F O R S C H U N G S S K A N D A L Streit um die richtige Mischung

Erneut haben deutsche Forscher gepfuscht. Die Kontroverse um eine Impfung gegen Krebs zeigt, wie schwer es Wissenschaftlern und Hochschulen fällt, sich selbst zu kontrollieren

Unter extremen psychischem Druck reagieren manche Menschen paradox: Sie werden äußerlich ruhiger statt nervöser. Samstagabend vergangener Woche auf einer Tagung im Schloss Reisensburg nahe Ulm: Alexander Kugler, Urologe an der Universität Göttingen, ist scheinbar die Ruhe selbst. Er lächelt immerfort, deutet mit dem Laserzeiger auf die wissenschaftlichen Diaprojektionen. Der leuchtend rote Punkt, meist unfreiwilliger Seismograf eines momentanen Stresspegels, zittert kaum. Zwei Tage zuvor aber hatte die Süddeutsche Zeitung inZusammenarbeit mit dem Laborjournal Vorwürfe veröffentlicht, welche die Karriere des 36-Jährigen und seines Forscherkollegen Gernot Stuhler von der Universität Tübingen vorzeitig beenden könnten.

Von Parallelen mit dem berüchtigten Fälschungsskandal Brach/Hermann/Mertelsmann ist die Rede, bei dem es um manipulierte Daten ging. Im Zentrum der jetzigen Kritik steht eine "Impfung gegen Krebs" (ZEIT Nr. 32/2000), mit der die deutschen Forscher eine Therapie gegen das Nierenzellkarzinom gefunden zu haben glaubten. Doch das Ombudsgremium der Georg-August-Universität Göttingen untersuchte Ungereimtheiten. Eine Fotografie in der Habilitationsschrift Kuglers stammte offenbar vom Tübinger Kollegen. Und dieser hatte sie nicht aus dem eigenen Labor, sondern aus dem Internet. Ende Mai lag der Zwischenbericht des Gremiums vor. Plötzlich ging es um mehr. Nicht nur der "falsche Gebrauch eines Bildes" wurde bemängelt, sondern auch die wissenschaftliche Oberflächlichkeit und Sorglosigkeit, mit der die Wissenschaftler vorgegangen waren. Die vorläufige Empfehlung lautet jetzt: Die Habilitationsarbeit zurückziehen.

Hektisches Treiben herrscht in den Gremien. In einem fort wird getagt. Schon jetzt zeichnen sich in den Auseinandersetzungen drei Konfliktherde ab: Betreiben die Kliniker - vorgeblich im Sinne der Patienten - dilettantische Forschung? Wie gut ist ihre Verbindung zu den Grundlagenwissenschaftlern? Und hat die deutsche Forschung endlich aus anderen Skandalen gelernt und eine funktionierende Selbstkontrolle installiert?

Schon lange munkelte die wissenschaftliche Gemeinde über methodische Ungenauigkeiten bei Kugler, Stuhler & Co. So schimpfte Ulrich Zimmermann, Würzburger Biophysiker und Experte für Zellfusionen, dass sogar seine Studenten die im März vergangenen Jahres erschienene Studie hätten "zerreißen" können. "Erstaunlich", wundert sich Kugler heute, "dass der sich ein Jahr mit dieser Kritik Zeit gelassen hat." Verblüffend auch, dass das angesehene Fachblatt Nature Medicine die Arbeit überhaupt angenommen hatte.

Auch an anderer Stelle funktionierte die Selbstkontrolle der Wissenschaft nicht. Experten stritten, monatelang gingen Gutachter wissenschaftlichen Schlampereien nach, aber weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) noch die Öffentlichkeit wurden darüber informiert. Jetzt erst betonen die Universitäten Göttingen und Tübingen, die DFG, diverse Ombudsgremien und wissenschaftliche Experten ihr Bedürfnis nach Aufklärung - und sucht nach demjenigen, dem man den Schwarzen Peter zuschieben kann.

In der Veröffentlichung in Nature Medicine vom März 2000 berichteten die Gruppen aus Göttingen und Tübingen von den Behandlungsergebnissen bei 17 Patienten. Vier Patienten waren nach der Therapie frei von Geschwüren; in der Fachsprache nennt man das Vollremissionen. Bei drei weiteren war der Tumor um mehr als die Hälfte reduziert worden. Im Mai 2000 erhielten Kugler und Stuhler den mit 50 000 Mark dotierten Ernst-Wiethoff-Preis. Im Sommer jubelte Kugler, dass sich bei 40 Prozent der inzwischen mehr als 30 behandelten Patienten die Therapie als wirksam erwiesen habe.

Schon zu Beginn wurde Kritik laut

Die Strategie, mit der Alexander Kugler und Gernot Stuhler den Krebs bekämpfen wollen, halten Fachleute für vielversprechend: Patienten werden Krebszellen entnommen und mit den Abwehrzellen eines gesunden Spenders verschmolzen. Das Impfgemisch soll das körpereigene Immunsystem zum Kampf gegen den Tumor anstacheln. Schließlich weist es zum einen die Tumoreigenschaften des Patienten, zum anderen die fremden Merkmale des Spenders auf, gegen die sich das Abwehrsystem richten soll. Doch bereits in dieser Anfangsphase wurde intern Kritik am Vorgehen der Krebsmediziner laut. Stuhler sei von Fachkollegen davor gewarnt worden, die Internet-Abbildungen der Zellfusion zu benutzen, heißt es.

Für diese Fusion werden die Krebszellen mit Immunzellen von Spendern durch einen kurzen Elektroschock zum Verschmelzen gebracht. Von der Dauer des Impulses ist es abhängig, ob die Zellen dies überhaupt überleben. Und das Überleben ist - zumindest in der Theorie - für das Funktionieren der Technik essenziell. Doch wie vital das elektrisierte Zellgemisch noch war, haben die Wissenschaftler kaum getestet. "Das ist doch unglaublich rudimentär", sagt ein Experte für Krebstherapie, der ungenannt bleiben will, "dann kann man gleich kalten Kaffee injizieren."

Die Methode der Elektrofusion ist ein Import aus Tübingen, wo Lothar Kanz die Onkologie leitet und Stuhlers Chef ist. Offensichtlich muss es über das methodische Vorgehen früh Unstimmigkeiten zwischen den beteiligten Gruppen gegeben haben; in Göttingen waren einerseits Urologen wie Kugler, andererseits Internisten an der Therapie beteiligt. In der internen Stellungnahme des Göttinger Ombudsgremiums wird von "inhaltlichen und persönlichen Verwerfungen und Kontroversen" anlässlich "verschiedener methodischer Änderungen" berichtet. Die seien allerdings "durch eine Schlichtung des Ombudsmannes am 23. 11. 2000 befriedet" worden.

Der Friede war von kurzer Dauer. Bereits am 12. Januar 2001 erhielt das Göttinger Ombudsgremium einen Brief, in dem die Frage gestellt wurde, ob in Zusammenhang mit der Nature Medicine-Publikation nicht "wissenschaftliches Fehlverhalten feststellbar" sei. Dabei ging es nicht nur um das fragliche Überleben der Zellen nach Elektrofusion, sondern auch um die Beurteilung des Behandlungserfolgs. Der Rückgang von Nierenzellkrebs ist nämlich nur von Röntgenexperten zu beurteilen. Auf dem Nature Medicine-Paper finden sich zwar 15 Autoren - darunter aber kein Radiologe. Das Ombudsgremium musste feststellen, dass die Verlaufsbeurteilung bei mehreren Patienten nicht auf einer Ansicht der Bilder, sondern auf "schriftlichen Befunden von außerhalb" beruhte.

Im Mai muss dann verschiedenen Beteiligten der Kragen geplatzt sein. Der Würzburger Biotechnologe Ulrich Zimmermann schrieb an Manfred Droese, den medizinischen Dekan der Universität Göttingen. Zimmermann bezeichnete das Vorgehen der niedersächsisch-schwäbischen Krebsärzte als "wissenschaftlichen Standards nicht entsprechend", voll von "Fehlern und Fehlinterpretationen" und urteilte, dass "das Verfahren aus Nature Medicine nicht funktionieren kann". Lag es an den alarmierenden Äußerungen Zimmermanns, dass das Göttinger Ombudsgremium am 23. Mai seinen Zwischenbericht verfasste?

Im Mai war es auch, als sich einer der beteiligten Forscher an Peter Hans Hofschneider wandte. Der Professor für Biochemie in Martinsried bei München war bereits die Vertrauensperson für denjenigen, der 1997 mit seinen Erklärungen den Fälschungsskandal Brach/Hermann/Mertelsmann ins Rollen gebracht hatte. Auch diesmal kam ein anonym bleiben wollender Jungwissenschaftler zu Hofschneider mit den Worten: "Ich bin hier als Ausdruck der eigenen Ohnmacht." Er berichtete von "nicht protokollgerechten Therapieverfahren in laufenden klinischen Studien", falschen Produktbeschreibungen und "möglichen Nachteilen für Patienten". Zwar gäbe es eine Ombudskommission der Fakultät, doch die agiere seit über einem Jahr ohne erkennbares Ergebnis und beschäftige sich nur mit einer fragwürdigen Abbildung. Außerdem sei ihr Vorsitzender zugleich der Vorsitzende der Ethikkommission, die einst die klinische Studie bewilligte. Dass sich zusätzlich eine Firma "mit hohem finanziellen Aufwand" beteiligt habe, könne auch nicht nur positive Auswirkungen auf die Aufklärungsbemühungen haben. Wie verzweifelt muss ein junger Forscher sein, um sich einem auswärtigen Professor anzuvertrauen?

Hofschneider hält neben den anderen Vorwürfen auch die falsche Abbildung für zentral: "Ich kann das nicht als Lappalie betrachten." Denn mit dem Bild sollte der Eindruck vermittelt werden, dass in dem "Göttinger Gebräu" lebende Zellen enthalten seien. In den Veröffentlichungen taucht es zwar nicht mehr auf, doch es wurde bei den Fachzeitschriften mit eingereicht und hatte daher wesentlichen Einfluss auf das Urteil der Gutachter.

Hofschneider war über die ihm geschilderten Vorfälle entsetzt, sieht es immerhin aber als positiv an, dass sich "engagierte junge Wissenschaftler mir gegenüber offenbart haben". Nach einer Besprechung mit anderen Fachleuten am 8. Juni schrieb er zusammen mit zwei anderen Wissenschaftlern einen Brief an die DFG, die bis dato nichts von den Vorfällen in Göttingen und Tübingen wusste.

Dort sei "sofort" mit den Untersuchungen begonnen worden, sagt Eva-Maria Streier, Sprecherin der DFG. Sofort, das war, nachdem Hofschneiders Schreiben eingetroffen war. Am 21. Juni antwortete DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker persönlich und teilte neben seiner "Betroffenheit" mit, dass die Vorwürfe "von einer solchen Tragweite" seien, dass die DFG auf Aufklärung dränge. Inzwischen wurde der anonyme Informant bereits angehört.

Rolf-Hermann Ringert, Kuglers Chef, ist zerknirscht. "Natürlich wollen wir das schnellstmöglich aufklären", beteuert er. Kugler sei freigestellt, um die Daten zusammenzutragen, und eine externe Expertenkommission werde eingeladen, diese zu überprüfen. Der verdächtigte Alexander Kugler steht weiterhin mit seinem Freund und Kollegen Gernot Stuhler in engem Kontakt. Die Sache mit dem falschen Bild sei schwierig, sagt Kugler, von einer Belastungsprobe mag er nicht sprechen. Er sei zutiefst getroffen, verteidigt auf der Tagung aber weiterhin seine Studie: "Zusammenfassend sind wir weiterhin der Meinung, dass die Tumorzellhydridisierung eine sichere Therapie ist, mit wenig Nebenwirkungen - insbesondere keinen toxischen."

Und am Ende zählten doch die erfolgreich Therapierten. "Von den 17 Patienten hätte nach der Statistik heute keiner mehr am Leben sein dürfen", sagt Kugler, aber vier seien weiterhin tumorfrei. Über 40 Monate hat ein Kranker sein Todesurteil überlebt - kaum mehr als ein halbes Jahr hätte man ihm gegeben. "Rufen Sie die Patienten an", bittet der Arzt Kugler inständig.

"Ich verdanke ihm mein Leben", sagt Werner Kuhl, ein Rentner aus Braunschweig, der die Impfspritze seit 1998 neunmal erhielt und dem die Krebsspezialisten maximal sechs Monate Lebenszeit gaben. Entweder klappt das, habe er sich gesagt, oder es ist vorbei. Nebenwirkungen gab es bei ihm keine, jetzt ginge es ihm gut: "Ich wünsche dem Herrn Kugler viel Glück."

Wer heilt, hat Recht, sagen manche Praktiker. Die Grundlagenforscher aber fordern schlüssige Beweise. Sie wollen nicht nur wissen dass, sondern warum eine Therapie hilft - alles andere gilt nicht. Ein tiefer Graben besteht zwischen medizinischer Praxis und biologischer Theorie. Auf Schloss Reisensburg beschreibt einer von ihnen die Stimmung so: "Es herrscht Krieg zwischen Grundlagenforschung und Klinik." Die einen wollen möglichst schnell helfen, die anderen haben immer wieder berechtigte Fragen. Im Schloss tagt die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gentherapie. Viele Grundlagenforscher sind hier versammelt, und trotz der Kritik der Süddeutschen Zeitung hat sich Kliniker Kugler in ihre Mitte gewagt.

Die Fragen der Teilnehmer kommen in rascher Folge. "Indirekte Beweise reichen nicht", nörgelt ein Teilnehmer. Woher wüssten die Forscher, dass es die eingespritzten verschmolzenen Zellen waren, welche die Besserung hervorriefen? Woraus schlössen sie, dass die gespritzten Zellen noch gelebt haben? Kugler versucht zu antworten, verhaspelt sich, das Lächeln verschwindet. "Welches die wirksame Komponente ist, das können wir im Moment nicht sagen, das muss noch weiter untersucht werden", sagt er. Doch sie hätten geprüft, ob in dem so genannten Gebräu Zellen seien und auch welche. Ob sie aber lebten?

Plötzlich springt ein weißhaariger großer Mann in der ersten Reihe auf und stellt sich vor den Angegriffenen. Er gibt sich als Rolf-Hermann Ringert, der Chef von Kugler, zu erkennen. "Wir sind die Kliniker", sagt der Chef, "wir sind vielleicht nicht so fit in diesen anderen Dingen, aber wir sind der Meinung, dass man damit weitermachen muss."

Eine nachvollziehbare Haltung, wenn die klinischen Befunde denn hieb- und stichfest wären. Aber auch hier gibt es Zweifel. Hans-Georg Rammensee, für Forschung zuständiger Vorstand der Tübinger Medizinfakultät, betont, dass bei keinem der 23 in Tübingen behandelten Patienten ein Rückgang des Tumors beobachtet werden konnte. "Da muss man sich doch fragen: Warum geht hier nicht, was in Göttingen geht?" Will Rammensee damit sagen, dass die klinischen Daten in Göttingen manipuliert wurden, die Grundlagenforschung in Tübingen aber nicht? So habe er das auch wieder nicht gemeint. "Womöglich hat man in Göttingen Gesunde therapiert", sagt Hubert Rehm vom Laborjournal.

Und noch einmal wird die gestörte Kommunikation unter den Wissenschaftlern deutlich. Peter Hans Hofschneider fragt sich, warum die Tübinger Wissenschaftler ihren Göttinger Kollegen die gravierenden Unterschiede bei den Heilerfolgen nicht mitgeteilt haben.

In Göttingen ist jetzt ein gesteigertes Bemühen um Aufklärung zu erkennen. Der Imageschaden für die Universität ist enorm, sagt Droese, da helfe nur die Flucht nach vorn. Das Verfahren zur Habilitation Kuglers liegt vorläufig auf Eis. Die Behandlung der Patienten wurde vorerst eingestellt. Für Rammensee und die Tübinger Universität ist die Sache hingegen erledigt. Schließlich hege man im Schwäbischen "keinen Verdacht, dass Herr Stuhler etwas falsch gemacht hat". In Göttingen wartet man bis heute darauf, dass Gernot Stuhler das Protokoll, das nach seiner Anhörung am 28. Februar in Göttingen angefertigt wurde, unterzeichnet.

Auch in Tübingen habe man schließlich "frühzeitig" eine Kommission eingesetzt, erklärt Rammensee. Frühzeitig - das war Ende Juni 2001. Diese Ad-hoc-Kommission befasste sich nur mit Vorwürfen gegen Stuhler. Sie äußerte sich nicht dazu, dass die Technik zur Zellfusion in Tübingen entwickelt und dann erst nach Göttingen transferiert wurde. Von funktionierender Selbstkontrolle ist man offensichtlich noch meilenweit entfernt.

"Man muss das System hinterfragen", fordert Hofschneider. "In den Kliniken sind die jungen Ärzte von morgens bis abends auf Station. Und dann sollen sie gute Forschung machen. Wenn dann auch die Chefs nichts von der Sache verstehen, muss es immer wieder zu solchen Fällen kommen."

Rolf-Hermann Ringert hält zu seinem Habilitanden - und zu dessen Verfahren. "Nach den ersten positiven Berichten in der Presse sind wir überrannt worden von Patienten", sagt er, "sie nicht zu behandeln, konnte ich ethisch nicht vertreten." Also impfte das Team bis heute über 100 weitere Menschen "nach den Kriterien des ersten Versuchs". Über 50 benötigen noch weitere Injektionen: "Ich kann sie ihnen doch jetzt nicht verwehren."

Diskussionsstoff für die wissenschaftliche Gemeinde auf Schloss Reinsberg. Das sei eigentlich eine große Phase-II-Studie, stellen die Forscher beim Wein im Schlosshof fest. Da dürfe müsse man eigentlich genau wissen, was man verabreicht. Unverantwortlich, so was.

 
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