P H I L O S O P H I E Der Mensch, das normative Wesen

Über die Grundlagen unseres Sprechens. Eine Einführung von Robert B. Brandom

1. Normativität

Eine von Kants großen Einsichten ist, dass wir nicht allein von der Natur bestimmt sind, sondern ebenso von kulturellen Werten und Normen. Unsere Überzeugungen und Handlungen unterscheiden sich von bloßen (Natur-)Ereignissen dadurch, dass wir auf eine besondere Weise für sie verantwortlich sind - in ihnen kommen Verpflichtungen zum Ausdruck. Für Kant lautet deshalb die dringlichste philosophische Frage, was es bedeutet, in der Verantwortung zu stehen oder verpflichtet zu sein. Dabei versteht er das, wofür wir uns verantwortlich gemacht und wozu wir uns verpflichtet haben, als abhängig von den Begriffen, mit denen wir unser Denken und Handeln beschreiben. Dies bedeutet einen radikalen Wandel in unserer Auffassung vom Begrifflichen.

Im Unterschied zu einer auf Descartes zurückgehenden Tradition, wonach unser Verständnis sprachlicher Ausdrücke auf einem rein instrumentellen Umgang mit Begriffen ruht und es in unser freies/subjektives Belieben gestellt ist, ein Wort so oder anders zu verstehen (und auch seine Bedeutung in einem vorsprachlichen Bewusstsein begründet ist) - im Unterschied dazu behauptet Kant, dass es die Begriffe sind, die uns bestimmen. Seine Frage lautet: Was muss ich tun, um einem bestimmten Begriff zu entsprechen? Und zwar in dem Sinne, dass ich mich gegenüber den mit ihm gesetzten Standards verantwortlich gemacht habe, Standards, die über die Wahrheit meines Denkens und Handelns entscheiden? Das ist Kants Frage nach der objektiven Gültigkeit.

Auf den ersten Blick könnte diese Umkehrung als Austausch eines Dualismus durch einen anderen beschrieben werden: Descartes ontologische Unterscheidung zwischen dem Mentalen (Res cogitans) und dem Physischen (Res extensa) wird durch Kants deontologische Unterscheidung zwischen dem Beschreiben und dem Vorschreiben, zwischen Tatsachen (deskriptiv) und Normen (präskriptiv) ersetzt. Doch muss hier die Rede von verschiedenen Dualismen verwirren. Aus einer Unterscheidung wird nur dann ein Dualismus, wenn die Beziehung zwischen den unterschiedenen Momenten selbst uneinsichtig bleibt. Kants Leistung aber liegt darin, dass er die Beziehung zwischen Tatsachen und Normen in einer nicht dualistischen Weise verstanden hat.

Damit präsentiert uns Kant seine Version einer Frage, die schon die Philosophen in der Antike beschäftigte: Wie sollen wir den Unterschied verstehen zwischen der normativen Kraft des besseren Arguments und den Zwängen der sophistischen Rhetorik oder der politischen Propaganda? Die Antwort entwickelt er im Anschluss an eine Idee Rousseaus. Eine auf Normativität begründete Autorität unterscheidet sich von anderen, nicht normativen Zwängen dadurch, dass sie für uns nur dann verbindlich ist, wenn wir sie auch als verbindlich anerkennen. Autorität existiert nur in ihrer - impliziten oder expliziten - Anerkennung als Autorität durch diejenigen, die sich ihr gegenüber verantwortlich machen lassen, indem sie selbst (für sich) Verantwortung übernehmen.

Kant hat diesen Gedanken auf die kurze Formel gebracht: Während auch die Natur durch Regeln gebunden ist (in Gestalt von Naturgesetzen), sind wir normativen Wesen darüber hinaus und in einem anderen Sinne an die von uns gemachten und zu verantwortenden Regeln gebunden. Wir werden dadurch zu mehr als bloßen Naturwesen, dass wir uns für verantwortlich halten - indem wir uns so verstehen oder behandeln, als seien wir in der Lage, uns selbst zu verpflichten. Die positive Freiheit, zu handeln und zu urteilen, ist nichts anderes als unser Vermögen, durch Normen gebunden zu sein, und zwar durch solche, die von uns als verbindlich anerkannt worden sind. Zwänge, welcher Art auch immer und wie sehr wir ihnen auch unterworfen sind, haben demgegenüber nichts mit unserer Anerkennung zu tun; sie existieren unabhängig davon.

Hegel hat all diese Kantischen Bestimmungen akzeptiert. Aber er hat ein entscheidendes Element hinzugefügt: Normative Ansprüche, wie sie in den Begriffen Verpflichtung, Autorität oder Verantwortung zum Ausdruck kommen, sind soziale Ansprüche. Gemeinschaften, die aus normativen Wesen bestehen, setzen sich aus Formen wechselseitiger Anerkennung zusammen. Ebendies beschreibt die Art und Weise, in der aus einer Gruppe konkreter, leibhaftiger Wesen ein gemeinschaftlicher Zusammenhang wird - von Hegel "geistig" genannt. Folgt man seiner Auffassung von Normen, dann beruht unser Leben, Wissen und Handeln unhintergehbar in einer sozialen Praxis. Der frühe Heidegger und der späte Wittgenstein haben dies wieder aufgenommen.

2. Inferenzialismus

Die Griechen haben die Beziehung zwischen Erscheinung und Wirklichkeit - wie die Dinge scheinen und wie sie wirklich sind - in Begriffen der Ähnlichkeit gedacht: Die Dinge erscheinen uns nur als Abbilder einer dahinter liegenden, aber für uns unzugänglichen Wirklichkeit; sie verdanken ihre Existenz, so wie sie von uns erfahren wird, der abbildhaften Teilhabe an dieser verborgenen Realität. Die Neuzeit und die mit ihr einhergehende wissenschaftliche Revolution hat ein anderes und vor allem abstrakteres Modell hervorgebracht. In der Vorstellung des Kopernikus etwa ähnelt die Wirklichkeit - eine sich um die Sonne drehende Erde - kaum noch unserer (alltäglichen) Wahrnehmung, dass nämlich eine unbewegliche Erde von der Sonne umkreist wird.

Für Galileo war es vollkommen klar, dass er die Bewegung von gewöhnlichen Gegenständen am besten mit mathematischen (das bedeutete für ihn: geometrischen) Modellen berechnen konnte: Er vermaß die Länge von Geraden, die für die Zeit standen, und die aus diesen Geraden gebildeten Dreiecke, deren Fläche die Geschwindigkeit repräsentierte. Galileo machte sich die Abstraktheit seiner Berechnungen zunutze; eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Modell und Realität hätte nur gestört. Descartes' mathematische Physik schließlich stellte die Wirklichkeit der ausgedehnten, sinnlich erfahrbaren Welt durch mathematische Gleichungen dar. Sie haben, etwa in der Gestalt von x2 + y2 = c oder ax + by = c, nicht einmal mehr Ähnlichkeit mit den geometrischen Figuren, die sie beschreiben.

In dem Zeitalter, das man üblicherweise mit dem Philosophen Descartes beginnen lässt, die Neuzeit also, war in der Theorie des Wissens die Idee der Repräsentation vorherrschend. Mit diesem Begriff ist ein Projekt, aber auch und vor allem ein Problem verbunden, das uns heute noch beschäftigt. Descartes selbst teilte die Welt einfach in zwei Sphären: die der geistigen oder mentalen Dinge, die repräsentieren, und die der ausgedehnten oder physischen Dinge, die repräsentiert werden. Nun aber lässt sich fragen, was es bedeutet, dass etwas als (Repräsentation für) etwas verstanden, behandelt oder benutzt wird. Wie ist es zu verstehen, dass etwas eine Repräsentation für jemanden ist? Descartes jedenfalls konnte nicht erklären, warum uns die Idee (Bild oder Begriff) eines Kaninchens so erscheint, als hätte sie etwas mit "wirklichen" Kaninchen zu tun.

Das neuzeitliche Denken hat sich eher damit beschäftigt, wie die Dinge allein kraft ihrer Repräsentation als gegenwärtig erscheinen; sie hat sich vorrangig um die Frage gekümmert, ob es einen Fortschritt in der Klarheit und Deutlichkeit der Repräsentation gibt und auf welcher Stufe dieser fortschreitenden Entwicklung sich die Repräsentation befindet. Denn je klarer und deutlicher (clara et destincta) die Repräsentation erschien, desto genauer galt das Wissen von der (in ihr entfalteten) Wirklichkeit und desto mehr entsprach sie der Wirklichkeit selber - bis hin zur höchsten Realität, der ob ihrer absolut klaren und deutlichen Erscheinung dem Menschen unzugänglichen Idee Gottes. Kurzum: Die entlang einer vorgezeichneten Linie fortschreitende Erkenntnis war wichtiger als die Frage, woraus der Gehalt der Repräsentation eigentlich besteht.

Diese grundlegende Frage wurde erst von Kant gestellt. Damit lenkte er unsere Aufmerksamkeit von den rein epistemologischen Fragen (über unser Wissen) hin zu semantischen Fragen (über den Gehalt). Anders gesagt: Ein beliebiger Zusammenhang wird dann zu einem mehr oder weniger umfassenden System aus Repräsentationen (Bildern oder Begriffen), wenn wir ihn so gebrauchen können oder wenn er uns dabei hilft, Schlüsse (Englisch: inferences) darüber zu ziehen, was repräsentiert wird. So verwendet man eine Landkarte als Repräsentation einer Landschaft, indem man aus einer gewellten blauen Linie zwischen zwei schwarzen Punkten schließt (Englisch: infer), dass man, um von Leipzig nach Berlin zu kommen, einen Fluss überqueren muss.

Diese grundlegende, auf den ersten Blick unscheinbare Überlegung hat weitreichende Konsequenzen für ein philosophisches Programm, das ich den inferenzialistischen Zugang zu der Frage nach dem Gehalt und damit auch der Bedeutung von Begriffen nennen möchte. Dabei werden begriffliche Normen als inferenzialistische Normen verstanden: Die Bedeutung eines Begriffs hängt von seiner Rolle in einem (sozial zu verstehenden) Sprachspiel ab, in dem Gründe gegeben oder nach Gründen gefragt wird. Gründe wiederum erlauben uns, dass wir in unserem Urteilen und Handeln auf implizite Weise Verpflichtungen eingehen. Was einen verwendeten Begriff gehaltvoll sein lässt, ist in erster Linie das, was ihn entweder die Prämisse oder die Konklusion in einer Folge (inference) von Begriffen sein lässt.

Begriffe und die mit ihnen verbundene Normativität lassen sich in einem inferenzialistischen Sinne als für uns gehaltvoll und verpflichtend verstehen, weil und insoweit sie für uns eine praktische Rolle innerhalb einer Sprachgemeinschaft spielen: Begriffe sind durch - mit ihrer Verwendung implizit immer schon beanspruchte und gegebene - Gründe miteinander verkettet; sie verhalten sich wie Frage und Antwort zueinander. Mit anderen Worten: Indem wir Begriffe verwenden, lassen wir uns auf das Spiel von Frage und Antwort ein und erfahren sie insofern als für uns verbindlich oder verpflichtend.

Was bedeutet dies für unser Urteilen, Meinen oder für unsere Absichten, also für das, was man gemeinhin mentale Zustände oder Inhalte des Bewusstseins nennt? Dem traditionellen (cartesianischen) Verständnis nach besteht die wesentliche Leistung des Bewusstseins in seiner Tätigkeit des Zuordnens von Besonderem und Allgemeinem oder, genauer, des Unterordnens von etwas Besonderem unter ein Allgemeines. Bewusstsein gilt als ein Ort der Klassifikation; deshalb, so die Tradition, zeichnet es sich durch Weisheit oder Klugheit aus und nicht so sehr durch eine (passive, den Tieren verwandte) Sinnlichkeit.

An dieser Vorstellung mag einiges richtig sein, aber sie langt nicht hin. Nehmen wir zum Beispiel ein Stück Eisen: Es "klassifiziert" auch seine Umgebung, indem es nämlich in zweierlei Weise auf sie reagiert - es rostet oder nicht. Wie man schnell einsieht, kann von Bewusstsein keine Rede sein, sondern nur von einem chemischen Vorgang.

Damit die Vorstellung, Bewusstsein habe etwas mit Klassifikation zu tun, tatsächlich einen Sinn gibt, müssen wir ihr etwas hinzufügen: Eine Klassifikation zeichnet aus, dass sie begrifflich ist. Wenn also etwas Besonderes als etwas Allgemeines - etwa "Hund" als "Säugetier" - verstanden wird, dann nur, weil dies einer bestimmten, zumeist unproblematischen Verwendungsweise von Begriffen ("Hund" und "Säugetier") entspricht. Von einer inferenzialistischen Entsprechung kann hier insofern die Rede sein, als die Verwendungsweise von Begriffen dem Zug in einem Spiel gleichkommt, in dem - implizit oder nicht - Gründe gegeben und gefordert werden. Die Verwendung eines Begriffs und das mit ihm einhergehende Geben und Fordern von Gründen ist ein Spielzug in einem Sprachspiel - und kein vorbegrifflicher Bewusstseinsakt.

Nehmen wir wieder ein Beispiel, um das zu verdeutlichen: Ein Papagei ist so abgerichtet, immer dann, wenn er rote Dinge sieht, das Geräusch "Dies ist rot" von sich zu geben (oder wir haben eine Maschine konstruiert, die denselben Zweck erfüllt). Worin liegt der Unterschied zu einem bewussten Beobachter, der rote Dinge als rot beschreibt? Wir nehmen an, dass Papagei und Beobachter sich mit ein und demselben Geräusch ("Dies ist rot") äußern und dass für beide dieselben Umstände herrschen: Was unterscheidet beide, was macht die Antwort des Beobachters begrifflich, während die des Papageien (im Rahmen eines Reiz-Reaktions-Schemas) nur kausal zu verstehen ist? Mit anderen Worten: Warum ist es für uns entscheidend, hier zu unterscheiden?

Nun, der Papagei gibt nur ein Geräusch von sich - etwas, das wir vielleicht verstehen können, das aber für den Papageien ohne weiteren Sinn ist. Er weiß nicht, dass, wenn etwas rot ist, es dann auch farbig ist, oder dass, wenn etwas scharlachfarben ist, es dann auch rot ist, oder dass, wenn etwas rot ist, es dann nicht grün ist. Seine "Antworten" auf die vorgefundene Situation bedeuten für ihn keine Verpflichtung. Er nimmt in einem inferenzia-listischen Sinne nicht Teil an dem Sprachspiel; sein Gekrächze bedeutet für ihn keinen Spielzug, mit dem er sich - implizit - auf das Geben und Fordern von Gründen eingelassen hätte. Man frage den Papagei einmal nach den Gründen, die ihn bewogen haben, so und nicht anders zu krächzen, man fordere ihn also auf, implizite Gründe auch explizit zu machen ...

Solange die Geräusche des Papageien für ihn selbst nicht in einem inferenziellen Netzwerk verortet sind, ist er anderen gegenüber zu nichts verpflichtet. Die Ansprüche der anderen als Verpflichtung zu verstehen, heißt zu wissen, was aus ihnen folgt und was mögliche Gründe wären, die für oder gegen sie sprechen. Aus diesem Umstand folgt eine weitere wichtige Überlegung. Sie betrifft ein Problem, das mit der erwähnten Frage der Repräsentation eng verbunden ist: Wie steht es um die so genannten propositionalen Repräsentationen - also Sätzen, in denen Überzeugungen oder Behauptungen artikuliert werden? Wie unterscheiden wir hier zwischen Repräsentierendem und Repräsentiertem? Mit dieser Frage kehren wir zur Bedeutung der Normativität zurück.

Eine der großen Erneuerungen, die wir Kant zu verdanken haben, besteht in der Funktion, die er den von ihn so genannten Urteilen zuerkannte, also Sätzen wie "Dies ist ein Kaninchen" - für ihn fungieren sie als die minimale Einheit der Erfahrung oder des Bewusstseins. Und zwar aus dem Grund, weil das Urteil im Kontext einer Verantwortung steht. Wie ist das zu verstehen? Niemand kann für etwas Verantwortung übernehmen oder sich zu etwas verpflichten, was - sprachlich betrachtet - einem Ausdruck wie etwa "flach" oder "auf dem Tisch" entspricht. Denn sofort würde sich die Frage anschließen: "Ja, schön, aber was ist damit?" Spätestens seit Wittgenstein sollte uns klar sein, dass ein mehr oder weniger ganzer Satz die kleinste Einheit ist, mit der wir in normativer Hinsicht bedeutsame Züge in einem Sprachspiel ausführen können.

Dieser normative Aspekt tritt in der inferenzialistischen Auffassung deutlich zu Tage: All die Gehalte sprachlicher Äußerungen, denen eine normative Kraft (sei es in Gestalt eines Urteils oder Anspruchs, einer Feststellung et cetera) innewohnt, alle propositionalen Gehalte also, zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei unseren Schlüssen (inferences) die Rolle von Prämissen und Konklusionen spielen. Und Schlüsse wiederum sind Spielzüge in einer sozialen und institutionalisierten, regelhaften und normativen Umgebung; sie fungieren als Verpflichtungen und formulieren Ansprüche. Propositionale Gehalte bedeuten insofern eine Verpflichtung, als sie Gründe liefern und der Begründung bedürfen.

3. Sprache

Zu einer der vorrangigen Aufgaben der Philosophie gehörte die Ausarbeitung der Humboldtschen Idee, dass sich in der Sprache unser Denken ausdrückt - gemeint ist die Idee, dass wir die Bedeutung eines Begriffs mit seiner Verwendungsweise bestimmen. Greifen wir nun das bisher Gesagte auf, so können wir präzisieren: Um eine begriffliche Äußerung zu verstehen (ihren propositionalen Gehalt), müssen wir ihre Rolle in dem (normativen) Spiel verstehen, in dem Gründe gegeben und gefordert werden. Zu verstehen, was jemand gesagt hat, heißt in der Lage sein, zu unterscheiden, zu was er sich verpflichtet hat, auf was er sich festgelegt hat, um anderes abzulehnen, und unter welchen Bedingungen er sein Ansprüche gerechtfertigt oder erfüllt sieht.

Aus diesem Grund können unsere sprachlichen oder begrifflichen Fähigkeiten als ein Set von praktischen Möglichkeiten verstanden werden, mit dem wir uns an einem Sprachspiel beteiligen und mit dem wir beobachten, wie jeder Sprechakt, jede Handlung unsere Stellung in diesem Spiel verändert. Es ist so, als würde man bei einem Spiel Punkte gewinnen oder verlieren und jeder Teilnehmer darüber (wenigstens implizit) Konto führen. Die Tatsache, dass wir leben, handeln und uns in einem (kulturellen, diskursiven) Raum aufhalten, der durch diese - spielerische - Praxis gekennzeichnet ist, macht uns zu "geistigen" und nicht so sehr zu natürlichen Wesen: Anderen gegenüber bringen wir Ansprüche hervor und nehmen Ansprüche zur Kenntnis. Unsere Existenz ist die diskursiver Kontoführer. Dies gehört zu den grundlegenden Bedingungen unserer Existenz in einem Gemeinwesen, in dem wir als Vernünftige und - was bei Kant dasselbe ist - Freie Normen einrichten und anerkennen.

4. Logik

Indem wir das, was in unseren alltäglichen Gesprächen implizit bleibt, in eine explizite, also ausdrückliche und diskutierbare Form bringen, begeben wir uns nicht nur auf eine höhere Eben, etwa die einer ausgearbeiteten semantischen oder linguistischen Theorie. Dieser Vorgang ist auch ein entscheidender Teil der alltäglichen Praxis. Wie bereits angedeutet, sollten wir darüber nachdenken, was uns als "geistige" Wesen auszeichnet. Dabei gilt es zweierlei zu berücksichtigen: Zum einen artikuliert sich die pragmatische Dimension - was wir tun, indem wir etwas sagen - in der normativ wirksamen Annahme und Zuschreibung des sozialen Status; zum anderen artikuliert sich die semantische Dimension - der Gehalt dessen, was wir gedacht oder gesagt wird - in inferenzialistischen Relationen (Verkettungen).

Beide Dimensionen zusammengenommen, ermöglichen es uns, überhaupt zu reden und zu denken. Dabei helfen unser normatives Vokabular (Begriffe wie "sollte" oder "müsste" et cetera) und unser logisches Vokabular (Formulierungen wie "wenn ..., dann ..."), die pragmatische und die semantische Dimension in eine explizite Form zu übersetzen. Wir sprechen und denken dann über das Sprechen und Denken nach, darüber, wer zu was verpflichtet ist und was daraus wiederum folgt. Darüber hinaus können wir, anstatt das Implizite immer nur explizit zu machen, von vornherein darüber diskutieren: als ein explizites Geben und Fordern von Gründen für unsere normativen Zuschreibungen und Schlüsse. Indem wir ein solches Vokabular verwenden, versetzen wir uns schließlich in die Lage, Kritik an den bestehenden, uns umgebenden Verhältnissen zu üben - sie uns "bewusst" zu machen.

Die Begriffe, die wir in unserem normativen und logischen Vokabular verwenden, ermöglichen unser pragmatisch-semantisches Selbst-Bewusstsein. Philosophie, wie ich sie verstehe, zeichnet sich durch Verantwortung für den Schutz und die Pflege jeder Art von Selbstbewusstsein aus. In diesem Sinne sollten wir uns nicht so sehr als natürliche Wesen verstehen, sondern als normative, soziale, vernünftige, freie und selbstbewusste Kreaturen, die dazu fähig sind, die Welt, in der sie leben, durch ihr Sprechen und Denken explizit zu machen.

Aus dem Englischen von Christian Schlüter

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