Schon einmal im Wald laut gesungen oder gepfiffen, um das Böse zu verscheuchen? Schon einmal im Keller, wenn das Licht verlöscht, den Atem angehalten und die Hände vors Gesicht geschlagen, um das im Dunkeln Lauernde zu vertreiben? Dann wissen Sie, wie diese Musik klingt: kindlich, einfältig, ängstlich und irgendwie sehr abergläubisch.

Diese Musik - und das wird bereits nach den allerersten Takten der Introduktion Maestoso ed Adagio klar - lebt über ihre Verhältnisse. Alles, was sie ist, nimmt sie vom Lebendigen. Raubbau treibt sie, an sich selbst wie an der Welt. Sie singt, mit dünner Stimme, wo sich jeder Gesang verbietet.

Sie behauptet Präsenz, reale Gegenwart, ja Kunst, wo längst alles zu Ende ist. Wo buchstäblich nichts mehr stattfindet, kein Echo, kein Widerhall, nur mehr Schemen, Schatten, Schlieren lang versunkener Melodien.

Und wenn sich diese dann doch noch einmal Gehör verschaffen, ein letztes Mal und wie durch einen Schleier hindurch, im Lento des sechsten Satzes etwa, dann bricht es uns das Herz: Die einzelne Stimme, die sich, halb seufzend, halb jubilierend, über dem bohrenden Unisono-Schmerz, den bitteren Verschränkungen erhebt, ihn lichtet, ihn mildert, um dann in eine höchst konventionelle, ja hämische Stretta auszubrechen - das gehört gewiss zum Ungeheuerlichsten, Gewagtesten, Ergreifendsten, was Joseph Haydn jemals geschrieben hat. "Consumatum est!", sagt die Bibel an dieser Stelle, "Es ist vollbracht!" - und wer dächte hier nicht an Arnold Schönberg, an den zweiten Aktschluss von Moses und Aron: "O Wort, du Wort, das mir fehlt!" Gerade in ihrer Fassung für Streichquartett sind Haydns Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuz (1787) vielfach kommentiert worden. Carl Maria von Weber sprach vom "Nackenden der Tonkunst" darin

und der Musikhistoriker Peter Gülke diagnostizierte eine "zugleich textgebundene und textlose Musik", deren andere Spielarten - als Orchestersuite, als Oratorium - den ursprünglichen Gedanken "zerreden" würden.

Ein bekannt-unbekanntes Werk? "Die Aufgabe", so schrieb der Komponist 1801 selbst, "sieben Adagios aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten." Nicht nur, dass das Rosamunde Quartett dies mit unerhörter Sensualität bewältigt (ECM New Series 1756 461780)

man gewinnt den Eindruck, die Münchner Musiker - Andreas Reiner, Simon Fordham, Helmut Nicolai und Anja Lechner - hätten hier zu einer ganz neuen, quasi absichtslosen und meditativen Stufe der Vierstimmigkeit gefunden.