P O L I T I K B E R A T U N G Die Macht lässt denken
Think Tanks versorgen Amerika stetig mit neuen Ideen
Washington
Wir entwickeln die Ideen, die in Zukunft unsere Gesellschaft prägen werden." Ted Halstead, der Chef der New America Foundation, ist nicht bescheiden. Das muss man wohl auch nicht sein, wenn man als Gastredner in Davos auftreten darf und in der Presse als Chef des "spektakulärsten Think Tanks Washingtons" gefeiert wird. Nach nur zwei Jahren verfügt Halsteads Denkfabrik heute über einen Etat von vier Millionen Dollar. Und so konstatiert der 32-Jährige, der sich selbst als "gesellschaftspolitischen Unternehmer" bezeichnet, selbstsicher: "Wir klettern nicht wie Greenpeace auf Fabriktürme, aber auch wir verändern die Gesellschaft."
Halstead und sein Kompagnon Steve Clemont gefallen sich in der Rolle der ambitionierten Provokateure. Sie sind nicht allein. Die New America Foundation versammelt derzeit die jungen Wilden des Landes. In den modernen Büros, die jedem Internet-Start-up Ehre machen würden, versammeln sich Schreiber und Denker, die nicht in Links-rechts-Schemata passen: Michael Lind zum Beispiel, der einst wegen seiner kritischen Analyse der christlichen Konservativen von den Linken gefeiert wurde. Wenig später rieben diese sich die Augen, als Lind den Vietnamkrieg verteidigte. Oder die schwarze Autorin Debra Dickerson, die Quoten für Minderheiten kritisiert. Oder der junge Harvard-Absolvent Jedediah Purdy, der jüngst mit seiner Schrift wider den Zynismus in der Politik Aufsehen erregte. "Die Öffentlichkeit dürstet nach unkonventionellen Ideen, und wir bieten sie", sagt Halstead und präsentiert den Beweis für seine These: "Wir haben im vergangenen Jahr mehr Leitartikel in die großen Zeitungen platziert als die alteingesessenen Think Tanks."
Besser zu sein als die Konkurrenz, mehr Einfluss zu haben, häufiger gehört zu werden - nicht nur die New America Foundation von Halstead treibt diese Motive. Etwa 300 größere und ein paar hundert kleine Think Tanks buhlen inzwischen in den Vereinigten Staaten um die Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit. Und ihre Zahl wächst. Sie bestimmen das intellektuelle Leben, vor allem in der Hauptstadt Washington. Rund um den Dupont Circle, etwa 20 Minuten zu Fuß vom Weißen Haus entfernt, residieren die bekanntesten: Brookings, Carnegie, das Institute for International Economics und das American Enterprise Institute. Alle funktionieren nach dem gleichen Schema: Sie bieten Wissenschaftlern, Expolitikern oder Politikern in spe, hochrangigen Beamten, Journalisten und Experten aller Art nicht nur Schreibtische, Computer und Assistenten - sondern auch das Forum, um ihre Ideen publik zu machen.
Steuern, Bomben, Genforschung - guter Rat für alle Fälle
Die Profidenker, so genannte Fellows, sind meist nur für eine Weile zu Gast. In den Denkfabriken können sie endlich das machen, wozu sie wegen des Alltagsstresses nie gekommen sind: Sie schreiben Bücher, entwickeln Gesetzentwürfe für Kongressabgeordnete oder die Regierung, testen neue Thesen vor ausgewähltem Publikum oder stehen schlicht als Experten für eine Vielzahl von Themen zur Verfügung. Ob es um eine sinnvolle Steuerreform, die Bombardierung des Iraks oder die Zukunft der Embryonenforschung geht - in irgendeiner Stube in Washington wird darüber nachgedacht und geschrieben, anderenorts bereits eine Diskussionsrunde organisiert oder ein Interview gegeben.
Dienstagmittag bei Brookings: Der außenpolitische Experte Ivo Daalder hat einen illustren Kreis zum Mittagessen geladen. Am transatlantischen Roundtable sitzen Seite an Seite europäische Botschafter, amerikanische Kongressmitarbeiter, Journalisten und Akademiker verschiedener Länder. Während die Zuhörer Salat und Putenschnitzel verzehren, stellt Daalder seine Studie mit dem Titel Putting Europe First vor. Die Debatte wird hitzig, denn hier wird off the record gesprochen, keine Bemerkung aus dieser Runde darf aufgeschrieben werden. Das nützt allen: So können nicht nur die delikaten Themen des Bündnisses unverblümt angesprochen werden, die Nato-Erweiterung, die europäische Verteidigungsidentität und das amerikanische Raketenabwehrsystem. Hier darf auch der transatlantische Dissens offen ausgetragen werden, der Zirkel dient den Anwesenden als Frühwarnsystem: Akademiker bekommen dabei Ideen für weitere Forschung, Journalisten finden Themen für Artikel, und die Diplomaten können diskret weitergeben, worüber ihre Chefs wohl noch einmal miteinander reden sollten.
"Politiker, Berater und Beobachter mischen sich in Think Tanks in einer ganz besonders fruchtbaren Weise", sagt Jackson Janes, der das American Institute for Contemporary German Studies leitet. Er kennt die Szene auf beiden Seiten des Atlantiks gut und rühmt an der amerikanischen vor allem die bunte Mischung an Menschen. Anders als in Deutschland, wo jede Berufsgruppe im eigenen Saft koche, erlaubten amerikanische Denkfabriken Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensläufen und Berufen miteinander zu debattieren. Das setze Kreativität frei. "Deutschland könnte eine Menge von der amerikanischen Erfahrung lernen", lautet auch das Fazit von Josef Braml vom Aspen Institute, das eine Außenstelle in Berlin hat. Braml, der für seine Doktorarbeit gerade die Ideenfabriken in Deutschland und Amerika verglichen hat, beschreibt die US-Exemplare zudem schlicht als öffentlichkeitswirksamer: Statt für eine kleine Zahl von Auftraggebern aus Politik und Wirtschaft würden sie ihre Ergebnisse viel mehr für die breite Öffentlichkeit aufarbeiten. Er selbst hat das während mehrerer Forschungssemester bei Brookings erlebt.
Die Besten des Landes sollen sich den Kopf zerbrechen
Brookings gilt als der Mercedes-Benz der Think Tanks - alt, etabliert, seriös. Anfang des Jahrhunderts gegründet, gehört das Institut nicht nur zu den fünf an Geld und Einfluss reichsten des Landes, hier wird zudem die Elite des Landes gepflegt. Ohne Doktortitel und Ambitionen in der seriösen Forschung oder große Meriten in Politik, Militär oder Journalismus haben Bewerber für eine der Forschungsstellen nur wenig Chancen. Denn in dieser Universität ohne Studenten sollen die Besten des Landes für die Öffentlichkeit denken können. Im Büro von Kent Weaver sieht es so auch ganz nach einer klassischen Denkstube aus: Zeitungen türmen sich neben dem Schreibtisch, der Computer ist mit Aktenbergen zugebaut, Bücher sind bis unter die Decke gestapelt. "Ich kann sie nicht wegwerfen", sagt Weaver ein wenig schuldbewusst und setzt dann hinzu: "Aber ich weiß nicht mehr, wohin damit." Der Politologe hat seinen Arbeitsort zum Forschungsobjekt gemacht, er untersucht Think Tanks.
Vier Arten hat Weaver ausgemacht: Erstens Universitäten ohne Schüler, die zu Beginn des Jahrhunderts von reichen Philanthropen wie der Familie Carnegie oder Robert Brookings gegründet wurden. Sie beraten seither Politik und Öffentlichkeit, ohne sich dabei ideologisch festzulegen. Zweitens Institute, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden, als der Bedarf an Daten und Studien stieg, und die ihr Geld mit Auftragsforschung für das Militär oder die Regierung verdienen. Drittens Denkfabriken mit einer ideologischen Mission. Und viertens die Nischenexperten, die sich auf ein oder zwei Themen oder Regionen wie "Umwelt" oder "Asien" spezialisiert haben. Eines haben alle gemein: "Sie stehen ständig im Wettbewerb um die öffentliche Aufmerksamkeit", sagt Weaver, "denn nur das sichert die dauerhafte Finanzierung."
Die meisten Denkfabriken bekommen ihr Geld von großen Stiftungen oder von reichen Privatleuten. Diese Gönner wollen Ergebnisse sehen - und was wäre da wirkungsvoller als der wohlwollende Bericht eines Journalisten, das Lob eines Politikers oder die Veröffentlichung des Beitrags eines Fellows in einer großen Zeitung? Folglich müssen alle wichtigen Think Tanks ständig auf dem Markt der Meinungen mitbieten. Kurze Diskussionspapiere, Zeitungsartikel oder prominent besetzte Diskussionsveranstaltungen sind daher für die Reputation oft wichtiger als dicke Bücher und kluge Studien, die nur eine kleine Expertenschar liest.
Die Grenze zwischen Forschung und Meinungsmache verschwimmt
Think-Tank-Erforscher Weaver sieht diesen Kampf ums Publikum mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Zum einen verhindere der Wettbewerb, dass Elfenbeintürme entstehen, zum anderen werde die schwer vermarktbare Grundlagenforschung immer seltener. Außerdem bedauert er, dass die Grenze zwischen seriöser Forschung und Meinungsmache langsam, aber sicher verschwimmt. Vor allem die Produkte der ideologisch geprägten Denkfabriken kämen häufig wissenschaftlich daher, obwohl die Weltanschauung der Autoren das Ergebnis präge. Das entwerte auch die Arbeit der anderen. "Leider werden alle in einen Topf geworfen."
In der Heritage Foundation fühlt man diesen Konflikt nicht. Hier herrscht ein ungebrochenes Sendungsbewusstsein - und man hat die dafür nötigen Ressourcen. 45 Millionen Dollar nahmen die christlich-konservativen Enthusiasten 1998 ein, um "den liberalen Wohlfahrtsstaat zurückzudrängen" - so der Originalton auf der Internet-Seite der Stiftung. In einem kurzen Video erzählt dort mit bewegter Stimme der Schauspieler Charlton Heston, wie sich aufrechte Amerikaner mit rechten Ideen in den siebziger Jahren zusammenfanden, um als Gründer von Heritage "gegen den Kommunismus und für Steuersenkungen" zu kämpfen. Ihre Ideen zum Umbau der Gesellschaft sollten bald Gehör finden. Nach seinem Wahlsieg versorgte Ronald Reagan nicht nur viele Heritage-Mitarbeiter mit Regierungsjobs, er griff auch gern auf die "äußerst hilfreichen" Studien zurück - der ultimative Erfolg eines Think Tanks. Der jetzige Präsident George W. Bush knüpft an diese Tradition an und lässt sich von einem Mitarbeiter der Stiftung hauptamtlich bei der Personalauswahl beraten. Über 2000 Stellen kann Bush in Washington neu vergeben, vor allem bei den hochrangigen Posten haben inzwischen viele konservative Fellows den Zuschlag bekommen - beispielsweise die Arbeitsministerin Elaine Chao, der Handelsbeauftragte Robert Zoelick, die Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice oder der ökonomische Berater Larry Lindsey. Renommierte Demokraten rotieren derzeit hingegen in die Welt der Denkstuben zurück - so beispielsweise der Wirtschaftsberater Gene Sperling oder der ehemalige Finanzminister Larry Summers.
Bei der New America Foundation hat diese Prominenz noch nicht angeklopft. "Wollen wir auch gar nicht", sagt Chef Ted Halstead, "diese Leute sind viel zu teuer. Wir setzen auf die Stars von morgen."
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