T A L K S H O W Die Farbe Weiß
Das Duell Schwarzer - Feldbusch brachte Traumquoten, obwohl der Moderator meistens schwieg. Ab Herbst plaudert Johannes B. Kerner viermal pro Woche
Fernsehen ist bunt. Stefan Raab pink: laut, schrill, jung.
Harald Schmidt rot: bissig, scharf, fies. Sabine Christiansen
beige: dezent, langweilig, seriös. Und Johannes B. Kerner ist weiß:
nichtssagend, friedlich, sauber.
Weiß wie ein unbedrucktes T-Shirt, von dem Freundinnen sagen:
"Ganz nett."
"Immer wenn Journalisten schreiben, ich sei nett, ist das der Beleg, dass sie sich nicht richtig mit mir auseinander setzen", sagt Kerner im Gespräch. Was er lieber wäre, sagt er nicht. Stattdessen plänkelt er von der "ehrlichen Welt der Sportreporter", seinem Urlaub in Schweden und der "Investition in Vertrauen", die das ZDF bei ihm mache. Nichts Aufregendes, nirgends. Dabei hat der Mann 15 Jahre Journalismuserfahrung, er hat über 3000 Gäste der schrulligsten Art interviewt, Huren und Heilige in seinen Sendungen gehabt, Sitzpinkler und Urintrinker, grüne Punkte, gelbe Säcke. Und hat alle Sportgrößen interviewt, von Franz Beckenbauer über Carl Lewis bis Michael Schumacher, geht mit Boris Becker joggen und wahrscheinlich mit Franziska van Almsick baden.
"Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Kerner als Talkshow-Moderator und Kerner als Sportreporter", sagt Kerner, "ich kann zuhören, das ist als Talkshow-Moderator wichtig. Und ich kann den Mund halten. Das macht einen guten Sportreporter aus."
"Menschgewordene Erdnuss"?
Mundhalten, zuhören: Was für den Zuschauer am Bildschirm phänotypisch erst einmal ziemlich gleich aussieht, ist für Kerner die Erklärung seiner Vielseitigkeit. Er ist gelernter Sportjournalist: SFB-Sportredaktion, ran, das Aktuelle Sportstudio. Außerdem ist Kerner Gala- und Event-Moderator (Menschen), Sportrepräsentant, Firmeninhaber, ZDF-Aushängeschild, Hoffnungs-, Sympathie- und Sandalenträger, Familienvater - und "menschgewordene Erdnuss". So nämlich beschrieb ihn die Süddeutsche Zeitung einst, und Kerner grübelt seitdem: "Was bedeutet das? Dass man von mir nicht lassen kann? Dass ich knackig bin und salzig? Oder soll ich den Körperbau einer Erdnuss haben?"
Kerner ist auch erprobter Talkshow-Moderator, 400 Daily-Talk-Sendungen mit Themen wie Mein Papi ist ein Knacki, Wenn Frauen boxen und Männer maniküren oder Ich war bei Kerner, es hat sich gelohnt.
"Ich kann mich an keinen Sat.1-Gast mehr erinnern", sagt er heute. "Keinen Gast, keine Sendung, keinen Titel."
Mischt man alle Farben aus dem physikalischen Spektrum gleichmäßig, bekommt man die Farbe, die Nichtfarbe Weiß, nicht farblos, nur farbfrei. Weiß kann man mit allem kombinieren, Weiß beißt sich nicht mit einer anderen Farbe. Weiß kann man immer tragen. Nur nie wird jemand sagen: Oh, was für ein wunderschönes Weiß deine Bluse hat!
Kerner ist für das ZDF so etwas wie das Weiß für den Maler: zum Mischen geeignet, es lockert auf, macht die übrigen Farben weich, aber eigentlich ist es auch verpönt, allzu häufig mit Weiß zu malen. Im nächsten Jahr wird Kerner viermal pro Woche als Moderator seiner Talkshow auftreten. Viermal, so oft wie Harald Schmidt auf Sat.1 und Stefan Raab auf ProSieben und Jörg Pilawa in der ARD. Der Trend geht zum "Ein Star pro Sender"-Prinzip, auch beim ZDF. Ist das die "Kernerisierung" (Frankfurter Rundschau) durch die "gnadenlos nette" (stern) "menschgewordene Erdnuss" (Süddeutsche Zeitung)?
"Ich kann es nicht mehr hören, dass ich ein Schwiegersohnimage habe", barmt Kerner, zwei Tage vor seiner letzten Sendung, die Sommerpause steht an, von nun an gibt's Wiederholungen.
In der letzten Sendung wollen alle noch mal das Gespann Schwarzer-Feldbusch übertrumpfen, das vor ein paar Wochen dem Team zu Traumquoten verhalf und die Nachricht "Kerner nun viermal pro Woche" PR-strategisch einbettete. Die Gäste kamen nicht passend zu der Pressemitteilung, die Pressemitteilung kam passend zu den Gästen.
Auch wenn Kerner mit dem Verlauf der Frau-gegen-Frau-Show nicht zufrieden war - längst wird in der Redaktion überlegt, welche Konstellationen von ähnlich quotenquirligem Erfolg wären. Benjamin von Stuckrad-Barre und Walter Jens wären streitbare Gegensätze. Campino und Franz Beckenbauer ebenfalls. Auf die Idee Beckmann und Kerner käme keiner, nicht nur wegen ihres Berufes.
Kerner streitet sich nicht gern. Das ist für einen Moderator nicht die schlechteste Eigenschaft, moderari heißt mäßigen. Es ist nur dann schlecht, wenn zwei medienerfahrene Frauenzimmer aufeinander treffen, die sich nicht die Augen auskratzen dürfen. Aber wollen. Dann wird Kerner nämlich still und sieht aus, als wäre er eine moderierende Friedensfahne. Weiß. Es ist nicht verwunderlich, dass sein ursprüngliches Konzept zur Feldbusch-Schwarzer-Sendung "Gemeinsamkeiten finden" hieß. Dass er ein Grundbedürfnis nach Harmonie hat wie andere Prominente nach Silikon oder Homestorys, hebt ihn ab aus der Riege der jungen Wilden, die weder jung noch wild sind, sondern in ihrem Bemühen um image- und senderkompatible Ecken und Kanten sich lediglich Gel im Haar erlauben oder grüne Schlaghosen. Beckmann, Pilawa, Imhof, Franklin, Geissen, Kerner: Ein Phantomzeichner hätte Schwierigkeiten, Unverwechselbares in ihr Gesicht zu bringen. Spurenlose Imageträger. Wären sie Bäume, man dürfte sie nicht aufsägen, sie hätten keine Jahresringe.
Kerner versucht wenigstens nicht frecher zu sein, als er eh nicht sein kann. Ihn deswegen als "Weichei" (Bunte) zu bezeichnen ist angesichts seiner straff geplanten Karriere zu einfach.
Er ist vielmehr der ideale Moderator, auch für viermal pro Woche. An dem guckt man sich nicht satt. Weich und unauffällig schmiegt er sich in jedes Fernsehprogramm, füllt jede Lücke aus, die noch zu schließen ist. Wie Kitt. So zurückgenommen, braucht er allerdings gute Gäste. Gäste, die plappern und parlieren. Eine gemischte, themenlose Runde ist bei ihm wie ein Sedativum, Schlaf fördernd.
Wenn Jürgen Klinsmann sein Gast ist oder Senta Berger, Sabrina Setlur und Renate Künast wie in seiner letzten Sendung, schlafen ihm sogar die Zuschauer im Saal ein. "Schlimmer als Mathe", sagt eine 15-jährige Schülerin, die mit ihrer Klasse bei Kerner im Publikum sitzt. Der Lehrer hat ihnen vorher die Aufgabe gegeben, Kleidung und Verhalten der Prominenten genau zu protokollieren. Sabrina Setlur hat "geile Klamotten" und ist "nervös", Klinsmann ist "cool", Senta Berger und ihr mitgereister Filius kommen mit "oranger Hosenanzug" und "unterbricht ihren Sohn" auch noch passabel weg. Bei Kerner steht nur: "Fragt komisch".
Die Neigung des Oberkörpers
Dabei: In drei Konferenzen bereitet er sich auf die Gäste vor, liest aufwändig zusammengefasste Vorgespräche, Archivmaterial, Briefings. "Es ist so verdichtet, was ich dann in 20 Minuten von meinen Gästen wissen will. Ziel muss immer sein: etwas aus dem Gast herauszubekommen, was man als Zuschauer so noch nicht weiß." Sabrina Setlur wird er in seiner Sendung fragen: "Haben Sie nach Ihrer Affäre mit Boris Becker Ihre Unbekümmertheit verloren?", Senta Berger fragt er: "Waren Sie gerne Mutter?" Frau Künast gibt er eine Schwatzvorlage mit dem Satz: "Das klingt alles so, als wollte man zurückgeben, was man früher einmal bekommen hat." Man kann die Schüler verstehen. Manchmal liegen Mäßigung und Mäßiges dicht beieinander.
Dabei ist es gerade seine wattige Rhetorik, die ihn trotzdem zu einem Dauermoderator prädestiniert. Bei Kerner findet man keine ausladende, laute Gestik, seine Arme hält er beim Interview hübsch am Körper, legt sie sogar häufig verschränkend vor die Brust. Kein Friedman-Drohfinger, kein Fliege-Oberarmstreicheln, keine Christiansen-Kopfschräge. Kerner demonstriert Interesse und Desinteresse mit der Neigung seines vorgebeugten Oberkörpers. Wie bei Japanern, die sich entsprechend ihrer Ehrerbietung bei der Visitenkartenübergabe 20, 60 oder 90 Grad tief verbeugen, beugt auch Kerner seinen Oberkörper weit über den überflüssigen Requisitenschreibtisch, wenn ihn eine Antwort seines Gastes besonders interessiert. Genauso schnell lässt er ihn auch wieder in seine Ausgangsposition einrasten.
"Meine Gäste", sagt er, "können wenigstens noch Sätze mit Subjekt, Prädikat, Objekt bilden. Erfreulich oft sogar noch richtig, das ist der Unterschied! Früher musste man Interesse haben. Heute hat man es." Ob sich sein Interesse vervierfacht, wenn auch die Sendung vervierfacht wird? Weißer als weiß gibt es nur in der Werbung. Weiß bleibt immer Weiß. Aber dafür ist es keine Modefarbe.
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