P O L I T I K B E R A T U N G Die Mächtigen schlau machen
Einflüstern, steuern, manipulieren. In der Hauptstadt boomt das Geschäft der Besserwisser
Als Roman Herzog noch Bundespräsident war, fragte er einmal: "Warum ist in Amerika Politikberatung selbstverständlich, während sie bei uns doch eigentlich immer noch als Luxus gilt?" Das war vor fünf Jahren. Die Frage ist auch heute noch berechtigt. Zwar nennen sich mehr Leute denn je Berater und versuchen, ins Geschäft zu kommen. Aber wenn es ernst wird, finden externe Berater nur schwer Gehör. Dabei ahnt auch die Politik, dass sie guten Rat braucht. Politiker wie Ministeriale entdecken immer häufiger - schlag nach bei Kant -, dass die Notwendigkeit zu entscheiden weiter reicht als die Möglichkeit, zu erkennen. Die Probleme entwachsen ihnen, der Beratungsbedarf steigt.
Kanzleramtschef Frank Walter Steinmeier, Schröders Mann für heikle Fragen, erklärt es mit einem Beispiel: "Das Maß an Sachverstand, das Sie brauchen, um in der Biotechnologie einen Sachverhalt zu beschreiben, für den Sie Lösungen suchen, können die Ministerien gar nicht bereithalten. Und wenn sie ihn denn hätten, dann wäre er nach fünf Jahren veraltet und müsste ausgemustert werden." Mit der gesellschaftlichen Dynamik Schritt zu halten setzt die Politiker in der "beschleunigten Gesellschaft" zusätzlich unter Druck. Sigmar Mosdorf, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, spricht Fraktur: "Politik ist heute ein Geschäft, in dem sie am Fließband entscheiden müssen. Guter Rat ist wichtiger als vor 20 Jahren." Der hastige Blick, den er dabei auf die Aktenberge auf seinem Schreibtisch wirft, spricht für sich selber.
Wo lassen die Politiker denken? In der alten Bundesrepublik war das keine Frage. Im Bonn der späten fünfziger Jahre dachten sie noch selber. Die wichtigste Adresse für Fragen an die Zukunft war die Wahrsagerin Buchela, eine Zigeunerin aus der Eifel. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik verließ sich Konrad Adenauer auf seinen Bankiersfreund Robert Pferdmenges. Aber der musste auch noch nichts über die Deregulierung der internationalen Finanzmärkte wissen oder andere komplexe Sachthemen. "Bis 1982 hätte ich gesagt: Es gibt keine externe politische Beratung", überlegte Horst Teltschik, einst außenpolitischer Berater von Helmut Kohl. "Aber das hat sich geändert." Er selber gehört heute zu der kleinen Gruppe internationaler Politikberater. Dreimal war er bei Präsident Putin, auch chinesische Führungskader bitten ihn zum Gespräch. Außerdem ist er Organisator der international besetzten Wehrkundetagung in München. Geld, sagt er, verdiene er damit nicht. Als ehemaliges Vorstandsmitglied hat er noch einen Beratervertrag bei BMW.
Auch Peter Radunski, einst der Modernisierer der CDU-Wahlkämpfe, ist ein gefragter Mann. Er bewegt sich auf dem schwierigen Feld zwischen Politikberatung und Öffentlichkeitsarbeit. Die Grenzen sind fließend. Radunskis Schreibtisch steht heute im ultramodernen Ableger der französischen Werbe-und Kommunikationsgruppe publicis, die auch für die Kommunikation von Coca-Cola zuständig ist. "Die Amerikaner sind gewöhnt", erklärt er, "sich einen Agenten für Public Affairs zu nehmen. In Bonn war das nicht nötig. In Berlin ist es wichtig."
Seit dem Umzug nach Berlin ist Schluss mit der Gemütlichkeit. Die Berliner Bühne ist weltläufiger, die Medien sind aggressiver, der Meinungs- und Entscheidungsdruck härter. Banken, Unternehmen und Verbände wetteifern in dem Ehrgeiz, als good corporate citizen zu glänzen. Gesellschaftliche Relevanz gilt als imagefördernd. Die Salonkultur blüht, zahlreiche Gesprächskreise konkurrieren um die interessantesten Themen, die prominentesten Redner und die größte Ansammlung von Promis. Profil ist gefragt, Ausstrahlung, Kommunikationstalent. Das Gewühl auf dem Forum Berlin, in das sich alle Welt einfädeln will, bietet Beratern aller Art ein nie gekanntes Podium.
Kreative PR-Leute, professionelle Kommunikationsberater, fantasievolle Imageexperten, aber auch Glücksritter und Scharlatane springen mit Gusto in Dienstleistungslücken, die es früher nicht gab. Zu einem modischeren Brillengestell wie bei Kohl, zu einem schickeren Schlips wie bei Eichel oder zu einem gelben Pullunder als Erkennungszeichen für FDP-Genscher zu raten reicht hier nicht mehr aus. Politische Kultur, Lebensstile, Verhaltensweisen, geisteswissenschaftliche Traditionen, der unglaubliche Politikmix zwischen Berlin und Brüssel - das alles will gelernt und begriffen sein, wenn beispielsweise Coca-Cola eine Antwort auf die Frage sucht, wie sich dem latenten Antiamerikanismus der Deutschen begegnen lässt.
- Datum 30.10.2007 - 12:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT
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