen« - die Magie des Wassers soll in neuen Wohn- und Bürokomplexen »hauptstädtische Exklusivität« herbeizaubern.

Bedächtig weitet die Spree sich noch einmal, bevor die Stadt sie in enge Korsagen zwingt. Von Natur aus klar und farblich zwischen Nato-Grün und Umbra, mutet sie dennoch ominös an, wenn auch nicht ganz so garstig, wie Alfred Kerr sie einmal beschrieb: »ruppig, schielend, mißtrauisch, kleinlich«. Vom Wasser aus wirkt Berlin unerbittlich grün. Kaum je stehen die Häuser direkt am Ufer, gehen vielmehr missbilligend auf Distanz. Nicht Stein bildet das vorherrschende Element, sondern Äther. Die Welt erscheint gedehnt und dank der Brücken auch gewölbt wie durch ein Fischaugenobjektiv. »Die Stadt hat eine andere Physiognomie; eine intimere und ehrfürchtigere zugleich«, schrieb Joseph Roth nach einer Motorbootfahrt. Intimer - weil sie sich zum Fluss hin ungezwungener gibt, mit Strandkörben auf diskreten Dachterrassen und Behelfsbungalows am Wasser. Ehrfürchtiger - weil die stete Bewegung der Fahrt etwas Feierliches verleiht, weil nicht wir an der Kapitale, sondern diese an uns vorüberdefiliert.

So eine Bootspartie hat etwas Klandestines; leicht und lautlos gleiten wir durch die ahnungslose Stadt. Vorbei an feisten Anglern, die stumm wie ihre Fische bleiben. An absonderlichen Gehern, die im Plänterwald ihre Runden ziehen, vom donnernden Crescendo der Achterbahn getrieben. An einem Friedhof am Wasser. Plötzlich ein rasendes Rauschen in unserem Nacken: Wie der Vogel Greif stürzt sich ein Wasserflugzeug auf uns und landet ein paar Bootslängen voraus. Überhaupt beleben allerhand Metropolen-Accessoires die Lüfte: Zeppelin, Ballon, Hubschrauber und Doppeldecker, über dem Technikmuseum hängt dann noch ein ausgestopfter Rosinenbomber.

Bei Stralau öffnet sich eines der wenigen städtischen Panoramen, vielgestaltig und verheißungsvoll. Hinter eng gestaffelten Brücken, über die mal reptiliengleich ein ICE gleitet und mal die gute alte S-Bahn schnurrt, unten rot und oben gelb wie eine Currywurst, rückt die Innenstadt zu einem Massiv zusammen. Jonathan Borofskys dreifaltiger Molecule Man steht an der Einfahrt Wache. Schon vor unserer Odyssee haben wir uns darauf gefreut, zwischen den Beinen dieses Zyklopen hindurchzupaddeln.

Da die Innenstadt für motorlose Boote gesperrt ist, wollen wir sie auf dem Landwehrkanal umfahren. Bis zum Mühlendamm käme man freilich noch, dorthin, wo alles anfing, wo an einer der wenigen Furten durch die Spree die Zwillingsstädte Berlin und Cölln entstanden. Doch uns zieht es zum Aqua-Brunch ins Café Freischwimmer, dessen sonnengebleichte Planken sich über den Flutgraben der Schleuse spannen. Ein echt Kreuzberger Idyll, schrottiges Biedermeier mit rotsamtenem Knutschsofa in der Laube. Es muss in einem anderen Universum gewesen sein, als Schnellboote hier wie Raubfische patrouillierten und nachts mit ihren Lichtfingern nach Flüchtlingen tasteten. Als dieser kleine Fluss die Grenze zwischen zwei Imperien bildete. Alles hat sich geändert - und auch wieder nichts, was den Mikrokosmos des alten SO 36 angeht. Am Nachbartisch transkribiert ein Hobbymusiker aus Passau Alo-Ahe mit einem Bleistiftstummel für Gesangsquartett. Der junge Mann daneben stellt sich nonchalant als »Zauberer« vor, im Anbau feiern Musik-clip-Produzenten einen gewonnenen Preis. Dazwischen scheue Mädchen in Berliner Schwarz, ein sich anschweigendes Lesbenpärchen und aufgebrachte Schnösel.

Da müssen Se sich jedulden

Um die Ecke lag übrigens einst die Pfuelsche Badeanstalt, benannt nach einem preußischen General, der das Brustschwimmen erfunden hat. Wir sind versucht, unsere Mission hier für beendet zu erklären und den Rest des Tages selig zu vertrödeln. Doch schließlich reißen wir uns los und geraten als Beifang mit einem Dampfer in die Schleuse. In verheißungsvoller Langsamkeit öffnen sich die Tore zum Landwehrkanal. Bierdosen, Plastikflaschen und Wodkapullen dümpeln auf dem Wasser - willkommen in Kreuzberg und Neukölln!

Als Gewohnheitsberliner bin ich ungezählte Male die Sinuskurven des Kanals entlanggefahren, glaube jedes Haus und jede Kneipe dort zu kennen - und erlebe ihn nun doch wie zum ersten Mal. Aus einem städtischen Jenseits heraus, zugleich mittendrin und seltsam außen vor, exponiert und dennoch unbelangbar. Für die Kiezbummler bilden wir eine pittoreske Attraktion, sie wechseln über die Brücken, um uns nachzuwinken. An der Möckernbrücke verwindet der Kanal sich mit der Hochbahn zur Doppelhelix und streift dann den Potsdamer Platz, wo das Debis-Hochhaus wie ein Leuchtturm aufragt. Und just hier, am Inbegriff des neuen, steinernen Berlin, schwirrt eine saphirblaue Libelle durchs Schilf der Uferböschung. Der wahr gewordene Traum des Gemütsmenschen: die Versöhnung von Weltstadt und Naturschutzgebiet.

Dann naht auch schon die Tiergartenschleuse. Hart steuerbord hängt eine Gegensprechanlage an einem Poller. Der Wassersportler, fröhlich flötend: »Ein Paddelboot nach Spandau.« Der Schleusenwärter, aus Gewohnheit polternd: »Da müssen Se sich jedulden! Se wern uffjerufen!« Zum Ergötzen der Müßiggänger, die am Ufer schmökern, schmusen oder einfach schauen, dümpeln wir herum. Entenfamilien rudern heran, um Wegzoll zu erheben.

Hinter der Schleuse gehen wir zur Stärkung an der Capt'n Schillow längsseits, einem rustikalen Restaurantschiff. Noch ein paar kräftige Paddelzüge - und die Spree hat uns wieder. In spiegelbildlicher Folge passieren wir erneut ein Industrierevier, bevor sich in den Havel-Niederungen der grüne Westen öffnet. Wir ziehen am Flughafen Tegel vorbei, an der Siemensstadt und schließlich am monumentalen Elektrizitätswerk Reuter, einer Kathedrale der Kraft. Im Hafen liegen die Kohleschlepper Schlange - auch ein gut Teil seiner Energie bezieht Berlin auf dem Wasserweg.

An der Spandauer Zitadelle hieven wir das Boot dann aus dem Wasser. Ein aufgescheuchtes Liebespaar begrüßt uns stilecht mit einem Joint. Droben auf der Brücke zieht allerhand Volk in die Festung: vollbusige Burgfräulein und barettbewehrte Landsknechte auf dem Weg zu einem mittelalterlichen Gelage, dazwischen Kürassiere in Uniformen aus der Napoleonischen Zeit, die ein Heerlager im Hof abhalten, und Besucher eines Jazzkonzerts in der Freilichtbühne. Berlin bizarr. Während der Verleiher das Boot abholt, machen wir uns widerstrebend mit dem Festland und seiner lähmenden Schwerkraft vertraut. Nachts im Bett kostet der Körper die Fahrt noch nach. Links ... rechts ... links ... rechts. Die Spree fließt innerlich weiter. Und die Stadt wird nie wieder dieselbe sein.

Information

Bootsverleih: Wassersportstation Neumeyer, Strandpromenade, 15569 Woltersdorf. Tel. 030/51 06 93 26. Kajakmiete für einen Tag 50 Mark, für jeden weiteren 35. Für den Rücktransport eine Mark pro Kilometer. Weitere Verleiher im Branchenbuch oder über den Fremdenverkehrsverein Köpenick, Tel. 030/655 75 51, Fax 651 45 98

Übernachtung: Aparthotel an der Spree, Weiskopffstraße 16/17, 12459 Berlin. Tel. 030/53 00 50-0, Fax -666. DZ mit Frühstück 119 Mark. Über die »Gelbe Welle«, preiswerte Quartiere für Wassersportler, informiert ebenfalls der Fremdenverkehrsverein Köpenick

Routen: Mit Ausnahme der innerstädtischen Spree zwischen Mühlendammbrücke und Tiergarten sind sämtliche Berliner Fließgewässer für motorlose Boote befahrbar. Die beschriebene Tour führt über zwei Tage mit jeweils gut 20 Kilometern Strecke

Literatur: Für Wasserratten: »Auf Havel, Spree und Landwehrkanal«; Stadtführer; Jaron Verlag, Berlin 1999; 120 S.,16,80 DM

Für Landratten: »Wasser in der Stadt - Perspektiven einer neuen Urbanität«; Transit, Berlin 2000; 272 S., 48,- DM

Für Leseratten: »Berlin am Meer«; Anthologie; Bostelmann & Siebenhaar Verlag, Berlin 2000; 22 S., 24,80 DM

 
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