F I L M Jesus gegen die Belgier
Raoul Pecks Film über die kurze Karriere des Patrice Lumumba
Wenn jemand etwas als "wahre Geschichte" ankündigt, fürchtet er, dass ihm keiner glaubt. C'est une histoire vrai steht im Vorspann von Raoul Pecks Film Lumumba, und eine Erzählerstimme nimmt den mild pädagogischen Duktus auf. "Sag den Kindern nicht alles", sagt diese Stimme, "sie würden es nicht verstehen." Raoul Peck geht keine Umwege, um zu zeigen, was "den Kindern" über Jahrzehnte hinweg verschwiegen wurde. Zwei Männer in Uniformen zersägen den Leichnam eines in Tuch gewickelten Mannes. Man sieht sein blutverkrustestes Gesicht, er ist schwarz, die ihn beseitigen sind weiß. Sie lösen den Körper in Säure auf, verbrennen die Kleider. Nichts sollte bleiben von Patrice Lumumba, nicht einmal ein Grab. "Sogar tot machte ich ihnen Angst." Wenn eine Figur die eigene Ermordung kommentiert, werden wahre Geschichten im Kino erträglicher.
Patrice Lumumba war der erste Premierminister des gerade unabhängig gewordenen Kongo. Er war es nur zwei Monate lang. Im Dezember 1960 wurde er gefangen genommen, entführt und im Januar 1961 zusammen mit zwei Ministern aus seinem Kabinett ermordet. Bei dem Verbrechen spielten sich Lumumbas einstiger Mitstreiter Mobutu, die ehemalige Kolonialmacht Belgien, CIA-Agenten und die Führer verfeindeter kongolesischer Provinzen gegenseitig in die Hände. Der Rolle Belgiens geht zurzeit ein vom Parlament eingesetzter Untersuchungsausschuss nach. Bücher wurden geschrieben, Zeugen haben gesprochen, darunter einer der beiden belgischen Soldaten, die Lumumbas Leiche verschwinden ließen. Mehr als eine Generation später schien die Quellenlage ergiebig genug für eine "Rekonstruktion" (Peck) der Ereignisse.
Dennoch ist Lumumba keine historische Monografie. Peck geht es um das exemplarische Scheitern seiner Hauptfigur. Er zeigt Lumumba als einen Unzeitgemäßen, der die Rückständigkeit und Machtgier im politischen Geflecht seiner Umgebung unterschätzte. Allen voran unterschätzte er jenen Militär mit den starren Gesichtszügen, der sein Schreckensregime später vom Leopardenfell aus kommandieren wird. Pecks Lumumba leidet, ein Märtyrer ist er nicht. Dafür hält der Regisseur zu viel Abstand, mischt Privates im Vorübergehen mit ins politische Intrigenspiel, dem der junge Premier in monolithischer Einsamkeit ausgeliefert ist. Fern jeder diplomatischen Finesse legte Lumumba seine Absichten offen. Er wusste nichts von Politik. Noch in den letzten Wochen seiner Regierungszeit reiste er in die USA, um dort zu bezeugen, dass er kein Kommunist sei. Sein Intimfeind Mobutu machte sich die Abwesenheit zunutze.
Peck schält heraus, was Lumumba wollte. Er gibt einer Figur Kontur, die zwischen politischen Kraftfeldern zerrieben und noch nach ihrem Tod von den Gegnern marginalisiert oder für verrückt erklärt wurde. Der Regisseur hat lange gebraucht, um ein Verhältnis zu seinem historischen Protagonisten zu finden. Lumumba gehörte der Welt der Eltern an, lebte in den Erzählungen der Mutter. Peck, 1953 in Haiti geboren, verbrachte einen Teil seiner Kindheit im Kongo, sein Vater arbeitete als landwirtschaftlicher Berater, die Mutter war Sekretärin des Bürgermeisters von Léopoldville (heute Kinshasa). Diese Kindheit ließ kein zementiertes Zugehörigkeitsgefühl aufkommen. "Wir waren schwarz, aber auch weiß. Ich nutzte das aus", heißt es im Kommentar zu Pecks erstem essayistischen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1991; schon in Lumumba - Tod des Propheten umkreiste der Regisseur die Hauptfigur seines jüngsten Spielfilms. Aber nur vordergründig ist der erste Film eine Vorstufe zum zweiten, weder begnügt sich die Dokumentation mit der "Recherche", noch liefert der Spielfilm deren Resultat. Lumumba - Tod des Propheten ist eine brillante, komplexe und poetische Studie über die Wahrnehmung des Anderen, die Schatten eines zum Exotismus domestizierten Rassismus, auch über die Versklavung enes Großteils der Menschheit durch die Bilder, die sich der andere Teil davon macht. "Es gibt die Bilder, und es gibt die Leute, die sie erfinden." Das ist Pecks Thema, daher stammt sein Antrieb, "eigene" Bilder zu machen und sie den Klischees der Anderen entgegenzustellen. Der Dokumentarfilm ist derzeit in Okwui Enwezors Berliner Ausstellung The Short Century über Afrikas Kultur zur Zeit der Befreiungsbewegungen zu sehen. Auch der Spielfilm läuft vorerst nur in Berlin. Einen regulären Verleih hat Peck dafür nicht gefunden; nun bemüht sich das Evangelische Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF) um seine Verbreitung.
Merkwürdigerweise scheint sich das neue Bild des Kinohelden Lumumba auch aus der christlichen Ikonografie der missionierenden und mordenden Kolonisatoren zu speisen. Aus dem "Neger mit dem Ziegenbart" (Peck im Dokumentarfilm Lumumba, einen Zeitungsbericht zitierend) wird im Spielfilm ein schwarzer Jesus in Anzug und Schlips. Umringt von Jüngern, vom Judas Mobutu verraten vor dem ersten Hahnenschrei, ein Politiker, der meuternden Soldaten die offene Flanke zeigt und "schießt doch!" sagt. Einer, der in den Wüsten der Städte predigt und den Hohepriestern die Stirn bietet - wie in seiner berühmten Rede vor dem belgischen König anlässlich der Unabhängigkeitsfeiern im Kongo. Kurz vor seiner Verhaftung setzt Lumumba in einem Kahn über einen Fluss. Aufrecht stehend, die Gefährten zu seinen Füßen, scheint er über den Wassern zu schweben. "Ein Foto aus Mutters Schreibtisch. Wie Jesus ist er umringt", heißt es im Dokumentarfilm. Dennoch: Der Spielfilm Lumumba ist nicht dessen Hochglanzversion. Er erzählt die kurze Geschichte Lumumbas linear, mit perfekt inszenierten Ensemble-Auftritten, großen schauspielerischen Soli (Eriq Ebouaney als Lumumba, Alex Descas als Mobutu) und entfaltet gegen Ende das klamme Szenario vollständiger Isolation. Dabei erzählt Peck bei aller Stringenz noch elliptisch genug, um seine Zuschauer nicht ganz der Fassungslosigkeit auszuliefern. War es so? Es könnte genau so gewesen sein.
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