Herr Rucht, der Wahlkampfauftakt der Berliner CDU endete kürzlich im Eierregen: Linke Jugendliche bewarfen Spitzenkandidat Frank Steffel und den bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Steffel rief unter dem Schutz von Regenschirmen, dass wir für die Freiheit kämpfen und gegen den Sozialismus. Wie beurteilen Sie Lebensmittel im politischen Kampf - sind die noch modern oder eher anachronistisch wie die Rede von Freiheit oder Sozialismus?

Natürlich hat die Strategie von Provokation und Tabubruch sich etwas abgenutzt. Auch der offizielle Umgang mit Protest hat sich ja liberalisiert.

Angela Merkel zum Beispiel reagierte moderat, nach dem Motto: Na ja, so ist das Leben. Das wäre vor 30 Jahren undenkbar gewesen. Aber es gab auch viel Empörung, gerade weil der Berliner Wahlkampf derart symbolisch aufgeladen ist. Und wenn Eier auf Anzüge treffen, ist ein gewisser Effekt immer noch garantiert. An Helmut Kohls tumultösen Auftritt in Halle wird man sich noch lange erinnern, auch an Dieter Kunzelmanns Eierwurf auf Eberhard Diepgen beim Spatenstich am Potsdamer Platz im Oktober 1993. Und an den Windbeutel, der Kohl vergangenes Jahr im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann entgegenschlug.

Eier, Tomaten und Torten: Warum sind gerade diese Lebensmittel so prominent im politischen Theater?

Man findet in der Geschichte sozialer Bewegungen in der Tat selten anderes.

Die Tomate zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen ordentlichen Fleck hinterlässt, der auch an Blut erinnert. Bei Eiern beobachten wir zunächst den schönen Effekt des langsamen Hinunterfließens, ob an einer Person oder Häuserfassade. Die Torte zielt ausschließlich auf Personen, aber auch sie lässt den Getroffenen bekleckert dastehen. Der Wurf dieser Lebensmittel ist eine symbolische Protestform: Die Lebensmittel machen lächerlich. Sie zielen auf Repräsentanten und Repräsentatives, selten auf anonyme Gruppen wie etwa Polizeihundertschaften.

Wo sind Lebensmittel einzuordnen im Spektrum der Protestformen, irgendwo zwischen Fahne und Pflasterstein?

Von Fahnen unterscheiden sie sich, weil Eier, Tomaten und Torten persönlich adressiert werden können. Von Steinen andererseits in der deutlichen Dosierung des Mittels. Deshalb kommen auch Äpfel oder Ananasse nicht vor. Die hinterließen kaum Spuren, könnten aber wirklich wehtun. Die Absicht, lächerlich zu machen, unterscheidet Lebensmittel schließlich von nichtironischen Attacken. Wie etwa der Ohrfeige von Beate Klarsfeld für Kurt Georg Kiesinger 1968. Diese Ohrfeige war natürlich todernst gemeint.

Kunzelmann dagegen erklärte nach seinem Eierattentat auf Kohl und Richard von Weizsäcker bei einer Berliner Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit 1992, er habe mit großer Begeisterung und tiefer innerer Überzeugung ein märkisches Landei der Güteklasse A geworfen.

In welcher Protestphase greifen die Akteure bevorzugt zu Lebensmitteln?

In einer frühen Phase. Wenn sich eine Bewegung zuspitzt wie zum Beispiel in der ersten Hälfte der sechziger Jahre die Studentenbewegungen in den USA und in Deutschland. Man diskutiert, es bewirkt nichts

man demonstriert, und es eskaliert: An dieser Stelle ist das Auftauchen von Ei und Tomate wahrscheinlich. Nach fortgeschrittener Radikalisierung werden Lebensmittel dann wieder uninteressant. Wenn Steine fliegen, wird im Übrigen auch nicht mehr über Eier berichtet.

Lässt sich historisch ausmachen, wann Ei, Tomate und Torte in Deutschland sozusagen auf die politische Bühne geworfen wurden?

Schwierig. Das angeblich erste Mal, dass Eier und Tomaten flogen, war die Demonstration Berliner Studenten gegen Moise Tschombé, den Ministerpräsidenten von Kongo-Kinshasa. Das war im Dezember 1964. Die Studenten wichen erstmals von der polizeilich genehmigten Route ab und bewarfen Tschombés Wagen. Teilnehmer Rudi Dutschke sprach später vom Beginn unserer Kulturrevolution. Auch nicht wenigen Historikern gelten diese Eier- und Tomatenwürfe heute als Beginn der Studentenrevolte.

Und die Torte?

Dieses Mittel aus dem Showbusiness und dem Stummfilm der zwanziger Jahre wurde in Deutschland im September 1968 eingeführt, in der legendären Tortenschlacht von Hannover. Damals tagte die 23. Delegiertenkonferenz des SDS, zuerst in Frankfurt am Main, dann wurde sie nach Hannover verlagert. In Hannover wollten Fritz Teufel und andere ein Café besuchen. Aber der Besitzer verweigerte ihnen den Zutritt und rief die Polizei. Das Café hatte eine üppige Tortenvitrine, und von dort versorgten sich Teufel & Co zur Abwehr der Ordnungshüter

es kam zur Tortenschlacht. Auch der Frankfurter Teil der Tagung war turbulent verlaufen, wenngleich nicht Torten, sondern Tomaten zum Einsatz kamen. Der Einsatz ging intern vonstatten: Laut Quellen wurde SDS-Theoretiker Hans-Jürgen Krahl von einer Delegierten mit sechs Tomaten beworfen. Eigentlich hatte sie die Tomaten essen wollen. Vorangegangen war die Beschwerde einer Frau, Frauen müssten immer auf die Kinder aufpassen und Kaffee kochen. Krahl begann einfach mit einer seiner üblichen jargonbeladenen, kopflastigen Reden: zu einem anderen Thema. Typisch männlich. Da flogen die Tomaten. Was nebenbei eine Umcodierung war: Vorher, in der amerikanischen Studentenbewegung, hatten Männer Frauen mit Tomaten beworfen, wenn Frauen ihre Rolle thematisierten. Das wäre heute natürlich unmöglich.

Sie sprechen ausschließlich von der jüngeren Vergangenheit: Französische Revolution, Vormärz, Russische Revolution - alles ohne Eier, Tomaten und Torten?

Höchstwahrscheinlich. Während der Französischen Revolution wäre das Werfen von Lebensmitteln ein Sakrileg gewesen. Das gilt bis in die Mitte des 20.

Jahrhunderts: In Zeiten von Lebensmittelknappheit spielt man nicht mit Essen und kämpft auch nicht damit. Außerdem waren das militante Kämpfe um die Macht. Der Sturm der Bastille wäre kaum gelungen mittels Eiern und Tomaten.

In anderen Fällen ist es die Furcht vor Repression: Während der Demonstrationen gegen das Dreiklassenwahlrecht 1910 hatte der Berliner Polizeipräsident plakatieren lassen: Die Straße dient lediglich dem Verkehr.

Bei Widerstand erfolgt Waffengebrauch. Das waren andere Zeiten. Die SPD, wieder zugelassen 1890, erinnerte sich auch noch gut an das Verbot der Sozialdemokratie und fürchtete ein neues. Man ging im Sonntagsstaat auf die Straße und demonstrierte äußerst diszipliniert. An das Werfen von Lebensmitteln war nicht zu denken.

Bedingung der Möglichkeit des Lebensmittels im politischen Kampf sind also Überfluss und Rechtsstaatlichkeit.

Ja. Trotz Rechtsstaatlichkeit reagierten Staat und Medien aber zunächst hysterisch. Als die Polizei im April 1967 während des Besuches des US-Vizepräsidenten in Berlin eine WG stürmte, titelte die Presse anderntags: Maos Botschaft in Ost-Berlin lieferte die Bomben gegen Vize-Präsident Humphrey. Bei den in der WG gefundenen Bomben handelte es sich bekanntlich um Pudding in Plastiksäcken, das geplante Puddingattentat. Die Quellenlage ist allerdings nicht eindeutig: Die einen sprechen von Pudding und Jogurt, in einer englischen Publikation ist allerdings von Mehl und Farbpulver die Rede.

Jedenfalls war es einmal etwas anderes als Eier, Tomaten und Torten. Der Pudding hat sich aber nicht durchgesetzt. Nur ein zweites, auch vollendetes Attentat ist bekannt: Im Oktober 1999 bewarfen Studenten den Professor und Alt-68er Bernd Rabehl wegen dessen rechtslastiger Äußerungen. Da ist der Pudding quasi auf die Aktivisten von damals zurückgefallen.

Wie sah es mit der Akzeptanz unter den Demonstranten aus?

Es war alles andere als selbstverständlich. Im Februar 1965 kaufte der Theatermann Wolfgang Matthias Schwiedrzik während einer Berliner Vietnamkriegsdemonstration einen Zehnerkarton Eier. Sie waren für das Amerika-Haus bestimmt. Vor dem Haus begann Schwiedrzik, die Eier zu verteilen, doch höchstens fünf Exemplare trafen die hübsche Mosaikfassade.

Manche Demonstranten weigerten sich standhaft, Eier zu werfen. Auch heutzutage, da Lebensmittel im politischen Kampf ziemlich harmlos wirken, gibt es noch Diskussionen. Nachdem umweltbewusste Jugendliche im Jahr 2000 zwei Expo-Vertreter mit Torten beworfen hatten, kam es auf dem Jugendumweltkongress zu einer heftigen Debatte: Noch Spaßaktion oder Anfang der Gewalt?

DAS GESPRÄCH FÜHRTE SVEN HILLENKAMP

* Dieter Rucht, 55, ist Professor für Soziologie und leitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung die Arbeitsgruppe Politische Öffentlichkeit und Mobilisierung. Zuletzt hat er mit Roland Roth den Band Jugendkulturen, Politik und Protest herausgegeben. Rucht selber hat 1969 an Studentenprotesten, später an der Anti-AKW- und der Friedensbewegung teilgenommen.