D O S S I E R Der Fluch der guten Tat
Warum Taner G. und seine Freunde heute darunter leiden, dass sie vor einem halben Jahr in München einen Menschen vor mordlüsternen Neonazis retteten. Szenen einer Gesellschaft, die nach Helden ohne Makel verlangt
Heute, ein halbes Jahr später: An diesem Ort, vor der türkischen Taverna Palet, fahren plötzlich Wagen vor, mit Münchner Kennzeichen, die man in der Zenettistraße nicht kennt. Aus einem Opel Zafira mit abgedunkelten Scheiben steigt ein Leibwächter in einem schwarzen Anzug. Die Bewachung ist kostenlos, wegen der guten Werbung. Der Bodyguard blickt sich um. Alles in Ordnung. Dann klettert ein etwas untersetzter Mann aus dem Fond des Wagens: Taner G., 23 Jahre, Türke und Münchner von Geburt. Er soll hier geehrt werden, die Leute aus den anderen Autos scharen sich um ihn vor der geschlossenen Taverna. Nur leider fehlt das Publikum. "Sind wahrscheinlich alle im Freibad", vermutet Taner. Nur zwei Gymnasiastinnen haben sich eingefunden. Taner hat sie wenige Stunden zuvor kennen gelernt, als er an ihrer Schule einen Vortrag über jenes Ereignis hielt, das ihn unversehens zum Helden machte.
So haftet der Szene etwas Surreales an, als Magnus Becker zu einer Art Laudatio anhebt. Bundesvorsitzender des Jugendbündnisses Weiße Rose nennt sich der Student aus Bielefeld. Seit Tagen pilgert er von einer Münchner Schule zur anderen und spricht über rechte Gewalt oder tritt im lokalen Fernsehen auf - mal allein, mal mit Taner, aber stets ohne Mitstreiter, was auch dem vermeintlichen Bündnis etwas Surreales verleiht. Existiert es überhaupt? Oder profiliert sich hier nur einer als wackerer Recke, der mit "Anti-Hate-Homepages" im Internet der rechtsextremen Propaganda "etwas Positives entgegensetzen" will?
Ein "Pfundskerl" sei dieser Taner, sagt Becker nun in der Zenettistraße. Einer, der Leib und Leben riskiert habe für einen anderen. Das sagt er hier, wo sich die Massenprügelei zutrug, wo mehrere Dutzend Skinheads derart außer Rand und Band gerieten, dass die Lokalblätter danach von Münchens schlimmstem Neonaziangriff der vergangenen Jahrzehnte schrieben. Am Ort einer außerordentlich mutigen Rettungstat. Zusammen mit anderen Türken ging Taner einfach dazwischen, entriss den Schlägern das Opfer und rettete ihm so das Leben.
Und nun werde dieser Taner selbst von Nazis bedroht, sagt Magnus Becker, dieser Taner habe deshalb sogar sein Geschäft, die Existenzgrundlage der Familie, aufgeben müssen. Dann überreicht er Taner drei weiße Rosen. Und an seinen Nebenmann appelliert er, doch zu helfen, dem mutigen Retter rasch einen neuen Job zu besorgen. Ja, meint der Nebenmann, das sei schon "eine bittere Erfahrung". Der Mann heißt Wolfgang Hoderlein und ist Chef der bayerischen SPD. Nur jetzt sei er leider in Eile, er müsse gleich weiter, zur Rundfunkratssitzung. "Aber hier ist meine Karte", wendet er sich an Taner. "Da setz' mer uns mal z'amm, da red'n mer mal ausführlicher." Ein schnelles Foto noch mit dem Helden.
Den dpa-Fotografen hat Hoderleins Pressesprecher bestellt, damit der Termin "bayernweit abgedeckt ist", wie er sagt. "Da leg ich dann 'n Pressetext drauf." Der Fotograf rückt Taner und den Leibwächter neu zurecht. "Komm, mehr vorbeugen!", herrscht er den Bodyguard an, die Bedrohung muss man spüren. Der Leibwächter drückt Taner fest an sich. Aus der Zentrale der Bayern-SPD wird wenige Minuten später eine Pressemeldung an die Agenturen gehen, in der ein engagierter Wolfgang Hoderlein erklärt: "Wir werden uns dafür einsetzen, dass Taner G. wieder eine Beschäftigung findet. Es darf nicht sein, dass die gerade von uns Politikern immer wieder eingeforderte Zivilcourage im Nachhinein bestraft wird."
Bei einem türkischen Bäcker im Haus nebenan steht Taner noch eine Weile mit dem Leibwächter und sagt bei einer Apfelschorle: "Das sind alles nur Veranstaltungen, wo die Leute für sich selber Profit rausziehen." Und doch gibt er sich immer wieder dafür her - weil er sich davon Hilfe verspreche, sagt er. Aber auch, weil es ihm offenkundig Spaß macht, im Rampenlicht zu stehen. Aus der Geschichte Taners und der anderen Helfer ist längst mehr geworden als die Moritat vom Helden, sie ist auch ein Lehrstück darüber, wie Medien Helden machen und Helden Medien benutzen - und wie die Gesellschaft mit solchen Helden umgeht, wenn sich herausstellt, dass sie nur ganz normale Kinder ihrer Zeit sind.
Begonnen hat die Geschichte in der Nacht von Freitag auf Samstag, dem 12. auf den 13. Januar dieses Jahres. In der Gaststätte Burg Trausnitz in der Zenettistraße feiern zwei Neonazis Geburtstag, beide werden 25 Jahre alt. Viele Freunde haben sie eingeladen, der eine bayerische Skinheads, der andere "mehr Politischere aus Nordrhein-Germanien", so der Leiter des Staatsschutzdezernats der Polizei. Schräg gegenüber, in der Taverna Palet, essen und trinken Taner und andere Deutsch-Türken den ganzen Abend. Als Taner und sein Freund Erkan gegen ein Uhr nach Hause gehen wollen und auf die Straße treten, werden sie auf eine laute, aggressive junge Frau vor der Gaststätte aufmerksam. Zuerst denken sie, es sei ein Mann, weil die Haare so kurz geschoren sind. Doch es ist die 17-jährige Maria-Anna V., eine Enkelin des Franz von Papen, der als Steigbügelhalter Adolf Hitlers in die Geschichtsbücher einging. Sie war auf der Geburtstagsfeier und wartet vor dem Lokal, dass ihr Freund, der damals 19-jährige Christoph S., nachkommt. Beide gehören der rechtsradikalen Szene im Sauerland an.
"Den bringen wir um!"
In diesem Augenblick kommt der 31-jährige Grieche Artemios T. vorüber, auch er ist auf dem Heimweg von einer Kneipe und will zur U-Bahn. Er hat mit Freunden den neuen Job begossen, den er am folgenden Montag antreten soll. "Ausländer-Arschloch!" schreit Maria-Anna V. ihn an und stößt ihm den Ellenbogen ins Gesicht. Aus der Gaststätte kommen rasch fünf Skinheads hinzu, werfen den Griechen zu Boden und beginnen auf ihn einzutreten, ihn zu "stiefeln".
Da beschließen Taner und Erkan einzugreifen. Keine Sekunde hätten sie darüber nachdenken müssen, ganz selbstverständlich sei es für sie gewesen, sagt Taner. Die beiden holen Verstärkung aus der Taverna, etwa zehn Deutsch-Türken rennen nun auf die Skinheads zu, halten angesichts der Übermacht der Schläger jedoch inne. Immer mehr Skins stürmen aus der Burg Trausnitz, 58 zählt die Polizei am Ende. "Die sind richtig auf dem Artemios rumgesprungen", erzählt Taner. "Einer hat sich sogar auf einem Auto abgestützt." Wie von Sinnen treten und prügeln sie auf ihr Opfer ein, Berichten von Zeugen zufolge enthusiastisch angefeuert von dem Skingirl. "Er muss heute noch sterben! Macht weiter, weiter!", soll sie geschrien haben. Andere brüllen: "Den bringen wir um!" und immer wieder: "Sieg Heil, Sieg Heil!"
Da geht einer der Deutsch-Türken, der 32-jährige Selim, auf den Schläger Christoph S. zu und prügelt ihn bewusstlos. Einen Moment lang sind die Skins perplex. Taner und Erkan nutzen die Gelegenheit und ziehen das blutüberströmte Opfer in einen Hauseingang, den eine Anwohnerin geöffnet hat. Die Neonazis machen nun Jagd auf die türkischen Helfer, die zurück in die Taverna flüchten. Einen gehbehinderten Türken erwischen sie und verprügeln ihn. Taner und Erkan, die sich nicht mehr in Sicherheit bringen können und von mehreren Skinheads verfolgt werden, bleiben nur deshalb unversehrt, weil sie der Polizei in die Arme rennen. Die Schläger machen kehrt und verschwinden in der Burg Trausnitz. Der Wirt, ein Kroate, soll den meisten von ihnen zur Flucht verholfen haben, indem er sie zur Hintertür hinausgelassen und die Vordertür abgeschlossen habe. Der bewusstlose Schläger Christoph S. ist inzwischen von Freunden im Wagen weggefahren worden. Nach einer abenteuerlichen Flucht, bei der ihm Neonazifreunde in Deutschland, Belgien und Holland Unterschlupf gewährten, wird er einige Tage später in Rotterdam festgenommen und ausgeliefert.
20 Neonazis werden in den folgenden Tagen festgenommen, 12 von ihnen angeklagt. 4 Täter sind inzwischen wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden, 2 zu Haftstrafen ohne, 2 zu Strafen mit Bewährung. Gegen 3 weitere Schläger läuft derzeit das Hauptverfahren, ebenfalls wegen gefährlicher Körperverletzung. Die restlichen 5 Angeklagten werden von September an vor Gericht stehen, darunter Christoph S. und Maria-Anna V., denen die Staatsanwaltschaft versuchten Mord zur Last legt.
Dass aus dem versuchten kein vollendeter Mord wurde, ist zweifellos Taner, Erkan und den anderen Helfern zu verdanken. Ihre Bilder erscheinen in allen Zeitungen, München ist stolz auf sie. Sie werden zu Talkshows und Empfängen eingeladen. Was sie getan haben, spricht Oberbürgermeister Christian Ude in viele Mikrofone im Rathaus, "das ist schon nicht mehr Zivilcourage, das ist ein Mut, den ich nicht jedem abverlangen möchte". Nebenbei haben sie noch ein Stückchen Völkerverständigung vorgeführt. Dass es ausgerechnet ein Grieche war, den die Türken retteten, wo sich doch Griechen und Türken angeblich nicht ausstehen können, steigert den Nimbus der fünf Helden zusätzlich. "Gott beschütze meine türkischen Brüder", sagt der Gerettete, auf dem Krankenbett sitzend, noch schwer verständlich angesichts seines von Platzwunden geschwollenen Gesichts, und umarmt seine Retter Taner und Erkan.
Die Freude am plötzlichen Ruhm verfliegt schon bald. Nur wenige Tage später tauchen die Bilder der fünf Deutsch-Türken, die in der Boulevardpresse abgedruckt waren, im Thulenet auf, einer Homepage der Rechtsradikalen im Internet. Als "türkische Schläger" werden sie dort bezeichnet, die einen Deutschen bewusstlos geprügelt hätten. Unter den Fotos steht: "Das Netz vertraut auf die Kraft der argumentativen Auseinandersetzung und verbindet mit der Veröffentlichung dieser Information keine Aufforderung zur Gewalt." Der eindeutig-zweideutige Satz bewirkt genau das, was er vermutlich soll: Die Helfer fühlen sich bedroht, auch die Polizei fasst den Satz als Bedrohung auf und fährt vor den Wohnungen der Lebensretter nun häufiger Streife.
Taner bekommt Angst. Erst wenige Monate zuvor hat er einen Lottostand am Eingang eines Edeka-Markts am Rande Münchens übernommen, dank der Vermittlung seines Onkels. Der betreibt direkt daneben seit 16 Jahren einen Schlüssel- und Schuhreparaturdienst. In Gedanken sieht Taner seinen Stand schon in Flammen aufgehen, er fürchtet einen Anschlag und beschließt, den Laden aufzugeben.
Ein Entschluss mit weitreichenden Folgen: 40 000 Mark Ablöse hat er an den Vorgänger zahlen müssen. Das Geld wollte er abstottern, was vermutlich ein Leichtes gewesen wäre, denn der Lottostand sei hervorragend gelaufen, sagt Taner. Tippgemeinschaften und Geschäftsleute hätten Scheine mit mehreren tausend Mark Einsatz jede Woche abgegeben. Auch an den Handys, die er verkaufte, habe er gut verdient. "Mir blieben fünf- bis sechstausend Mark im Monat", sagt er. "Ich hab ein Superleben gehabt, und das als 22-Jähriger."
Nun sitzt er nicht nur auf 40 000 Mark Schulden - seine ganze Familie verlor den größten Teil ihrer Existenzgrundlage. Taner hat seine Eltern, bei denen er noch wohnt, finanziell unterstützt. Sein Vater ist Frührentner, etwas über 1500 Mark Rente im Monat bezieht er, allein die Sozialwohnung kostet 1545 Mark Miete. War es womöglich voreilig, den Stand aufzugeben? "Nein", sagt Taner, "ich sitz doch da wie auf dem Präsentierteller." Auch der Oberbürgermeister Ude habe ihm gesagt: "Wie auf dem Präsentierteller."
Taner fühlt sich bestätigt, als wenige Wochen später auf seinem Handy eine Textnachricht eingeht, die ihn erneut in Panik versetzt: "Na, Ihr Helden, könnt Ihr noch ruhig schlafen? Wir werden Euch noch besuchen. Deutschland den Deutschen SS Sieg Heil, bis bald!!!" Wie die anonymen Absender an seine Handynummer gekommen sind, kann er sich zu dem Zeitpunkt noch nicht erklären. Er hat keinen Kartenvertrag, nirgendwo ist seine Nummer registriert. Die Drohung kam aus dem Internet auf sein Telefondisplay, international sei nach den Absendern recherchiert worden, sagt der ermittelnde Staatsanwalt, doch vergeblich.
In den Zeitungen bekommt die Geschichte der Retter nun einen anderen Grundton. Aus den Helden werden Opfer, die für ihre Zivilcourage bitter büßen müssen. Stehen die Münchner ihnen nun tatkräftig bei? Hilft ihnen die Gesellschaft, zumal sie doch, wie immer wieder betont wurde, nicht nur ein Menschenleben retteten, sondern auch das Ansehen Deutschlands? Doch nun geschieht etwas Merkwürdiges, nämlich - nichts. Die Helfer fühlen sich bald im Stich gelassen. Die Stadt werde auf ihre Kosten die Wohnungen der Türken mit Sicherheitstechnik aufrüsten, mit Videoüberwachung und Alarmaufschaltung zur Polizei, hieß es zunächst, doch kein Techniker erscheint.
Eine geplante Open-Air-Veranstaltung München gegen Rechts am Odeonsplatz fällt kurzerhand aus, wegen Regens. Das Gerede von der Solidarität sei "alles nur Fassade", meint der Kabarettist und Fernsehmoderator Ali Khan. "Da wird mit Stimmungen gedealt", sagt er. In seiner täglichen Call-in-Show auf TV München beklagten sich einige Anrufer, Rechtsradikale würden "heute verfolgt wie früher die Juden".
"Infame Quertreiber", wie Oberbürgermeister Ude sagt, wühlen in der Vergangenheit der Helfer. Es beginnt mit dem Vorschlag eines Stadtrats der Freien Wähler, die fünf Türken mit der Verdienstmedaille München leuchtet auszuzeichnen. Das war zumindest ungeschickt, vielleicht auch absichtsvoll, denn die Medaille wird immer nur für ein Lebenswerk verliehen, kann an die fünf Retter also nicht vergeben werden. Um den Ruf der Helfer nicht beschädigen zu lassen, schlägt Ude flugs vor, sie stattdessen mit dem erst im vorigen Jahr geschaffenen Preis für Zivilcourage Münchner Lichtblicke zu ehren. Da wartet das Nachrichtenmagazin Focus mit der Enthüllung auf, die Polizei habe bei drei Helfern "Kenntnis von einschlägigen Tatbeständen". Einer soll gar "mehrfach vorbestraft" sein.
Die Indiskretion stammt vermutlich aus dem Ältestenrat der Stadt, "von rechts", wie Ude sagt. Was ist dran an den Vorwürfen? Taner und Erkan versichern, sie seien unbescholten; auch Özgur und Caner, zwei der Helfer, die sich vorher nie öffentlich zu Wort gemeldet haben, weisen die Vorwürfe zurück. Bleibt der 32-jährige Selim, er ist tatsächlich vorbestraft, wegen Körperverletzung. Zwölf Jahre liegt es zurück, aus dem polizeilichen Führungszeugnis ist die Vorstrafe längst getilgt. In einem offenen Brief an den Ältestenrat beschweren sich die fünf: "Mit der Diskussion über unser Vorleben haben Sie Vorurteile gegen Ausländer verstärkt, ohne zu überlegen, wie Sie uns damit schaden, und ohne Sinn: Wichtig ist nicht, wer geholfen hat, sondern dass jemand geholfen hat." Helden müssen offenbar gut sein und makellos - als ob es ihre Verdienste schmälerte, wenn sich herausstellte, dass sie nicht ohne Fehl und Tadel sind. Und eine Gesellschaft, die Helden zu ehren bereit ist, prüft umso genauer die moralische Reinheit der Geehrten, je mehr diese Gesellschaft in ihnen ein poliertes Spiegelbild sehen möchte. Denn wenn München sich schmücken will mit dem Anstand deutsch-türkischer Retter, dann auch deshalb, weil diese Retter der Mitte der Gesellschaft zugerechnet werden - anders als die rechten Schläger. Vielleicht gehörten die Skinheads nicht weniger zur Mitte der Gesellschaft, doch das zählt nicht mehr in einem solchen Moment. Helden werden gemacht - und fallen gelassen.
Auch manche Medien kultivieren das heroische Reinheitsgebot. Sie wollen die Retter besser machen, als sie sind. So wird berichtet, nicht nur Taner, sondern auch sein Freund Erkan habe seinen Job verloren. Fristlos sei ihm nach dem Vorfall gekündigt worden, ohne Angaben von Gründen. So steht es in der Süddeutschen Zeitung, so verbreitet es die ZDF-Sendung Mona Lisa, die außerdem behauptet: "Der Inhaber der Firma war zu keinem Interview bereit." Über die Berichterstattung habe er sich "sehr geärgert", sagt der Geschäftsführer des Unternehmens, bei dem Erkan als Industriemechaniker beschäftigt war. Kein Journalist habe je bei ihm nachgefragt. Die Kündigung sei nicht fristlos, sondern fristgemäß erfolgt, und die Gründe hätten nichts mit dem Skinheadüberfall zu tun, "sie liegen weiter zurück". Mit Erkans Anwalt, einem Griechen, der dem Ausländerbeirat der Stadt angehört, wurde ein Vergleich geschlossen, über den die Beteiligten nicht öffentlich sprechen wollen. Überhaupt redet Erkan nicht mehr mit der Presse. Inzwischen hat er einen neuen Job.
Bei Selim haben die Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu einer niederschmetternden Konsequenz geführt: "Ich würd's nicht wieder tun, ich würd nicht noch mal helfen. Ist das nicht schade?" Mit zwei Bewachern, einem Freund und einem Leibwächter jener Firma, die ihre Dienste nicht in Rechnung stellt, erscheint er zum Gespräch. Dreimal sei er aus Angst im vergangenen halben Jahr umgezogen, hohe Schulden habe er. Dies sei heute sein letzter Tag in Deutschland, sagt er. Schon bald wolle er in die Türkei fliegen und dort längere Zeit bleiben. Dort fühle er sich sicherer.
Selim ist verbittert. Nicht nur über die Gesellschaft, sondern auch über seine Mithelfer. Unerträglich findet er, wie sich die nice guys Taner und, zumindest anfangs, Erkan als die strahlenden Helfer in den Medien feiern lassen. Taner, dem stets etwas Spitzbübisches anhaftet und der seine Erzählungen gern mit Witzen anreichert, spottet darüber, dass die Handynachricht der Neonazis voller Rechtschreibfehler gewesen ist. Und dann dieser Erkan, der adrette Schwiegersohntyp, der auf dem Abendgymnasium das Abitur nachholt. Die Taten der beiden wolle Selim ja nicht schmälern, sie haben den Griechen weggezogen und in Sicherheit gebracht, gut, ja. Aber wer hat denn den Angreifer Schulte k. o. geschlagen? Doch wohl er, Selim, oder?
Hat der Held Verfolgungswahn?
Selim taugt nicht für die Mediengesellschaft, er ist nicht telegen, er wirkt nicht freundlich, sein Blick wandert ständig unruhig umher. Und er erzählt Geschichten, die man ihm nicht glauben mag. Skinheads hätten ihn von der Straße abgedrängt, gab er auf der Wache an, nachdem er mit seinem Auto in einem Graben gelandet war. Dabei sei ziemlich sicher, sagt der Polizeisprecher, dass Selim betrunken gewesen sei und die Kontrolle über sein Auto verloren habe. Rätselhaft auch die Geschichte, die Selim Freunden und Journalisten nach seiner Zeugenaussage im laufenden Prozess erzählte: Weil er seine Adresse nennen musste, wüssten die Skinheads nun, wo er wohnt. Prompt hätten ihm drei am folgenden Tag aufgelauert und ihn bedroht. Wahr ist, dass eine Frau ihn vor einem Supermarkt angriff, doch Zeugen sagen aus, sie habe sich dort schon stundenlang herumgetrieben und auch andere Leute belästigt. Von zwei weiteren Männern, die dabei gewesen sein sollen, weiß niemand etwas.
Ist es Verfolgungswahn? Will er sich interessant machen? Wie auch immer, die Nacht in der Zenettistraße und vor allem ihre Folgen gefährden Selims mühsam erlangte Selbstkontrolle. Er hatte sich früher nicht im Griff, rastete oft aus. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und hat eine "Scheißscheidung" hinter sich. Nach dem Umzug nach München und nach einer Umschulung zum Computerfachmann schien er all das hinter sich gelassen zu haben. Nun haben sie ihn wieder eingeholt: seine Vergangenheit, von Politikern zutage gefördert, und seine Angst, dass die Zeit der Gewalttaten erneut losgehen könne. "Mein Leben", sagt er, "ist erst mal wieder im Arsch."
Dass Selim es jetzt so eilig hat, das Land zu verlassen, ist die Folge einer Begegnung mit einem Anwalt der angeklagten Schläger: Günther Herzogenrath-Amelung, als Verteidiger und Berater von Nazigrößen wie dem SS-Mann Erich Priebke sowie als Leugner des Holocaust einschlägig bekannt. In einer Verhandlungspause fragte er Selim, wo er denn lieber beerdigt werden möchte - in Deutschland oder in der Türkei? Auch der Staatsanwalt wertet die Frage als eine besonders perfide Drohung, er hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und den Anwalt zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert. Herzogenrath-Amelung will das nicht verstehen. Der Zeuge habe erklärt, er besitze nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, außerdem spreche er ja nur schlecht Deutsch, da sei so eine Frage doch nicht abwegig. Er selbst zum Beispiel, argumentiert der Anwalt, wolle in Berlin beerdigt werden, so wie man von den Juden wisse, dass sie alle am liebsten in Jerusalem begraben sein möchten.
Dieses Spiel mit Andeutungen ist es, das den fünf Deutsch-Türken Angst macht. Die Anwältin Gabriele Schöch berichtet, dass einer der fünf, den sie als Zeugenbeistand unterstützt, eines Tages ein Foto von sich im Briefkasten gefunden habe, ohne Absender, ohne Kommentar. Unklar sei, wo es gemacht wurde und wer es geschossen hat. Die Anwältin glaubt, dass die Türken wirklich gefährdet seien. "Da steckt eine Organisation dahinter", glaubt sie. Dafür spreche schon der Aufwand, mit dem die Verteidigung der 20 Angeklagten betrieben wird, die allesamt nicht wohlhabend seien. Keiner der Anwälte kommt aus München. Der Verteidiger des Neonazis Christoph S., der erst im Herbst vor Gericht stehen wird, reist jetzt schon regelmäßig aus Düsseldorf an und verfolgt im Zuschauerraum den laufenden Prozess. "Die haben alle viel Zeit" sagt die Anwältin Schöch. "Das kostet viel Geld."
Die Gesellschaft, die im Januar in der Gaststätte Burg Trausnitz zur Geburtstagsfeier zusammenkam, ist der Polizei bekannt. Sie nennt sich Freizeitverein Isar 96 und trifft sich wöchentlich in dem Lokal. Sie verstehen sich als Erben des verstorbenen Hardcore-Nazis Michael Kühnen. Eine Art Stammtisch sei das, erklärt einer von ihnen, ein 25-jähriger Handwerker, als Zeuge vor Gericht. Worüber man denn da so rede, will der Richter wissen. "Über das Ausländerproblem." Der Richter: "Wurden auch Lösungsvorschläge besprochen?" Antwort: "Gewalt gegen Ausländer wird abgelehnt. Weil es nichts bringt." Auch auf der Geburtstagsfeier sei es friedlich zugegangen, man habe sehr viel getrunken, und ein Liedermacher habe zur Gitarre "Stimmungslieder gesungen". Welche Stimmungslieder? Der Zeuge: "Zum Beispiel Wir fahren gegen Engelland und Sechs Millionen Hühner."
Auch Oberbürgermeister Ude mag nicht ausschließen, dass die fünf Deutsch-Türken gefährdet sind. Er habe die Staatsanwaltschaft deshalb gebeten, sie in ein so genanntes Namenschutzprogramm aufzunehmen, sagt er. Die Angaben zur Person von Opfern und Zeugen werden dabei von den Akten getrennt und auf einem separaten Blatt vermerkt, das den Angeklagten und ihren Anwälten bei der Akteneinsicht nicht ausgehändigt wird. Doch das habe die Justiz abgelehnt, so Ude. Seit Januar, seit der Internet-Veröffentlichung und der Handynachricht an Taner, sei ja nichts mehr passiert, sagt der Staatsanwalt. So finden sich alle Personendaten über die Helfer in den Akten, darunter auch Taners Handynummer. Da sie sonst nirgendwo gespeichert ist, liegt die Vermutung nahe, dass sie über die Akteneinsicht der Anwälte an die Neonazis gelangt ist. Wer wird da in Zukunft noch helfen, wenn er für seine Zivilcourage mit der ganzen Existenz einstehen muss?
Bei der Polizei reagiert man inzwischen gereizt, wenn die Helfer klagen, sie fühlten sich nicht hinreichend geschützt. Warum treten sie dann ständig im Fernsehen auf? Noch in der Nacht des Überfalls, sagt Polizeisprecher Wolfgang Wenger, will ein Beamter gehört haben, wie einer der Helfer einen anderen fragte: "Wann gehen wir damit in die Medien?" Beratungsgespräche bei der Polizei über Sicherheitsvorkehrungen seien abgesagt worden, "weil Fernsehinterviews wichtiger waren", so Wenger. - "Das ist die Crux", meint OB Ude. "Sie beklagen sich, sie können nicht mehr normal leben, aber sie arbeiten tagtäglich daran." Die Mediengesellschaft hat Helden geschaffen, und einige von ihnen sonnen sich in diesem Licht. Aber darf ein echter Held der Zivilgesellschaft auch ein Medienheld sein? Verträgt sich das eine mit dem anderen? Wenn ein Held zu sehr glänzt, dann kann es passieren, dass man ihm nicht mehr abnimmt, ein Held zu sein.
Bavaria-Filmgelände, Halle 8. Drei Sendungen der Talkshow Fliege werden hier jeden Tag aufgenommen. Das Thema der ersten Aufzeichnung an diesem Freitagvormittag: Ich musste mich verstecken. Zu Gast sind: ein junger Kurde, der in einem Kirchenasyl der Abschiebung entging; ein Engländer, der mit seiner pakistanischen Frau aus Angst vor deren Verwandtschaft im Untergrund lebt - und Taner. Wieder gibt er den Entertainer. Als er aus der Maske kommt, sagt er unter dem Gelächter der Fernsehleute: "Jetzt lauf ich rum wie eine Tunte."
In dramatischen Worten beschreibt Pastor Jürgen Fliege die Ereignisse jener Januarnacht und sagt, dass ganz München nach dem brutalen Neonaziüberfall "halb wahnsinnig geworden" sei. Gottlob hätten Helden wie Taner noch Schlimmeres verhindert. "Ich bin kein Held, ich wollte nie ein Held sein", gibt Taner bescheiden zurück. - "Das zeichnet Helden aus", schmeichelt Fliege. "Helden, die es sein wollen, sind keine mehr." Dann beklagt Taner erneut vor Millionenpublikum, dass die Justiz ihm keine Anonymität gewährt. Was auch Fliege ärgerlich findet: Man solle bedenken, wie umfassend Undercoveragenten geschützt würden.
Seit kurzem hat Taner eine professionelle Medienbetreuerin, die Termine für ihn ausmacht und Journalistenanfragen annimmt. Sein Onkel, der mit dem Schuh- und Schlüsseldienst, rät Taner, sich noch stärker zu vermarkten. In einem Hotel in Israel habe er den Neffen plötzlich im Mittagsmagazin von ProSieben gesehen. Ein sehr langer Fernsehauftritt. Wenn Taner dafür einen Sponsor gefunden hätte, eine Modefirma etwa, und das Firmenlogo am Kragen getragen hätte, wäre er locker um 5000 Mark reicher, rechnet der Onkel vor.
Ein Star wäre er gern, sagt Taner. Ein Fußballstar. Bei München 1860 spielte er in der A-Jugend, dann ein halbes Jahr in der Türkei, wo er mit Fenerbahci Istanbul trainieren durfte. Zuletzt spielte er beim Viertligisten SV Türkgücü München. Doch nach den Drohungen der Neonazis habe ihn der Verein gebeten aufzuhören, um die anderen Spieler nicht auch noch zu gefährden. Der Satz soll suggerieren: Nicht nur seine berufliche Existenz, auch seine Fußballkarriere fiel seinem selbstlosen Einsatz zum Opfer.
"Das Interesse nutzt der aus"
"Ach, alle Türken träumen von einer großen Fußballkarriere", sagt lächelnd Peter Gebele, Taners Trainer. Doch Taner sei dafür "zu spät gesichtet" worden, 17 war er damals schon. "Seine Fähigkeiten reichen nicht für den bezahlten Fußball." Dafür entdeckt Gebele in Taners Verhalten viel Vertrautes: "Der hat schon immer alle um sich geschart." Schon immer habe er die Nähe Prominenter gesucht, habe er auffallen und glänzen wollen. Deshalb wurde er Stadionsprecher beim Spiel Deutschland - Türkei vor zwei Jahren im Münchner Olympiastadion. Das Medieninteresse nach dem Skinheadüberfall "nutzt der einfach optimal für sich aus".
Doch zahlt Taner dafür einen hohen Preis. Eine innere Unruhe hält ihn in Bewegung. Ständig fährt er mit seinem BMW umher, unablässig telefoniert er über Handy mit Freunden und Bekannten, als könne er sich so schützen. Die Angst seiner Eltern belastet ihn. Die Wohnung liegt im Erdgeschoss und hat auch noch einen leicht zugänglichen Balkon. Sie könne nachts vor Angst nicht mehr schlafen, sagt Taners Mutter.
Vom Opfer des Überfalls, Artemios T., spricht niemand mehr. "Er lebt von der Hand in den Mund und wohnt reihum bei Freunden", sagt seine Anwältin. Weil er seinen Job damals noch nicht angetreten hatte, bekommt er weder Kranken- noch Arbeitslosengeld. Und die Krankenkasse verweigere ihm das so genannte Versorgungskrankengeld, auf das er Anspruch habe, meint die Anwältin. Er sei noch immer nicht arbeitsfähig. Die größte Angst habe er vor Menschenansammlungen.
- Datum
- Quelle
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




