Wurzen

Wenn du noch nie geschlagen worden bist", sagt Alexander, "hast du noch richtig Angst davor." Daniel nickt: "Ja, das erste Mal ist das schlimmste."

Alexander konnte den Rechten bisher stets aus dem Weg gehen. Daniel haben sie bereits zweimal erwischt. Er weiß schon, wie das ist, wenn sich die Glatzen auf einen stürzen, wenn sie brüllen und schlagen und treten. Er weiß schon, wie es ist, wieder gesund zu werden. Daniel sieht immer ein bisschen so aus, als komme er gerade vom Evangelischen Kirchentag: lange Haare, sanfter Blick, Leinenhemd. Nach dem Überfall sagte seine Mutter, er sei selbst schuld, "so wie du rumrennst!". Seit Daniel einen Führerschein hat, sagt er, sei seine Lebensqualität gestiegen. "Busfahren ist echt finster. Da bist du Freiwild, da wirst du geschubst und getreten." Alexander hat sich seine langen Haare vor ein paar Monaten abschneiden lassen. Bis dahin, sagt er, sei er dauernd angemacht worden. Jetzt arbeitet er als Versicherungsmakler, zieht morgens in seiner WG einen dunklen Anzug an. Wenn er dann auf dem Bürgersteig eine Gruppe Glatzen trifft, machen sie ihm bereitwillig Platz.

Alexander Bresk, 22, und Daniel Hartenhauer, 20, wohnen in Wurzen, einem 17 000-Einwohner-Städtchen bei Leipzig. Im 19. Jahrhundert war Wurzen eine wichtige Industriestadt. Zu DDR-Zeiten wohnten hier über 20 000 Menschen und bauten Panzermotoren, webten Teppiche, buken Kekse. Heute gibt es nur noch die Keksfabrik, ein paar mittelständische Metallbetriebe behaupten sich tapfer in der Marktwirtschaft, und verschlägt es einmal einen Journalisten in die Stadt, schreibt er nicht über Joachim Ringelnatz, den berühmtesten Sohn Wurzens, nicht über die schmucken Renaissance- und Gründerzeithäuser rund um den Marktplatz, sondern über die "Nazihochburg".

Von der Göppinger Zeitung bis zur New York Times war Wurzen bereits Thema.

Wer auch nur die wichtigsten Schauplätze rechtsextremistischer Straftaten in dem Städtchen abfahren will, ist eine volle Stunde unterwegs: hier das neue Gymnasium, wo portugiesische Bauarbeiter zusammengeschlagen wurden, dort das verfallene Haus, wo einem halbblinden Obdachlosen das sehende Auge mit einem Luftgewehr zerschossen wurde, auf der linken Seite die Esso-Tankstelle, wo Neonazis auf ein Fernsehteam losgingen, rechts die Stelle, wo Skinheads ein Zeltlager von Fußballern aus der Pfalz übe rfielen ... Als der Verfassungsschutz seine Stadt schon lange als "Schwerpunkt rechtsextremistischer Tätigkeiten" bezeichnete, verkündete Oberbürgermeister Anton Pausch (CDU) immer noch: "Mir ist nicht bekannt, dass es bei uns Rechtsradikale gibt." So konnten ein paar Naziideologen in aller Ruhe Orientierungslosigkeit und Frust in Rechtsextremismus und Gewalt wandeln.

Mittlerweile hat sich einiges geändert. Der neue Polizeichef, der vor zweieinhalb Jahren kam, macht den Neonazis Druck, wo es nur geht