P I A N I S T E N Seele und Feingeist

Die beiden Klavierstars Jewgenij Kissin und Pierre Laurent Aimard sind Antipoden im Konzertbetrieb der Klassik

Der eine spielt Modest Mussorgskijs Bilder einer Ausstellung so furios, dass man die Interpretation noch nach Wochen genau im Ohr hat: den wuchtigen, expressiv hochgefahrenen Ton und die scharfkantig gemeißelten Konturen in jeder Linie und jeder Akkordfolge; die Lebendigkeit, mit der die groteske Gestalt des Gnomus aufzuckt, die Phrasierungsbizarrerien in der Hütte der Baba Yaga oder die byzantinische Größe, in der am Ende das Große Tor von Kiew aufragt. Mit zwingender Bildhaftigkeit war das alles in Szene gesetzt. Vollendetes Klavierspiel, wie man es nur selten hört.

Der andere spielt die Etüden von György Ligeti. Ganz entspannt rauscht er durch die aberwitzig verschachtelten Labyrinthe mit ihren verkeilten Wegführungen, haarsträubend polyrhythmischen Irrwegen und spieltechnischen Klippen - als seien es dankbar komponierte Zugabennummern. Aber sein Vortrag arbeitet sich nicht nur an den technischen Schwierigkeiten ab, er gewinnt den Etüden zugleich einen frei sprechenden, poetischen Ausdruck ab. Die Interpretationen offenbaren Geist und sprühenden Witz. Vollendetes Klavierspiel auch hier.

Jewgenij Kissin und Pierre-Laurent Aimard sind die beiden Interpreten, Musikbesessene und unumschränkte Virtuosen ihres Instruments. In der zu Ende gegangenen Konzertsaison gehörten ihre Auftritte zu den markantesten - Klavierabende, die man nicht so schnell vergisst. Auch weil sie in ihrer ästhetischen Ausrichtung so extrem gegensätzlich ausfallen: Kissin und Aimard sind Antipoden der Klavierszene. Der 30-jährige Russe ist das erwachsen gewordene Wunderkind, einer der wenigen Stars, zu dem die Fans nach dem letzten Stück mit Blumen und Fotoapparat an den Bühnenrand stürmen. Am Ende seiner Konzerte reiht er gerne Zugabe an Zugabe, Virtuosenfutter in kleinen Häppchen. Der 43-jährige Franzose wiederum ist unter der stillen, ernsten Obhut des Komponisten Olivier Messiaen und dessen Frau, der Pianistin Yvonne Loriod, künstlerisch herangereift. 18 Jahre lang hat er zudem im Ensemble Intercontemporain, dem Pariser Spezialensemble für zeitgenössische Musik, gespielt. Lange Zeit war sein Name nur in Fachzirkeln ein Begriff. Konzessionen an den nach Repertoire-Mainstream gierenden Klassikbetrieb macht er nur selten.

Genuss des Tastendrückens

Was die beiden eint, ist vielleicht am ehesten dies: eine pianistische Urlust an der Tonerzeugung, wie sie György Ligeti als Antrieb für die Komposition seiner Klavieretüden formuliert hat. Unmittelbar "aus der Stellung der zehn Finger" und "von der sinnlichen Erfahrung des Drucks auf die Tasten her" habe er seine Stücke abgeleitet. Dieser Genuss des Tastendrückens in aberwitziger Geschwindigkeit und vertracktester Kombinatorik scheint auch für Kissin und Aimard ein besonders Antrieb zu sein, lustvoll kosten sie ihre schier unbegrenzten Fähigkeiten aus und kehren dabei die taktil sinnliche Seite meisterhaften Klavierspiels hervor in traumwandlerischer Übereinstimmung zwischen Kopf und Händen, musikalischem Denken und manueller Umsetzung. Wobei Aimard sein Können mit Vorliebe an den Werken des 20. Jahrhunderts ausagiert, vor allem am schillernden Klang- und Farbenkosmos seines Mentors Messiaen, während Kissin mit Chopin, Schumann, Liszt, Brahms oder Bach in den Bearbeitungen von Busoni der Klaviertradition des 19. Jahrhunderts verbunden bleibt.

Da geht der tiefe Riss durch das künstlerische Selbstverständnis der beiden Pianisten: Kissin ist ganz Klavierkünstler aus dem Geist der Romantik. Aimard ist ein Musiker, dessen Interpretationen sich aus den Erfahrungen der Moderne speisen. Kissins Virtuosität kommt im Konzert immer wieder mit der Geste der weltflüchtigen Grenzüberschreitung daher, als einsamer Höhenflug des romantischen Geistes über den irdischen Zwängen. Wobei er das früher manchmal nur belanglos Bravouröse in seinem Spiel inzwischen hinter sich gelassen hat, dafür ist er (meistens) zu gut.

Wenn Kissin Schumann interpretiert (wie die fis-moll-Sonate auf seiner letzten Tournee), dann verzehrt er sich in zügellosen Tempi, im großen Sehnsuchtston, im eruptiven Gefühlsüberschwang, als spiele er gegen eine unheimliche Verzweiflung an. Kissin selbst offenbart dann schumanneske Züge, etwas Unerlöstes scheint seine Interpretationen voranzutreiben, ein Leiden. Woran eigentlich? An seinem Virtuosendasein? An den Niederungen des Konzertlebens? Auch die äußere Erscheinung des Pianisten - die Blässe, das latent Fiebrige, die scheinbare innere Abwesenheit beim Betreten und Verlassen der Bühne - passt zur Genie-Aura. Nach jeder mit malmenden Kieferknochen heruntergerauschten Zugabe dreht er sich mit dem letzten Ton ruckartig vom Flügel weg, steht auf und blickt traurig ins Parkett, als habe er gerade der Kunst eine letzte Schaufel Sand ins offene Grab nachgeworfen. Sehr romantisch.

Zauberischer Farbenduft

Aimards Virtuosität ist ganz anders motiviert: Sie wirkt wie der immerwährende Versuch, in den heterogenen Erscheinungen der modernen Musik der Komplexität der Welt gerecht zu werden, sie mit gestalterischer Kraft zusammenzudenken und im musikalischen Ausdruck in Einklang zu bringen. Die beiden zentralen Komponistenfiguren in Aimards Repertoire, Messiaen und Ligeti, haben eines gemeinsam: eine Universalität im musikalischen Denken. Aus dem ‘uvre beider spricht Offenheit für verschiedenste musikalische Einflüsse, neben allen ausgeklügelten Avantgarde-Kompositionsstrategien. Messiaens Leidenschaft für Vogelstimmen steht dafür, sein Interesse an mittelalterlichen Modi und indischer Rhythmik. In Ligetis Stücken haben afrikanische und asiatische Elemente, aber auch Jazz, Minimal Music und die hypervirtuose mechanische Musik eines Conlon Nancarrow Einlass gefunden. All das hat sich niedergeschlagen in Aimards interpretatorischem Vermögen. Aus seinem Spiel spricht der immense Erfahrungsschatz eines hellwachen Zeitgenossen.

Manchmal offenbaren seine Interpretationen etwas Pierre-Boulezhaftes, eine kühle intellektuelle Distinktion. Aber geprägt vom tiefreligiösen Messiaen, hat er auch ein feines Sensorium für das Transzendente. Wenn er, wie jetzt beim Ruhr-Klavierfestival in Dortmund, Debussys Images spielt, erwächst ihm die Musik zu einer zauberischen Maeterlinck-Traumwelt, bestehend nur aus Farbenduft und Atmosphäre.

Hier der kühle französische Feingeist Aimard und dort die dunkle russische Seele Kissin - ganz so einfach lassen sich die beiden freilich nicht auseinanderdividieren. Musiker von ihrem Rang sind unberechenbar: Auch Kissins Spiel offenbart mitunter eine atemberaubende clarté; hoch auflösend, noch im dicht gesetzten Detail fallen seine Mussorgskij-Klangbilder. Aimard wiederum interpretiert Beethovens Appasionata-Sonate in Dortmund wie in einem mächtigen Fieberschub: Geisterhaft, wie aus der Ferne herüberklingend, hebt bei ihm die Einleitung an, eine nervöse abgründige Unruhe durchzieht das Stück und mündet im wahrhaft durchdrehenden Wahnsinn des Schluss-Prestos.

Und trotzdem, die antipodischen künstlerischen Positionen, die Kissin und Aimard verkörpern, offenbaren eine immer deutlicher werdende Aufspaltung der Klassikszene: Die einen haben die Erfahrungen der Moderne noch vor sich, die anderen haben die Erfahrungen der Romantik schon hinter sich. Kissins Künstlertum hat etwas Altmodisches, Historisches, gerade das aber dürfte zu seinem großen Erfolg beim bürgerlichen Abonnementpublikum entscheidend beitragen. Aimard wiederum hat die Gegenwart auf seiner Seite und die Usancen des Betriebs gegen sich. Ob die Zukunft den Aimards oder Kissins gehört, ist noch lange nicht entschieden.

 
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