Geliebte mit hunderttausend VoltSeite 2/2
Die phallische Beinote der in den Himmel ragenden Gerüste ist den Elektro-Nerds nicht entgangen. Deswegen muss ein vorbeisurfender Normalo hin und wieder seine Volljährigkeit und geistige Freiheit bestätigen, bevor er zu einer Sammlung schwarzweißer Close-ups der stählernen Strukturen vorgelassen wird. Recht so. Dem echten Pylon-Lover ist ein Stahlmast eben weit mehr als ein Hobby.
Natürlich gibt es auch Randgebiete der Masten-Liebhaberei. Als besonders wichtig haben sich dabei das Zählen von Stromkabelhaltern (electricity pylon number collecting) sowie die Expertise in Isoliertechniken erwiesen. In der Fachgruppe der Isolatorenkenner gilt zurzeit ein besonders schickes Modell als Gipfel der Stromstoppkunst: der pfirsichfarbene Peaches 'N Cream Nia 2001. Er wird nur zur Isolatorenmesse in Atlanta im Juli dieses Jahres zu kaufen sein - ein Geheimtipp für alle ZEIT-LeserInnen.
Apropos Farbe. Unangefochtener Star aller Überlandmasten ist ein einzelner, rosa Angestrichener aus der Reihe ZP 226, der nordwestlich von Roachdale im britischen Ashworth-Moor steht. Nach monatelangem Rätselraten mit spannenden Vorschlägen (Rostschutzanstrich? Gewollte Einbettung in die Farben der Landschaft? Digitale Fälschung der Fotos?) gab die Herstellerfirma National Grid Co. auf Nachfrage bekannt, dass es sich um eine Sonderanfertigung für die Dreharbeiten zum Kinofilm Among Giants mit den Schauspielern Pete Postlethwaite und Rachel Griffiths in den Hauptrollen handelt. "So langsam verblasst der Mast", bedauert der Inhaber der Pink Pylon Photo Gallery, "bald wird er wieder seine alte graue Farbe haben." Gut, dass es wenigstens den Kinofilm auf Video gibt - Pflichtbesitz für die nesthockenden Neurotiker.
Zum Schluss eine Warnung. Sollten Sie Geschmack an Überlandkabelträgern finden, so beachten Sie stets die erste Regel der community: "Klettern Sie niemals auf Elektromasten. Sie könnten sich einen Stromschlag holen, herunterfallen oder beides." Denn genau so gefällt es dem Nerd: aus der Ferne beobachten - und die eigene Kauzigkeit friedvoll genießen.
Der Autor arbeitet international als Kriminalbiologe
- Datum 12.07.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29/2001
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