E R E I G N I S Mama, nicht weinen!
Sie leben in Drill und Disziplin. Am Tag und in der Nacht. Mit ukrainischen Kadetten auf dem Großsegler "Khersones" von Lissabon nach Alicante. Ein Bordtagebuch
Ernst von Feuchtersleben, »Diätetik der Seele«, 1838
Am Anfang dieser Reise umhüllt zarter Flaum ihre Wangen. Manchmal toben sie unbekümmert an Deck. Am Ende dieser Reise werden aus Kindern Kerle und aus Kerlen Männer geworden sein. In ihrer Heimat wird man sie wie Helden feiern, und die Frauen werden ihnen zu Füßen liegen. Dazwischen liegen Hunderte von Seemeilen, Tausende von Kommandos und nicht wenige Gedanken an die Heimat, an die Familie und an die verlorene Kindheit.
Montag. Letzte Nacht drang wieder die eisige Stimme durch die Lautsprecher. Prigotowitsja k parusnomu awralu. Die Lautsprecher in den Kabinen scheppern und geben dem Befehl eine nachhaltige Schärfe. Es ist 2.48 Uhr. Raus aus der Koje. Anziehen. 2.50 Uhr donnern Stiefeltritte durch die Gänge. 2.52 Uhr: Strammstehen an Deck. »Bereitet den Segelalarm vor«, lautete die Ansage. Minuten später schickt der Offizier noch ein Padjom i pastanowka parusow hinterher: Eine Gruppe Kadetten wieselt das seilige Geflecht zu den Masten hoch. Andere ziehen an dicken Tauen, bis sich die Segel mit der Macht des Windes füllen. Von der Bugspitze aus betrachtet, gleicht die Khersones mit ihren drei Masten einer monströsen Kathedrale, die sich lautlos durch Nacht und Wellen schiebt.
Gestern Morgen haben wir Lissabon verlassen. Jemand startete die Motoren des Großseglers, und an Deck legte Wladimir seinen Arm um die Schulter von Artem. Die beiden Kadetten genossen den letzten Blick auf die weiße Stadt, die sich sehnsuchtsvoll zum Hafen streckt, als wolle sie sich im Wasser des Rio Tejo ertränken. Seit Wochen sind die insgesamt 70 ukrainischen Kadetten auf See, der Törn ist Teil ihrer vierjährigen Ausbildung an dem Kerch Marine Technological Institute auf der Krim, wo sie zu Seeleuten für die Handelsmarine geschult werden. Gestern sind auch ein paar Touristen an Bord gekommen. Ein älterer Brite mit krummer Körperhaltung und wächsernem Gesicht, ein ebenso alter Österreicher, der seinen Traum als Seefahrer nachzuträumen versucht, ein junger Hamburger aus der New Economy, dem der Wunsch nach einer echten Männergesellschaft ins Gesicht geschrieben steht. Vielleicht ist dieses Schiff tatsächlich eine der letzten Bastionen der Männergesellschaft, aber auch diese werden neuerlich von Frauen geschliffen (ähnlich wie die Freizeitbastion Angeln!). Zum Beispiel von der Buchhalterin einer Computerfirma, die im Laufe dieser Reise aber keine Beachtung findet.
Dienstag. Mittagshitze. Die Kadetten schrubben an Deck mit Backsteinen nassen Sand über die Planken, und fünf Meter vor ihnen liegt ihre Englischlehrerin in pinkfarbenem Bikini, mit Strohhut und Perlenkette. Die Englischlehrerin tut so, als läge sie auf dem Sonnendeck eines Luxusliners und würde in wenigen Sekunden von einem Ölmilliardär angesprochen. Frage mich, ob das vom Kerch Marine Technological Institute so eine gute Idee ist, eine Diva auf hohe See zu schicken. Zumal die Khersones ja bescheiden daherkommt. Was kann das Schiff bieten? Ein Krankenzimmer mit Pritsche und 60-Watt-Birne und Nierenschälchen. Eine plüschige Videokammer mit Pornocharakter. Und den Geist von Kap Hoorn (5 Tage, 20 Stunden und 30 Minuten im Jahre neunzehnhundertsiebenundachtzig). Die Englischlehrerin ist strikt dagegen, dass ich mir den Unterricht im Auditorium mal ansehe.
Sitze nachmittags in der Bibliothek und finde Informationen über die Stadt Chersones an der Nordküste des Schwarzen Meeres. Sie bestand 2000 Jahre, gilt als Stadt, die länger als alle anderen unabhängig war, wurde von Mongolen im 14. Jahrhundert zerstört - und gab diesem Schiff seinen Namen. Aus seinen Katakomben dringt nun ein leises Klackern. Es kommt aus der Fitnessecke. Ein Kadett wuchtet eine 20-Kilo-Langhantel. Im Rost der Hantel steht »T. Mc Larens & Sons«. Es riecht nach Schweiß und Leder, und dieses Gemisch erinnert verdammt an den Geruch in der Turnhalle eines Jungengymnasiums. Der Kadett stellt sich als Samir vor. Grüne Augen und ziemlich hübsch! Ideal für die Verfilmung von Herman Melvilles Novelle Billy Budd. Einer, der dem »Mysterium der Sünde« verfällt, um es mit Melville zu sagen.
Besuche mit Samir die Segelmacherwerkstatt. Durch ein Bullauge linst die Sonne. Überall Stofffetzen, Leder, Ösen, Stricke, Schlingen, Nadeln und Nieten. Samir sagt, dass die Kadetten jedem Touristen einen Spitznamen geben: »der Fettsack« zum Beispiel oder »das verbrannte Gesicht«. Aber das sei geheim, genauso wie die geheimen Bordregeln. Erstens: Die jüngsten der Kadetten waschen die Klamotten der älteren. Alles von Hand. Wenn etwas nicht sauber ist, gibt's eins in die Magengrube. Zweitens: Die jüngeren Kadetten haben den älteren einen Teil des Monatssalärs (umgerechnet 40 Mark) abzugeben, ohne Gegenleistung selbstverständlich. Drittens: Wähle nie die Nummer 20 vom Bordtelefon, auch wenn dir jemand sagt, mit der 20 könne man um Mitternacht kostenlos in die Heimat telefonieren. Große Falle. Beim letzten Mal erwischte es Sascha. Sascha habe die 20 gewählt, und am anderen Ende der Leitung meldete sich der Kapitän, schlaftrunken, aber wutschnaubend. Samir sagt, der Anruf habe Sascha eine Woche Kloputzen eingebracht.
Mittwoch. Seit einer Stunde stehe ich auf der Brücke und blicke ins Nichts. Brückendienst bei Nacht, das ist Somnambulismus. Man schaut schon mal auf den Radarschirm, der immer gleich ausschlägt, oder auf den Offizier, der gelangweilt ein Buch unter der winzigen Funzel liest, aber meistens schaut man in das Schwarz der Nacht und des Meeres. Stunde um Stunde. Und je länger man in dieses Schwarz schaut, desto mehr empfindet man das eigene Sein. Die Welt ist hier klar und doch so weit weg. Schöne Einsamkeit, prächtig und grenzenlos. Warum schläft das Meer nicht? Es zittert und rauscht und rülpst, und wir sind seine Gefangenen.
Hier trinkst du keinen oder drei
Donnerstag. Vier Stunden Schlaf und ein schlechter Traum. Die Sonne ist heute bissiger als gestern und plagt das müde Auge. Aber die Kommandos halten wach. Sudowje 11.30, ekipasch priglaschaetsa na objed. Mittagessen. Es gibt schon wieder Borschtsch und Kartoffeln und tellerweise Siedfleisch, und heute Nachmittag wird es wieder die fettgebackenen Kränze geben. Die Touristen löffeln bereits an den Tischen aus dunklem Holzfurnier. Für eine Sekunde oder auch zwei bleibt mein Blick an den hervorragend hässlichen Usambaraveilchen hängen, künstlich und abwaschbar, latest Ukrainian style. Immerhin wurde das Schiff gerade generalüberholt, nebst Kadettenmesse und Auditorium. Neben mir sitzt der Brite. Der Brite sagt, dass er in Paris wohne, und dann sagt er, dass er von den »unfreundlichen Kadetten« nicht ausreichend beachtet werde und dass »der Kapitän ihnen hätte mitteilen müssen, dass ihre Ausbildung auch mit meinem Geld finanziert wird«. - »Eine Frage der Erwartungshaltung«, entgegnet jemand. »Einen Stricher hätten Sie in Paris billiger haben können.« Der Brite geht. Der Österreicher verabschiedet sich auch schon, freundlich wie immer, um auf der Kadettenbrücke ein paar Positionen zu bestimmen. Im Grunde genommen macht der Österreicher nichts anderes, als eine Woche lang mit dem Zirkel auf Karten herumzupiksen und in Breitengraden zu denken. Die Psyche des Menschen kennt viele Abgründe.
Freitag. Noch immer keine Fakten über das Schiff notiert. Muss man das wissen? Der Koch verbraucht täglich 25 Kilo Mehl und die Motoren der Khersones bei Flaute 5 Tonnen Diesel. Reicht das? Interessanter ist diese Zahl: Die Spanier haben von Januar 2000 bis zum heutigen Tag 221 Leichen aus dem Gibraltar geborgen. Afrikaner, die für den Wunsch nach einem besseren Leben den Tod fanden. Die Khersones dümpelt direkt vor dem Nadelöhr. Rechts Afrika, links Europa und am Himmel die absolute Flaute. Denke gerade darüber nach, ob Angela Merkel und Edmund Stoiber auch versucht hätten, bei Nacht ins gelobte Paradies zu paddeln oder zu schwimmen, mal angenommen, sie wären in Afrika geboren. Plötzlich sehe ich Angela mit einer Badekappe vor mir. Es klopft an der Tür. Wladimir. Er hat heute Geburtstag und lädt mich zu einem nächtlichen Wodka in die Mannschaftsunterkunft ein. Wladimir entdeckt mein Handy. Anruf zur Krim:
»Sergej? Hier ist Wawa. Du bist ja schon wieder betrunken. Gib mir Mama! Mama? Hier ist Wawa. Du musst nicht weinen. Es geht mir gut. Alles in Ordnung ...«
Der Weg in die Mannschaftsunterkunft führt durch einen gekachelten Duschraum. Geduscht wird allerdings nur alle neun Tage, Befehl von oben, djen wannoj tönt dann durch die Lautsprecher. Auch Wawa ist jetzt betrunken. Er liegt mit zwölf Kadetten in den Betten. Es gibt Stör aus der Dose und trockenes Brot und nicht wenig Wodka. Alkohol ist für die Jungs verboten, wer erwischt wird, fliegt im nächsten Hafen von Bord. Wawa sagt: Hier trinkst du keinen oder drei. Den ersten auf die Gesundheit, den zweiten auf die Frauen und den dritten auf die Seefahrer. Na sdorowje. Weg mit dem Zeug. In dem Bettenlager ist es leidlich heiß, und frisch riecht es auch nicht. Die ersten ziehen ihre TShirts aus und krempeln ihre Overalls bis zur Hüfte runter. Der Matrose ist die Ikone des Meeres. Und von seiner Strahlkraft hat er bis heute nichts eingebüßt. Vielleicht ist es die Schönheit »dieser Schultern, Profile, Münder, dieser gewundenen, turbulenten Lenden, dieser starken und geschmeidigen Jungen«, von der Jean Genet in seinem Roman Querelle geschwärmt hat. Der junge Hamburger aus der New Economy ist auch schon ganz benommen. Der Matrose, sagt er, steht für körperliche Attraktivität und erotische Ausstrahlung und dient als Projektionsfläche für Sehnsüchte.
Samstag. Das Seeleben verfolgt einen bis in den Schlaf. Habe von Walzähnen und einem Floß geträumt, auf dem ein Mann lag. Die Crew eines Schiffes versuchte das Floß zu bergen, aber mitten in dieser Aktion schepperten wieder die Lautsprecher. Zuerst der übliche Befehl, das Bett zu verlassen, dann: Uborka kreplenije parusow. Einholen und Einpacken der Rahsegel. Später ist es totenstill an Bord. Nur manchmal hört man ein pathologisches Hämmern. Ding-ding. Ding-ding. Ding-ding. Die Kadetten klopfen den Rost von der Reling, andere polieren Messingschilder. Gesprochen wird nicht, wenn jemand spricht, nähern sich die frisch gewichsten Stiefel des Offiziers. Galeerenstimmung!
Alim ist ein zartgliedriger junger Mann mit mongolisch anmutendem Gesicht, und wie sich gleich herausstellen wird, ist Alim Tatar. Er hat sich gestern verletzt, muss nicht arbeiten. Alim sitzt an Deck und paukt Englischvokabeln. Nein, eigentlich möchte er nicht mit mir sprechen. Dann tut er es doch. Und gibt seine Voreingenommenheit gegenüber Deutschen ohne Zögern preis. Ein Teil seiner Familie wurde Opfer von Hitlers tollkühnem Gotenlandprojekt, das in Chaos und Blut erstickte. Zehntausende Tataren brachte Otto Ohlendorfs Einsatzgruppe D auf der Krim um. Und in Kerch, Heimathafen der Khersones, die ganze jüdische Bevölkerung. Der Führer wollte die Südtiroler auf der Halbinsel ansiedeln, aus Sewastopol sollte Theoderichhafen und aus Simferopol Gotenburg werden. »Der Rest meiner Familie wurde unter Stalin nach Sibirien verschleppt«, sagt Alim, »einige von ihnen waren Seefahrer. Ich möchte die Tradition fortsetzen.« Und dann schaut er stumm auf das Meer. Woran er denkt? »An meinen Bruder, er hat bald Geburtstag. Ich werde ihm einen Basketball schenken. Und den habe ich auf unserem Landgang in Hamburg gekauft.«
Man hört jetzt ein paar deutsche Touristen jubeln, die auf die höchste Plattform am Großmast geklettert sind. Alicante ist nicht mehr weit.
Sonntag. Adieu. Mach's gut. Irgendwann werden wir uns wiedersehen. Vielleicht auf einer Rolltreppe in Moskau oder Kiew, vielleicht in einer der Hafenspelunken der Welt. Du bist frisch rasiert. Aus dir ist ein richtiger Mann geworden.
Information
Zum Schiff: Eigner der »Khersones« ist das Kerch Marine Technological Institute auf der Krim. Auf dem Großsegler sind rund 70 Kadetten, 40 Personen gehören zur Stamm- crew. Die »Khersones« kann rund 75 Touristen aufnehmen. Unterkunft in Zwei- oder Vierbettkabinen. Eine Fünf-Tage-Tour kostet in der Doppelkabine rund 1500 Mark
Routenplan: zum Beispiel 12.8. bis 18.8. Rostock-Bornholm-Rostock, 16.9. bis 21.9. Bremen-Southhampton, 30.9.-5.10. Lissabon-Alicante, 5.10. Alicante-Cannes
Auskunft: Inmaris Perestroika Sailing, Maritime Service GmbH, Teilfeld 8, 20459 Hamburg, Telefon: 040/37 27 97, Fax: 37 17 36, im Internet unter: www.Khersones.de oder unter www.inmaris.de
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