Geliebte mit hunderttausend Volt
Die wachsende Gemeinde der Mastfreunde preist die tragisch verkannte Schönheit von Überlandkabelträgern
Der Definition nach", stellt der in Computer-Betriebssysteme verliebte Theaterautor Klaus Fehling bei einer Zigarre fest, "bist du auch ein Nerd."
Das wundert mich, denn Nerds sind laut Max Goldt eigentlich Menschen, die früher gern auf dem elterlichen Küchentisch gelötet haben, heute an exotischer Software tüfteln, ihre Körper nicht richtig beherrschen und Sex für lästig halten. "Stimmt nicht ganz", meint mein Gast. "Nerds sind vor allem Spezialisten für etwas, das sie ganz allein, ohne die Hilfe anderer, beherrschen können."
So wie die Liebhaber von Überlandstromleitungsmasten. Obwohl sie grausamste Häme ertragen müssen und darüber teils sogar krank werden, wächst die Gemeinde der Fachleute in diesem nur scheinbar abgelegenen Feld. "Es geht um einen Gegenstand, dessen Schönheit tragisch verkannt wird", heißt es auf einer Internet-Einführungsseite zum Thema (http://users.tinyonline.co.uk/bigh/bigh/intropage.htm).
"Anders, als die irregeleiteten Umweltschützer meinen, verschönern die erbaulichen Konstruktionen nicht nur die Umwelt, sondern sind auch ein beruhigendes Zeichen dafür, dass die Menschheit den Kräften der Natur trotzt."
Die Meinungen des Publikums sind geteilt. "Das hier ist die schlechteste Internet-Seite aller Zeiten", schreibt ein verstörter Netz-Surfer den Pylon-Lovers ins virtuelle Gästebuch. Ein anderer meint sozialpädagogisch: "Im Grunde eine gute Sache. Ihr müsst aber sehr traurige Menschen sein." Ob Freund oder Feind, die Masten-Fans in Australien, der Türkei und anderswo stört das alles wenig. Sie gründen sogar Ortsgruppen, die sich, zwecks Besuchs herausragender Pylone, zu gemeinsamen Ausflügen zusammenfinden.
Natürlich bleibt so etwas die Ausnahme, denn die meisten der einsamen Experten verlassen ihre Wohnung nur, wenn sie wirklich müssen - das heißt, wenn sich eine spannende neue Stahlmast-Location herumspricht. Via Internet, versteht sich. Wind und Wetter können sie dann nicht mehr schrecken. Egal, ob die Sonne "westlich von Izmir hinter einem besonders gut isolierten Exemplar nahe eines Verteilerplatzes" untergeht oder der Sturm einen Mast des Typs Plc ZX169 in Schottland umbraust: Die Kamera ist allzeit schussbereit. Täglich erweitert sich auf diese Art die internationale Pylon-Freilicht-Fotosammlung im Netz.
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- Datum 12.07.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29/2001
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