R E V O L U T I O N Freiheit oder Tod!

Alle Jahre wieder am 14. Juli feiert Frankreich den Sturm auf die Bastille. Auch in Deutschland weckte der Tag einst große Hoffnungen - vor allem an den Universitäten von Jörg Schweigard

Als Georg Forster, der berühmte Weltreisende und Gelehrte, im Moniteur aus Paris las, dass am 14. Juli 1789 die aufgebrachte Menge die Bastille erstürmt hatte, ahnte er schon die Dimension dieses Ereignisses. Das Volk hatte die Festung des Königs bezwungen, aus der Revolte konnte rasch eine Revolution werden. Und es wurde eine Revolution, die Revolution. Forster, dem kurfürstlichen Bibliothekar in Mainz, war klar, dass die Aufklärung den Weg für den politischen Wandel bereitet hatte, und er wünschte, dass auch in Deutschland ihre Kraft das große Tor endlich aufstieße. Hoffnungsvoll schreibt er am 30. Juli 1789 seinem Freund, dem Philologen Christian Gottlob Heyne nach Göttingen: "Schön ist es aber zu sehen, was die Philosophie in den Köpfen gereift und dann im Staate zustande gebracht hat. [...] Also ist es doch der sicherste Weg, die Menschen über ihre Rechte aufzuklären; dann gibt sich das übrige wie von selbst."

Auch andere in Deutschland feierten die Französische Revolution als Sieg des Lichtes über die Finsternis, die Tyrannei. Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock bejubelte den Revolutionsausbruch in einer Ode als "des Jahrhunderts edelste Tat". Wie er und Forster versprachen sich viele Intellektuelle von diesem politischen Donnerschlag Konsequenzen auch für Deutschland. Vor allem an den Universitäten verfolgte man die Ereignisse in Paris mit Spannung und Ungeduld. Wenn auch die nationalistische Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts es gründlich vergessen gemacht hat und es bis heute mancher Historiker nicht wahrhaben will: die Politisierung der deutschen Hochschulen erreichte zu jener Zeit einen ersten Höhepunkt.

Der junge Beethoven ist dabei

Doch wie hat man sich eine deutsche Universität am Ende des 18. Jahrhunderts vorzustellen? Die etwa 30 Hochschulen im Reich waren überschaubare Institutionen. Die größten von ihnen, Göttingen, Halle oder Jena, zogen 800 bis 1000 Studenten an, die kleinsten wie Altdorf, Dillingen oder Greifswald beherbergten gerade mal 100 bis 200 Studenten. Was heute schwer vorstellbar ist: auf etwa 20 Studenten kam ein Professor. Lehrende und Lernende kannten sich noch, überlaufene Hörsäle gab es nicht. In jedem größeren Kleinstaat verfügte der Landesherr über eine Universität, in welcher angehende Juristen, Verwaltungsbeamte oder Priester ihre Ausbildung genossen.

An mehreren dieser Hochschulen begann es nach 1789 politisch zu gären. Dabei war man noch einige Jahre zuvor mit dem so genannten aufgeklärten Absolutismus recht zufrieden gewesen. Die Fürsten, sofern "fortschrittlich" gesinnt, hatten an vielen Universitäten die Aufklärung gefördert oder zumindest toleriert. Doch mit der Revolution in Frankreich schlug das Klima um. Von einem aufgeklärten Absolutismus konnte jetzt keine Rede mehr sein: Die Zensoren erbrachen Briefe und verboten Bücher. Spitzel beobachteten misstrauisch Versammlungen. Die Staatsgewalt verfolgte jeden, der in der Öffentlichkeit das Wort gegen die Obrigkeit erhob, und ein besonders scharfes Auge lag auf den Hochschulen.

Als etwa der Würzburger Medizinstudent Joseph Brentano Anfang 1794 in einem Heidelberger Kaffeehaus öffentlich den Herzog von Zweibrücken und den Prinzen Max als "Tyrannen" beschimpfte, hatte das Konsequenzen. Die pfälzische Regierung verlangte auf eine Denunziation hin einige Monate später seine Auslieferung von Würzburg. Doch Brentano hatte Glück: Die dortige Universität, ausgestattet mit einer eigenen Gerichtsbarkeit, sprach ihn frei.

Weniger günstig hingegen zeigte sich das Schicksal dem Gießener Privatdozenten Johann Ludwig Justus Greineisen. Den Juristen begeisterte die neue Freiheit. Da er Kontakt zu deutschen Revolutionsfreunden in Frankreich hielt und ihm die Behörden nachweisen konnten, dass er Studenten in Gießen und Marburg politisch beeinflusste, ließ man ihn am 24. März 1794 verhaften. Greineisen kam erst ein Jahr später wieder auf freien Fuß. Seine Karriere war beendet, denn zwischenzeitlich hatte die Universitätsleitung in Gießen den Fall an anderen deutschen Universitäten bekannt gemacht, was einem Berufsverbot gleichkam.

Die neue Strenge nützte nichts, ja erreichte oft nur das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war. Viele Professoren gingen jetzt erst recht in die Opposition. Sie fürchteten um ihre Rede- und Druckfreiheit und protestierten laut.

So prophezeite der Mainzer Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann schon zu Beginn der neunziger Jahre vom Katheder herab seinen Studenten den baldigen Untergang der kurfürstlichen Herrschaft und den Sieg der Revolution. Auch seine Abneigung gegen den ersten Stand verhehlte er seinen jungen Zuhörern nicht: "Die Adligen sind der geringste Teil von einem Volk; denn sie ernähren sich von dem Schweiße der anderen." Als der misstrauische Prorektor im Februar 1792 Studenten zum Inhalt der Hofmannschen Vorlesung aushorchte, erlebte er eine Enttäuschung: Die Mehrheit deckte den Dozenten und konnte sich an nichts mehr erinnern.

Hofmanns Kollegen an anderen Hochschulen publizierten derweil Schriften, in denen sie mit öffentlicher Kritik nicht sparten. Der Heidelberger Jurist Karl Ignaz Wedekind zum Beispiel verfasste seine Abhandlungen ganz im Geiste der Zeit. Für ihn waren die Menschenrechte bindend, der Handlungsspielraum des Herrschers begrenzt. Die Aufsichtsbehörde der Universität Heidelberg beanstandete im März 1793, dass Wedekind nicht nur gefährliche Grundsätze in seinen Schriften verbreite, sondern auch den Studenten in seinen Vorlesungen "bedenkliche Antworten" gebe. Daher habe er jegliche "Grundsätze für die Religion, die Regenten und den Staat" zu unterlassen, "wodurch der Samen einer ungeziehmenden Freiheit ausgestreuet werden könne". Wiederholt versuchten die Regierung und mehrere anders gesinnte Kollegen den renitenten Gelehrten zum Schweigen zu bringen. Da Wedekind aber in Zeitungen publizierte und durch die überregionale Verbreitung des Konflikts öffentliche Aufmerksamkeit erlangte, verhinderte er seine Entlassung.

Bekannter ist der Fall des Bonner Theologen Eulogius Schneider, der zum Dichter wurde, um seine politische Haltung zu bekennen. Sein 1790 veröffentlichtes Gedichtbändchen wimmelt nur so von revolutionären Anspielungen. In einer Strophe feiert Schneider die Zerstörung der Bastille: "Gefallen ist des Despotismus Kette, / Beglücktes Volk! Von Deiner Hand: / Des Fürsten Thron ward dir zur Freiheitsstätte / das Königreich zum Vaterland."

Die Verse erregten großes Aufsehen. Im Subskribentenverzeichnis des Bändchens ist nachzulesen, dass sich an allen wichtigen katholischen Universitäten Professoren und Studenten für Schneiders Gedichte interessierten. Unter ihnen befand sich auch der junge Ludwig van Beethoven, der gerade in der kurkölnischen Hofkapelle zweiter Organist war und seit 1789 in seiner Heimatstadt Bonn studierte.

Schneider konnte sich natürlich nicht lange an der Universität halten. Er fiel bereits im folgenden Jahr in Ungnade, als er einen Katechismus herausbrachte, der die Vernunft als oberstes Prinzip über religiöse Dogmen stellte. Am 7. Juni 1791 entließ der Kölner Kurfürst Maximilian Franz den dichtenden Theologen, der daraufhin nach Straßburg emigrierte und dort eine nicht ganz unumstrittene revolutionäre Karriere machte - bis er am 1. April 1794 selbst den Tod unter der Guillotine fand. Sein Schicksal bewegt bis heute; gerade erst machte ihn der Schriftsteller Michael Schneider zum Thema eines umfangreichen Romans: Der Traum der Vernunft.

Jedoch nicht in allen deutschen Staaten gerieten die Fürsten mit ihren Lehrkräften in Konflikt. In dem kleinen Fürstbistum Würzburg beispielsweise verfolgte Bischof Franz Ludwig von Erthal eine liberale Politik, die ihm das Wohlwollen der Professoren erhielt. Doch schon sein Nachfolger Georg Karl von Fechenbach kündigte Erthals Kurs auf, was denn auch prompt zu Protesten führte. Da Fechenbach kein guter Ruf vorauseilte, bekam er bereits kurz nach dem Regierungsantritt im Jahr 1795 Kritisches zu hören. Der streitbare Theologieprofessor Franz Berg stieß Fechenbach vor den Kopf, als er ihn in einer Predigt damit konfrontierte, dass ein guter Fürst wie sein Vorgänger Erthal "freilich eine seltene Gabe der Vorsehung" gewesen sei.

Doch Bergs Haltung war zu diesem Zeitpunkt bereits die Ausnahme. Repressalien und eine allmähliche Desillusionierung hatten die Reihen der politisch engagierten Gelehrten gelichtet. Einige waren inzwischen entlassen oder gar eingesperrt, andere nach Frankreich ausgewandert. Die meisten jedoch schockierte die Gewalt in Frankreich, insbesondere die Hinrichtung König Ludwigs XVI. am 21. Januar 1793. Von diesem Zeitpunkt an begannen sich viele Professoren wieder mit den deutschen Verhältnissen zu arrangieren - eine Republik mit allen Konsequenzen, "Pöbelherrschaft" gar, das erschien ihnen denn doch zu gefährlich.

"... bis der letzte König hängt"

Da zeigten die Studenten schon einen dauerhafteren Enthusiasmus. "Wir sprachen in unserem Kreise das Verdammungsurteil über mehr als einen Fürsten aus, und machten aus der ganzen Welt eine einzige und unteilbare Republik." So erinnerte sich der Publizist Johannes Weitzel an seine Mainzer Studienzeit 1789 bis 1792. Auch nach dem Sturz der radikaldemokratischen Jakobiner in Paris 1794 standen die Studenten zu ihren Idealen, ja, noch um die Jahrhundertwende hielt mancher von ihnen den republikanischen Prinzipien die Treue.

In Mainz sympathisierten sie schon früh mit der französischen Sache. Es verwundert daher nicht, dass sie sich während der französischen Besetzung der Stadt 1792/93, in der kurzen Zeit der Mainzer Republik, dem ersten Demokratieversuch auf deutschem Boden, gleich entsprechend engagierten. Als sich am 23. Oktober 1792 im verwaisten kurfürstlichen Schloss 20 Mainzer zur Gründung eines Jakobinerklubs versammelten, befanden sich bereits 11 Studenten unter ihnen. Auch später, als der Klub an die 500 Personen zählte, stellten die Studenten mit 50 bis 70 Mitgliedern eine der größten und aktivsten Gruppen. Der spätere Schriftsteller und Journalist, Verfasser schwungvoller republikanischer Lieder, Friedrich Lehne erklärte sich "sofort für die Sache der Freiheit, denn die Philosophie hatte mich gelehrt, sie höher zu schätzen als meine Privatinteressen".

Die Mainzer Republik blieb auch nach ihrem Scheitern für die Studenten anderer Universitäten ein Symbol ihrer politischen Ideen. So benannte sich im Juni 1793 eine Würzburger Gruppe in einem politischen Zettelanschlag nach dem Mainzer Jakobinerklub "Freunde der Freiheit und Gleichheit". Und noch zwei Jahre später versuchte am gleichen Ort ein "Menschheitsbund", sich der überregionalen Sammlung eines Studentenkorps anzuschließen. Der Bund wollte sich nach der französischen Wiedereroberung von Mainz 1795 in der symbolträchtigen Stadt mit den französischen Truppen vereinen. In einem Flugblatt rief ein Aktivist Studenten aller Universitäten und andere junge Männer zum bewaffneten Kampf gegen den Despotismus auf: "Brüder! - Wer ihr auch seid - auf Universitäten, in Städten oder Dörfern, hört die Stimme eines Bruders. So gewiß der Tag, der Ostern heißt, kommen wird, so gewiß wird Mainz bald in Republikanerhänden sein. Ha, deutsche Jünglinge, dann hat unsere Stunde geschlagen!" Damals gehörte auch der spätere Klerikalkonservative Joseph Görres, ein gebürtiger Koblenzer, zu den jungen rheinischen Republikanern.

An anderen Universitäten dachten die Studenten ähnlich. Insbesondere Jena entwickelte sich bis Mitte der neunziger Jahre zu einer Hochburg der Revolutionsfreunde. Hier wie auch an einigen anderen Universitäten immatrikulierten sich Rheinländer, die in ihrer Heimat wegen der Kriegsereignisse nicht mehr studieren konnten. Diese Studenten sympathisierten meist mit der Revolution. Sie schlossen sich in geheimen politischen Klubs oder Verbindungen zusammen und feierten politische Feste. Der Magister Johann Wilhelm Camerer notierte im Juni 1794 über die Jenaer Verhältnisse in sein Tagebuch: "Die Jenenser Studierenden sind beinahe alle, und von den Professoren mehrere, besonders jüngere, demokratisch, einige sehr eifrig demokratisch gesinnt."

Ein wichtiges studentisches Utensil war das Stammbuch. Dieses dem heutigen Poesiealbum ähnelnde Buch hatte ein handliches Format und passte bequem in die Jackentasche. Wenn sich Gelegenheit bot, zückte man es und bat den Freund oder Gleichgesinnten um einen Gruß oder Sinnspruch. So finden sich in diesen Stammbüchern eine Vielzahl philosophischer und auch politischer Texte mit genauen biographischen Angaben über den Eintragenden. Auch hehre Symbole wie die rote Jakobinermütze oder die französische Trikolore malte manch einer als Zeichen seiner Hoffnung hinein. Diese Stammbücher zeigen nun, wie aufgekratzt und politisiert die Stimmung wirklich war: "liberté, egalité, fraternité" (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) oder das radikalere "liberté ou la mort" (Freiheit oder Tod) prangen da auf manchen Seiten.

"Freiheit oder Tod"- das war nicht nur eine Phrase. Denn es gab Studenten, die tatsächlich für ihre Ideale kämpften und fielen. Aufseiten der französischen Revolutionstruppen zogen sie gegen die Söldnerheere der europäischen Monarchen. Einer von ihnen war der Jenaer Medizinstudent Georg Friedrich Hallungius. Am 17. März 1797 trug er sich mit dem Motto der Revolution "Freiheit - Gleichheit oder Tod" in das Stammbuch eines Kommilitonen ein. Später kam er unbekannten Orts aufseiten der Franzosen um: Nach der Notiz eines ehemaligen Kommilitonen starb Hallungius in Diensten "der französischen Armee in Preußen".

Oft ging es in den Stammbüchern auch gegen Adel und Geistlichkeit. So zitierte man gern Gottfried August Bürger: "Wer nicht für Freiheit sterben kann, / Der ist der Kette wert. / Ihn peitsche Pfaff' und Edelmann / Um seinen eignen Herd!" Auch radikalere Verse tauchten auf, wie das Beispiel eines Erlanger Studenten aus dem Jahr 1798 belegt: "Die Menschheit wird von bitterm Harm / Und Tyrannei gekränkt, / Bis an dem letzten Pfaffendarm / Der letzte König hängt."

Doch nicht nur in der Stille der Stammbücher wurde demonstriert. Man bekannte Farbe, im wahrsten Sinne des Wortes, zeigte Kokarden am Hut und kleidete sich symbolträchtig. Als Ausdruck profranzösischer und republikanischer Haltung galt es etwa, eine blau-weiß-rote Kleiderkombination zu tragen - und jeder wusste Bescheid.

Natürlich wollte man damit auch provozieren, insbesondere das Militär oder den Adel. Der Kieler Jurastudent Georg Conrad Meyer beispielsweise trug im Jahr 1793 die französischen Farben öffentlich und erhielt dafür eine sechstägige Karzerstrafe. In dem Karzerbuch ist als Strafgrund abschwächend vermerkt, dass Mayer "in einem unanständigen Aufzuge umhergegangen" sei.

Diese "Mode" hielt sich bemerkenswert lange unter den Studenten. Noch im Jahr 1800 beschwerte sich ein österreichischer Offizier, Graf von Sztarray, bei der Heidelberger Universität, dass ihm Studenten begegnet seien, die sich nach Art der französischen Feinde kleideten: "Es kann dem Auge eines echtdenkenden Mannes nicht entgehen, wie auffallend sich mehrere junge Herren dieser Universität zur Schande der biedern deutschen Nation nach dem Muster des letzten Auswurfs der französischen schlechtesten Menschenklasse im Anzuge, sittlichem Betragen, Gebärden und im öffentlichen Anstande signalisieren." Die vom Grafen denunzierten Studenten hatten eine Matrosenhose, eine kurze Jacke und eine rote Mütze getragen - Pariser Arbeiterkluft. Der adlige Offizier forderte für diese politische Obszönität eine sofortige Abstrafung der "Sansculotten auf deutschem Grund und Boden".

Gegen Napoleons Machtpolitik

Manch einer der Studenten blieb ein Leben lang seinen Idealen treu. Johann Friedrich Butenschoen beispielsweise ist einer von ihnen. Der ehemalige Student in Heidelberg und Jena begeisterte sich früh für die Französische Revolution. Nachdem die ersten Freiheitsnachrichten aus Paris Deutschland erreicht hatten, zog es ihn nach Straßburg. Dort stand er eine Zeit lang Eulogius Schneider im Jakobinerklub und bei der Redaktion der Zeitung Argos zur Seite. Im Mai 1793 kämpfte er mit den Revolutionstruppen gegen aufständische Royalisten in der Vendée. Obwohl Butenschoen um ein Haar Schneider aufs Schafott gefolgt wäre, hielt er sein Leben lang an seiner freiheitlich-republikanischen Gesinnung fest. Noch 1821 gab er die liberale Neue Speyerer Zeitung heraus, die der reaktionäre österreichische Staatskanzler Fürst Klemens Wenzeslaus von Metternich wegen ihrer "revolutionären" Sprache rügte und verfolgte. Mehr noch: Butenschoen erzog seine Kinder im gleichen Geist. Sein Sohn, der Advokat Friedrich Eugen Butenschoen, erhob am 12. Mai 1832 erfolgreich Einspruch gegen das Verbot des Hambacher Festes. - Von anderen Familien, wie etwa den Venedeys in Köln, ließe sich Ähnliches berichten.

Ein weiteres Beispiel ist Georg Kerner, ein älterer Bruder des im 19. Jahrhundert hoch geschätzten Dichters Justinus K. Der ehemalige Medizinstudent, Absolvent der Hohen Karlsschule in Stuttgart, eilte 1791 voll Enthusiasmus nach Straßburg und legte dort den Eid auf die französische Verfassung ab. Kerner blieb auch während der Wirren der Revolution trotz aller Enttäuschungen ein überzeugter Republikaner. Aus seiner Verärgerung über die Entwicklung in Frankreich machte er keinen Hehl. Im hamburgischen Journal Der Nordstern prangerte er 1802 Napoleons Machtpolitik und dessen Verrat an der Französischen Republik an.

Mit Napoleons Kriegen änderte sich das Klima; nun begann eine neue Phase der Politisierung, und in die Freiheitstöne mischten sich düstere, nationalistische Klänge. Trotzdem bleibt die Wende von 1789 unumkehrbar: Aus tugendsamen, an frommen Werten orientierten Studiosi waren politisch denkende akademische Bürger geworden. Und manch einer aus jener Generation von 1789 dachte zeit seines Lebens mit Wehmut an die Hoffnung, die sich einst mit dem 14. Juli auch für so viele Deutsche verbunden hatte. So schreibt der Mainzer Mediziner Georg Christian Wedekind um 1820 - da ist er schon längst wieder in fürstlichen Diensten: "Alle jungen Männer von Kopf und Herz waren begeistert von der Morgenröte der französischen Revolution."

Der Autor ist Historiker und Journalist und lebt in Stuttgart

Mehr zum Thema in dem Buch des Autors:

Jörg Schweigard: Aufklärung und Revolutionsbegeisterung

Die katholischen Universitäten in Mainz, Heidelberg und Würzburg im Zeitalter der Französischen Revolution; Verlag Peter Lang, Frankfurt a. M.; 2001; 559 S.; 148,- DM

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