Kleine Garstigkeiten

Wie man niedere Instinkte stilvoll befriedigt: Javier Maras adelt die Petitesse von Katharina Doebler

Javier Maras kann James Joyce nicht leiden. Er hält ihn für einen spleenigen Fanatiker, dem die Literaturgeschichte völlig zu Unrecht huldigt.

Diese nicht ganz originelle Meinung - Maras teilt sie mit einigen Berufskollegen - kann man nun gleich zweimal nachlesen, in zwei verschiedenen, fast zeitgleich in Deutschland erschienenen Büchern: Das eine ist eine gehaltvolle Sammlung von Schriftstellerporträts (Geschriebenes Leben) und das andere ein Essayband, in dem es, außer um James Joyce, um Maras' Lieblingsthema, die Gespenster, geht außerdem um ein geisterhaftes Etwas bei Dashiell Hammett, um das Schaudern und dessen Erzeugung beim Leser, um sprachliche Idiosynkrasien sowie das existenzielle Befinden des Schriftstellers.

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Ein Nazi namens Putzi Wer die Romane und Erzählungen von Maras kennt, wird in diesem Buch nicht viel Neues, aber eine Menge Ergänzendes finden: Erklärungen der erzählerischen Methode und Anmerkungen zu den skurrilen und anglophilen Vorlieben dieses in Spanien als sehr unspanisch geltenden Autors. Es könnte ein eleganter kleiner Band sein denn Javier Maras ist ein Autor, der mit Eleganz zu denken versteht und der seine Thesen nicht groß untermauert, sondern mit leichtfüßigen Wendungen skizziert. Dazu passen das stilvolle rote Leinengewand des Buches und das hohe Format der Wagenbachschen Salto-Reihe hervorragend. Doch es ist kein wirklich elegantes Buch geworden, da die recht ungelenke Übersetzung von Renata Zuniga den Genuss der Lektüre und gelegentlich auch deren Verständlichkeit sehr mindert. "Wäre es nicht natürlich, Romane nicht zu lesen, so wie wir uns Träume sparen könnten, die Figuren oder der Erfinder von Dichtung erzählen?" Das klingt wie höherer Blödsinn, ist aber nur deutsch. Zudem fehlt hie und da ein Wort, und wenn man schließlich im "Lande Dicken's" mit Apostroph vor dem s gelandet ist, möchte man sich des Buche's am liebsten entledigen.

Aber das wäre schade, denn der originellste und schönste Text ist der vorletzte, eine Art Exegese des Films Der Geist und Mrs Muir, dessen metaphysische Qualität dem oberflächlichen Betrachter ohne Maras' Hilfe leicht entgehen könnte. Essays von Literaten über Literatur enthalten oft geheimes Material, verschlüsselte Nachrichten über die Entstehung von Texten und in dieser Hinsicht enttäuscht Maras nicht. Die Rezeptur zur Herstellung des Grauens beispielsweise hat in vielen Varianten und auf durchtriebenste Weise in fast allen seinen Romanen Anwendung gefunden. Die "Sieben Gründe, warum man keine Romane schreiben sollte" dagegen darf man getrost beiseite fegen: Die kennt man zur Genüge.

Wäre noch zu bemerken, dass die Kritiker wegen ihrer notorischen Ignoranz ein wenig Prügel beziehen und die Schrifstellerkollegen, allerdings nur die bereits verblichenen, einer oberflächlichen Untersuchung nach Genie und Wahnsinn unterzogen werden. Das romantische Bergriffspaar - als pathologisches Erscheinungsbild des normalen Talents einst Lieblingsthema im Deutschunterricht der Abiturklassen - wird hier als eher harmlose Verknüpfungsneurose diagnostiziert, obwohl die exzentrischen Gepflogenheiten besagter Kollegen nicht dafür zu stehen scheinen. Joseph Conrad, Henry James, Madame du Deffand, Turgenjew, William Faulkner, Yukio Mishima, Malcolm Lowry, Arthur Rimbaud et alii begegnen uns mit ebendiesen Gepflogenheiten etwas ausführlicher wieder in der Sammlung von zwanzig Ironischen Halbporträts, die keinerlei Anspruch auf Originaltreue erheben. Es sind eher Karikaturen als Porträts, die manche Züge der Persönlichkeit grotesk überhöhen und niemals jemandem schmeicheln.

Maras folgt in diesen Texten seinen Sympathien und Antipathien völlig unverhüllt und mit offenkundigem Vergnügen. Keines seiner Bücher habe ihm solchen Spaß gemacht wie dieses, bekennt er im Vorwort. Und man glaubt es ihm aufs Wort: Über die Schwächen und Marotten Thomas Manns hat sich schon seit Jahrzehnten keiner mehr mit solch schwelgerischem Spott hergemacht. Wenn Mishima und Joyce ihr Fett bekommen, Rilkes Hang zu adligen Frauen abgehandelt wird oder das Geschlechtsleben des Henry James zur Debatte steht, dann rührt der Genuss beim Lesens hauptsächlich daher, dass die niedrigsten Instinkte des Publikums auf recht stilvolle Weise befriedigt werden. Das ist Klatsch in Hochkultur. Es tauchen auch andere Facetten in diesen überaus persönlichen biografischen Abhandlungen auf: Bewunderung manchmal, im Falle von Laurence Sterne sogar unverhüllte Hochachtung, und ein Hauch von Mitleid, der die Gestalt Oscar Wildes zart umflort.

Aber das bleibt eher die Ausnahme. Es ist Maras in erster Linie um die Demontage der großen Namen zu tun und darum, den zarten Staub der Mystifikation, der sich seit Jahrzehnten auf den illustren Herstellern von Literatur gesammelt hat, munter aufzuwirbeln. Tiefschürfende Erkenntnisse darf man nicht erwarten von diesen kleinen Garstigkeiten, eher pikante Enthüllungen, wie man sie in einschlägigen Gazetten über die zeitgenössische Prominenz lesen kann. Wussten Sie schon, dass Isak Dinesen alias Tania Blixen sich nicht ausschließlich von Austern und Champagner ernährte, sondern auch ab und an ein wenig Spargel und Garnele aß? Dass Malcolm Lowry vor lauter Suff nicht wusste, ob er mit einer schwulen Kurzbekanntschaft Sex gehabt hatte? Dass Carson McCullers sich nach Djuna Barnes verzehrte? Welche ihrerseits mit einem Nazi namens Putzi liiert war? Als Material für gehobene Konversation eignet sich dergleichen allemal. Und ebenso als geistreiches Vergnügen der niederen Art.

* Javier Maras: Das Leben der Gespenster Aus dem Spanischen von Renata Zuniga Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2001 90 S., 25,80 DM * Javier Maras: Geschriebenes Leben Ironische Halbporträts Aus dem Spanischen von Carina Enzenberg Klett Cotta, Stuttgart 2001 315 S., 39,50 DM

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