U M W E L T Kein gutes Klima

Der Umweltgipfel in Bonn: ein Treffen der Nebelwerfer

Um es vorwegzunehmen: Der Diplomatentross, der sich dieser Tage in Bonn versammeln wird, hat nur eine Wahl - die zwischen Fiasko und Blamage. Misslingt es den Klimaschutz-Unterhändlern und Ministern aus mehr als 180 Staaten erneut, wie schon vor neun Monaten in Den Haag, sich auf die Anwendung ihres Kyoto-Protokolls zu einigen, droht die Ernte zehnjährigen Bemühens endgültig zu verfaulen. Fiasko! Raufen sie sich zusammen, so viel steht vor Beginn des ökologischen Konklaves schon fest, werden sie allenfalls eine Kostprobe symbolischer Politik zustande gebracht haben. Blamage!

Das Bonner Treffen wird zum Festival der Krämerseelen. Ein Trippelschritt für die Menschheit: Der Text, der zur Debatte steht, bedient in Wahrheit nur eine Politik der Verzögerung. Der vor vier Jahren in Kyoto vereinbarte Abschied aller Teilnehmerstaaten von der maßlosen Belastung des Weltklimas durch gefährliche Industrie- und Autoemissionen wird aufgeschoben. Auf eine fünfprozentige Reduktion der "Treibhausgase" hatten sich die ärgsten Klimasünder damals geeinigt. Immerhin, ein Anfang, wenn auch nur ein symbolischer. Als Maßeinheit diente der globale Schadstoffausstoß von 1990.

Nun kommt es zum Finale. Scheitert die Konferenz nicht grandios, dann vermutlich nur deswegen, weil sie, politischem Druck folgend, in Augenwischerei ausweichen wird. Assistiert von den gleichzeitig in Genua tagenden Staats- und Regierungschefs der G-8-Nationen, werden die am Rhein versammelten Herrschaften nach tagelangem Feilschen womöglich eine frohe Botschaft verkünden: Es bleibe bei der fünfprozentigen Reduktion. Doch in Wirklichkeit werden sie die Schlupflöcher für die großen Umweltsünder mit allerlei klein gedruckten Klauseln erweitern. Als sei der Treibhauseffekt ein Phänomen, dessen Bekämpfung getrost späteren Generationen überlassen werden könnte.

Doch die Zivilisationsgefahr ist längst real: Vor allem dank exzessiver Verfeuerung von Kohle, Öl und Gas ist die globale Temperatur seit einem Jahrhundert bereits um 0,6 Grad gestiegen - und in den nächsten 100 Jahren werden daraus drei, womöglich sogar vier Grad. Das entspräche der Temperaturdifferenz zwischen der letzten Eiszeit vor 20 000 Jahren und heute.

Die Erwärmung droht aus unserem Blauen Planeten einen lebensfeindlichen Ort im Universum zu machen. Mehr Krankheiten würden grassieren, und mehr Stürme wüten. Schwere Dürren würden mehr Menschen verhungern lassen, neue Fluten würden sie aus ihren angestammten Siedlungen vertreiben. Es drohen Völkerwanderungen und Überlebenskriege. Wenn denn das schicke Wort vom globalen Dorf überhaupt eine Berechtigung hat - dann wäre Klimaschutz die beste Sicherheitspolitik für dieses Dorf.

Warum also ist die ökologische Abrüstung trotz der drohenden Heimsuchungen biblischen Ausmaßes so schwierig?

Das Klimasystem reagiert träge auf seine Beschädigung. Den wissenschaftlichen Prognostikern lässt sich leicht unterstellen, mit apokalyptischen Ängsten zu spielen. Politiker, deren Planungshorizonte über vier oder fünf Jahre nicht hinausgehen, werden ihre Wähler mit vermeintlich teuren Schutzmaßnahmen nicht behelligen wollen - sie wälzen das Risiko, sich zu irren, lieber auf die angeblichen "Untergangspropheten" ab. Umweltschutz auf der Grundlage wissenschaftlicher Prognosen ist eine der schwierigsten politischen Übungen - bisher, so flüstert die Stimme der Bequemlichkeit, ist doch alles gut gegangen. Ökologische Untätigkeit schadet den wenigsten Politikern der Industriestaaten; denn im Treibhaus Erde sind Täter und Opfer nicht identisch. Während eine Hand voll Nationen das Gros der klimawirksamen Gase in die Atmosphäre befördert hat, sind die Habenichtse im Süden des Planeten den Konsequenzen ausgeliefert.

Das Prinzip Fernstenliebe

Diese Asymmetrie stellt die Politik der reichen Länder vor eine unangenehme Herausforderung. Sie muss Millionen Verbrauchern, Autofahrern, Hausbesitzern und Fabrikanten alle Verschwendungssucht beim Energieverbrauch austreiben, während die Früchte dieses Abschieds von lieb gewonnenen Gewohnheiten vor allem anderen zugute kommen. Wer sich an dieser Aufgabe versucht, tut vor allem eins: Er macht sich unbeliebt.

Die viel beschworene Solidarität der Reichen mit den Armen bleibt ein frommer Wunsch. Das Bekenntnis zur Gerechtigkeit für die zukünftigen Generationen ist so abstrakt wie das Prinzip "Fernstenliebe".

Die große ökologische Bewegung des 20. Jahrhunderts entstand in den Vereinigten Staaten. Ihr drohendes Ende allerdings auch. Die amerikanischen Verbraucher sind die größten Klimasünder, die Besiedlung zum Beispiel der kalifornischen Wüsten mit allem Komfort ist eine der erstaunlichsten Umweltkatastrophen.

Mit seinem "No" zu Kyoto provozierte US-Präsident George W. Bush allerdings mehr als eine außenpolitische Krise. Er ließ nicht nur seine europäischen Kollegen plötzlich als beherzte Ökologen erstrahlen, die sie nicht sind. Mit seinen undiplomatischen Worten sorgte der Mann im Weißen Haus auch dafür, dass Klimapolitik wieder für Schlagzeilen gut war - und er schaffte eine Barriere beiseite, hinter der sich viel intelligentes Unbehagen an Kyoto aufgestaut hatte.

Nicht dass Bushs Zweifel an den Erkenntnissen der Klimaforscher begründet wären; die von ihm selbst beauftragte National Academy of Science belehrte ihn eines Besseren. Das Kyoto-Abkommen ist auch nicht deshalb unfair and ineffective (Bush), weil es Länder wie Indien und China vorerst ungeschoren davonkommen lässt. Fehlerhaft ist das Kyoto-Protokoll aus einem anderen Grund. Unter dem Einfluss von Bushs Amtsvorgänger Bill Clinton entwickelten sich die 28 Vertragsartikel zu einem Monstrum. Damals, vor vier Jahren in Japan, standen die Diplomaten dermaßen unter Erfolgsdruck, dass sie Abmachungen trafen, die kaum einer der übermüdeten Unterhändler selbst verstand. Es entstand ein Durcheinander von Schlupflöchern und verbalen Weichmachern, deren Präzisierung auf später, auf die Konferenz von Bonn vertagt wurde. In Deutschland schlägt endlich die Stunde der Wahrheit - die Stunde der Nebelwerfer.

Dass nun die Amerikaner den Rest der Welt mit ihrem schlechten Stück Diplomatie allein lassen, hätte eine Chance sein können - wäre da nicht der japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi. Ohne die Stimme Japans kann das Kyoto-Protokoll nicht in Kraft treten. Japan will den Vertrag zwar retten, aber nicht die Freundschaft zu den amerikanischen Verbündeten aufs Spiel setzen. Sie wieder ins Boot zu holen hat aber einen Preis: den weiteren Verlust ökologischer Integrität.

Schachern ohne Ende - manch Umweltbewegter verliert deshalb den Glauben an die Klimadiplomatie. Es gibt aber keine Alternative. In der Zwischenzeit hindert niemand besonnene Unternehmer und Konsumenten daran, Energie sparsamer zu verwenden - zumal das Geschäft vorerst nicht nur das Klima, sondern auch den Geldbeutel entlastet.

Eine globale Herausforderung wie der Klimawandel verlangt indes eine globale Antwort. Der Weltmarkt wird sie eines Tages geben, und sie wird trostlos sein. Es sei denn, wir besinnen uns eines Besseren.

 
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