"Es ist der 20. Jänner. Ich heiße Lenz und gehe durchs Gebirg." Wenn Georg Büchner einer der 16 Bewerber um den 25. Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewesen wäre, dann hätte er seine Erzählung Lenz in der ersten Person Singular Präsens beginnen müssen - so wie schrecklich viele jener zumeist jungen Dichter und Dichterinnen, die mit völliger Unbefangenheit von sich selber auf die Welt schließen. Umgekehrt wäre der literarisch bessere Weg, aber dazu müsste man ein bisschen was von der Welt wissen.

Wer nichts von ihr weiß, schweigt stille, oder er geht nach Klagenfurt und liest einen Text vor, zu dem dann die Jurorin Birgit Vanderbeke sagen muss, sie sehe sich überfallen von "emotionalen Innereien". Ein hässlicher, aber deutlicher Satz. Vielleicht dachte sie an Adornos Diktum, bei vielen Menschen sei es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagten. "Ich" sollte man in literarischen Dingen eigentlich nur verwenden, wenn man erkennbar nicht sich selber meint

und das Präsens nur dann, wenn damit eine räumliche und zeitliche Tiefe geöffnet wird, die vielleicht noch weiter reicht als die des Präteritums.

Die Herrschaft des Präsens und die der ersten Person bestimmte leider nicht nur die Texte, sondern auch die Beiträge der Juroren. Dergestalt etwa, dass der erste monierte, dieser bestimmte Satz passe ganz und gar nicht in die Erzählung, während der zweite meinte, er passe sehr gut, worauf der erste abschließend sagte, darüber könne man offenbar nicht diskutieren.

Hätte man jedoch müssen. Aber man konnte nicht, weil gegeneinander gestellte Geschmacksurteile, dem Donnerwort Hegels zufolge, "die Wurzel der Humanität mit Füßen treten", insofern nämlich, als die Kraft des vernünftigen Arguments in eine kw-Position (kann wegfallen) gerät und durchs persönliche Dafürhalten ersetzt wird.

Gegen die Gründergeneration der Klagenfurter Schauprozesse - damals glich der Wettbewerb zuweilen einem Schauprozess, heute zuweilen einem Proseminar -, gegen die so genannten Großkritiker wie Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens oder Joachim Kaiser kann man eine Menge einwenden (was ja auch immer wieder geschehen ist), aber wenn die "ich" sagten, dann redeten sie nicht aus einer subjektiven Empfindungslage heraus, sondern als stolze Repräsentanten jener großen, alten Institution, die Literat urkritik heißt.

Von der war in Klagenfurt nicht viel zu spüren. Es schien kein Zufall, dass kaum ein wirklicher Kritiker auf dem Podium saß, stattdessen vornehmlich durch literaturkritische Leistungen nicht übermäßig aufgefallene Autoren und Professoren. Auch Professoren können Literaturkritiker sein, wenn sie nicht gerade Elisabeth Bronfen heißen, die gegenüber misslungensten Texten eine geradezu ethnologische Interessiertheit zeigte und gerne Sätze sagte wie: "Man könnte jetzt an Nietzsche denken." Was sie dann auch tat. Ein Trost, dass es die scharfsinnigen und sprachfähigen Köpfe von Denis Scheck und Burkhard Spinnen gab.