A R C H I T E K T U R Eine Stadt hofft auf Heilung

Am Ende eines zähen Streits: Rückblick auf die Debatte über das Berliner Stadtschloss - und Ausblick auf ein großes Werk

Sollte es vorbei sein? Gilt die maliziöse Sentenz des Neuberliner Monatspoeten Robert Gernhardt nun nicht mehr, dass wir das Schloss gar nicht brauchen, weil "die Schlossdebatte" so schön ist? Zehn lange Jahre wurde um Prinzipien und Symbole gefochten. Schwer lastete der ideologische Verdacht auf dem Areal des Berliner Stadtschlosses. Es mutierte zum Gesinnungsprüfstand der Nation. Schlossrekonstruktion oder Rettung des Palastes der Republik? An dieser Frage schien alles zu hängen: die Geschichtspolitik der Berliner Republik, die "innere Einheit" von Ost und West, das Wohl und Wehe der modernen Architektur.

Jetzt bahnt sich eine klare Entscheidung an, aber die Öffentlichkeit geht zur Tagesordnung über. Am letzten Freitag bemerkte Hannes Swoboda, der Vorsitzende der Regierungskommission Historische Mitte Berlin, kurz: Schlosskommission, es gebe eine deutliche "Tendenz" für den Palastabriss und eine weitgehende Rekonstruktion des barocken Schlüterbaus, der vor 50 Jahren vom SED-Regime gesprengt worden war. Aber für die Zeitungen in Berlin war das nur eine Nachricht auf den Lokalseiten wert.

Was hat sich verändert? Verbrauchte sich zum wiederholten Male eine unserer Grundsatzdebatten an ihrer Haarspalterei? Kam es zur "Erschöpfung der Konfliktpartner", die laut Niklas Luhmann dem Konsens vorausgeht? Oder ist es dazu gekommen, was Dieter Hoffmann-Axthelm in einem Senatsgutachten zum historischen Schlossbereich 1999 noch verzweifelt einklagte: das Thema "innenpolitisch und parteipolitisch zu entgiften"? Tatsächlich wurde seit Frühjahr, seitdem die Schlosskommission tagt, die Debatte ziviler, aber auch emotionsärmer. Bahnt sich also eine Zäsur an? Und wenn es so wäre, was bedeutet sie dann?

Zauber der Museumsidee

Dass Hannes Swoboda schon jetzt von einem Konsens sprechen konnte, obwohl erst im Dezember die Tätigkeit der Kommission abgeschlossen werden soll, zeigt den überraschenden Erfolg und das Selbstbewusstsein der 17-köpfigen Runde. Das erregte Handgemenge der Argumente konnte sie in eine logische Folge von Fragestellungen und Ergebnissen auflösen. Aus dem schiefen und gehässigen Entweder-oder zwischen Palastrettung und Schlosswiederaufbau entstand eine faszinierende Vision eines weltweit konkurrenzlosen Zentrums. Der Rückfall in die Marschordnung alter Debatten ist daher nur noch schwer vorstellbar.

Die Kommission begann mit dem Schwachpunkt aller Schlossbeschwörungen: der Nutzungsfrage. Die Berliner Realität, das Konglomerat aus Kiez, öffentlichem Dienst und politischer Provinzialität, stand ja in einem grotesken Missverhältnis zur grandiosen Absicht, Schlüters barocke Residenz in die Wirklichkeit zurückzuholen. Wo war die Berliner Stadtgesellschaft, die solche repräsentativen Räume brauchte? Unerträglich trivial auch die Ideen der Investoren: Hotel, Kongresszentrum, Festsaal, ein Dementi des Ortes und seines geschichtlichen Rangs. In einer dramatischen Wendung wirken nun Berliner Tristesse und ihr Nutzungsdilemma wie weggeblasen. Eine atemberaubende Dimension öffnete sich: Die außereuropäischen Sammlungen aus dem Villenvorort Dahlem sollen nach dem Willen von Klaus Peter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, ins historische Zentrum geholt werden. Mit 500 000 Exponaten des ethnologischen Museums und 30 000 Exponaten der asiatischen Kunst würden Museumsinsel und Schlossareal "wirklich der anschauliche Ort des Weltkulturerbes", "Ort des Geistes und des Humanen" (Schuster). In der Kommission entfaltete Schuster das Bild einer "einzigartigen Bildungslandschaft mitten in der wiedergefundenen Hauptstadt", "eines enzyklopädischen Versammlungsortes der Künste und Wissenschaften".

Das Angebot des Präsidenten der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, die Wissenschaftssammlungen der Universität - ein Ausschnitt konnte im Gropiusbau als "Wunderkammern der Wissenschaft" bestaunt werden - im Schlossareal öffentlich zugänglich zu machen, vollendete jene Vision. Deutschland bekäme mit einem Schlag ein Wissenschaftsmuseum, in dessen Präparaten und Exponaten sich eine 200-jährige Forschungsgeschichte von Weltgeltung spiegeln würde. Nutzungen flogen dem Gebäude förmlich zu: die Stadtbibliothek, der Raum für die Idee eines "Volkshauses", die vom Palast der Republik zu bewahren sei. Das dargestellte Weltkulturerbe erfordert Platz für den globalen Dialog, für Spielstätten und Inszenierungen. Einer kurzen Kontroverse in der Kommission kommt dabei wohl eine Schlüsselbedeutung zu: Der SPD-Bundestagsabgeordnete und BDA-Präsident Peter Conradi, der schärfste Gegner einer Schlossrekonstruktion, fragte den HU-Präsidenten grämlich, wer denn das Wissenschaftsmuseum finanzieren solle. Mlynek verwies höflich darauf, dass er schließlich kein Bittsteller sei, sondern eine Sammlung von einem geschätzten Wert von einer halben Milliarde Mark anbiete. Conradi spürte wohl zu Recht, dass die Vision eines solchen bildungsbürgerlichen Curriculums nach einer Architektur von ästhetischem Rang, Geschlossenheit und Ausstrahlung verlangt. Außerdem wäre die Idee des enzyklopädischen Versammlungsorts dem Schlüterbau keineswegs fremd. Sie würde, sagte Schuster, "an die gelehrte Curiositas der barocken Kunstkammer im Schloss" anknüpfen, die "das gesamte Spektrum von Kunst, Ethnologica und Naturwissenschaften zu ihrem wirklich ersten gemeinsamen Standort zusammengeführt hat".

Während die Schlossrekonstruktion sich immer mit der Unterstellung verspäteter Hohenzollernträume und reaktionärer Ambitionen herumschlagen musste, wirkt der Zauber der Museumsidee ungebrochen, weil er gänzlich frei ist vom Verdacht der Nostalgie. Sie hebt die politische Preußen-Tradition des Schlosses auf, weil sie bewusst das "geistige Erbe des besseren, des anderen Preußen" (Schuster), Friedrich Wilhelms IV. Idee einer "Freistätte der Künste und Wissenschaften" aufnimmt. "Man könnte sogar", so Schuster, "von der alchemistischen Verwandlung Preußens durch seine Museen und Universitäten zum Ruhme auch dieser Bundesrepublik sprechen."

Im Lichte solcher Vorstellungen scheint eine zweite Dimension im Schatten zu liegen, die für Berlin allerdings eine nicht minder große Bedeutung hat: die stadträumliche und städtebauliche Konsequenz. Die Vorentscheidungen in diesem Zusammenhang hat die Berliner Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Schuster hatte schon jene "Bildungslandschaft" als "Redesigning Berlin" verstanden. Tatsächlich sind Lehmann und Schuster die Ersten gewesen, die zehn Jahre nach dem Mauerfall die historische Mitte direkt zum Thema öffentlicher Gestaltung machten. Die Stadtplanung und das "Planwerk Innenstadt" haben den Zentralraum der Inszenierung des DDR-Staates zwischen Fernsehturm und Palast der Republik umschlichen wie ein vermintes Gelände. Konzepte wurden vertagt, sobald die reizbare Ostberliner Protestmaschine auf Abwehr schaltete. So konzentrierte sich die Stadtrekonstruktion auf den Spittelmarkt und den Friedrichswerder, auf den Rand des alten Festungsgürtels. Die Kommission hat eine Wendung in den Kern des historischen Zentrums eingeleitet. Die Schlossfreiheit, jene zehn Gebäude gegenüber der Westfront, die einst dem Nationaldenkmal weichen mussten, sollen als Antithese bürgerlichen Bauens zur "dunklen Masse des Stadtschlosses" (Siedler) rekonstruiert werden - eine möglicherweise weitaus anspruchsvollere architektonische Herausforderung als die "Erfindung" (Swoboda) des Schlosses. Auch den historischen Stadtraum zwischen Schlossplatz und den Gebäuden "an der Stechbahn" gilt es wiederherzustellen. Denn diese Orte zeugten von den vielen Kompromissen zwischen der rebellischen Bürgerstadt und der Schlossherrschaft der Hohenzollern.

Der Stadtraum rückt also heran und präzisiert die Kontur des liquidierten Schlosses. Eine unauffällige terminologische Änderung signalisiert einen grundsätzlichen Perspektivwechsel: Es heißt nicht mehr "Ostseite" des Palastes, sondern - korrekter - "Stadtseite". Der Palast der Republik schließt mit seiner getönten Glasmauer einen riesigen namenlosen Platz (nur ein Teil heißt Marx-Engels-Forum) bis hin zum Bahnhof Alexanderplatz ab, auf dem verloren die gotische Marienkirche steht. Darunter ist das mittelalterliche Berlin begraben. Die Kommission hat sich entschlossen, mit dem Schloss auch die "Stadtseite" zurückzugewinnen.

Deutschlands kulturelles Zentrum

Zweifellos ist der bisherige Erfolg der Schlosskommission der eleganten Professionalität des ehemaligen Wiener Baubürgermeisters und Europaabgeordneten Hannes Swoboda zu verdanken. Er hat früh eine Sprache gefunden, um die Arbeit freizuhalten von ideologischen Fallstricken. So betonte er, es werde keine "1 : 1-Kopie" des Schlosses geben. Die Öffentlichkeit verstand dies als eine Ablehnung der Rekonstruktion und übersah, dass niemand an eine originalgetreue Wiederherstellung der historisch vielschichtigen und widersprüchlichen Residenz denkt. Jetzt vernahm sie verblüfft, dass die "Erfindung" des Gebäudes auf dem Schlossareal durchaus mit Grundriss und Fassaden des Schlüterbaus bis hin zur Wiederherstellung des Schlüterhofes harmonieren könne. Damit werde es "eng" für den Palast der Republik, betont Swoboda. In diesem Zusammenhang ist eine bedeutsame Entscheidung zu nennen, die alle ignorierten: An den Senat wurde ein Suchauftrag der vergrabenen Schlossbruchstücke im Park Friedrichshain erteilt. Dabei versucht die Kommission das Wort "Schloss" zu vermeiden. Nicht "Museumsschloss" sondern "Humboldt-Palais" solle das neue Museumszentrum heißen. Auch das Stichwort "Grand Projet" kursiert.

Zeichnet sich da schon die künftige Chefsache des Kanzlers ab? Julian Nida-Rümelin, der Staatsminister für Kultur, hat schon einmal die föderalistischen Prüfvermerke erteilt. Er sprach von einer "gesamtstaatlichen Aufgabe", einem "wichtigen Gebäude der Bundesrepublik in Berlin", das kein Projekt für Berlin sei. Ob sich die misstrauische liberalitas im Südwesten Deutschlands damit dauerhaft beruhigen lässt, sei dahin gestellt. Mit der Komposition von Museumsinsel und Schlossareal nähert sich jedenfalls die Hauptstadt dem Anspruch, mehr zu sein als nur Regierungssitz. Es entsteht ein kulturelles Zentrum in Deutschland.

Aus der Verdacht erregenden Schlossrekonstruktion wurde dergestalt ein Projekt - etwas, was bekanntlich per se konsensfähiger ist. Ist also die alte Schlossdebatte letztlich auch durch solche Sprachstrategien verödet? Ein Nachruf und ein wenig mehr wäre am Platz. Nach zehn Jahren erbitterter Prinzipienreiterei sollte der Kampfplatz nicht ohne bewusste Revisionen verlassen werden. Wahrscheinlich war die Schlossdebatte der letzte Ausläufer des altbundesrepublikanischen Historikerstreits. Es ging um politische Korrektheit, demokratische Gesinnung versus Geschichtsbeschwörung, Zeitgenossenschaft versus Nostalgie. Die Schlossverfechter evozierten Motive, die eher tabuisiert waren: Raum, Örtlichkeit, Genius Loci und eine Vergangenheit jenseits der Vergangenheitsbewältigung. Ein großes Paradoxon war erkennbar: Die Rekonstruktion des Stadtschlosses wurde als gefährliches nationales Symbol, als verfehlter Gründungsakt der Berliner Republik zugleich denunziert und aufgewertet, während wiederum eine prägende Bedeutung der Hauptstadt für die Republik ausgeschlossen wurde. Insofern war die Debatte verstrickt mit allen Problemen einer ungeklärten Rolle Berlins.

Die Debatte beherrschte und terrorisierte der Begriff des Authentischen. Der Palast der Republik wurde als authentisch sanktioniert, obwohl er zugleich Symbol für einen barbarischen Zerstörungsakt von Geschichte war. Aber das Authentische gewährte Generalpardon für alles Hässliche und Misslungene der Geschichte. Jetzt erst wächst bei den Denkmalschützern die Kritik am Fetisch eines Begriffs, der dem Gemeinwesen das Recht auf Schönheit und die Souveränität abspricht, die eigenen Traditionen frei zu gestalten. In Berlin jedenfalls nimmt der Unwillen zu, den Stadtraum als Geschichtslehrpfad zu opfern, wo im Namen des historischen Dokumentes alle Verunstaltungen auch der Nachkriegsmoderne verewigt werden. Allmählich gewinnt der Gedanke Raum, dass Denkmalschutz auch mit der "Kultivierung" (György Konrád) und Verschönerung des Gemeinwesens zu tun haben muss. In Berlin hieße das Heilung des fragmentierten Stadtbildes.

Obwohl sich vor allem Architekten besonders heftig beteiligten, war der Schlossstreit eines nicht: eine Architekturdebatte. Wäre sie es gewesen, dann wäre sie längst entschieden. Der urbane Kontext der Spreeinsel und der "Linden" ist zwingend und streng definiert - vor allem durch das Schloss selbst. Alle Bauten, vom Kronprinzenpalais bis zum Alten Museum, sind jünger, antworten auf das Schloss und organisieren sich nach seinen Maßstäben. Auf seine Rekonstruktion zu verzichten hieße letztlich, den einzigen wiederherstellbaren urbanen Zusammenhang der ehemaligen preußischen Königsstadt zur Kulisse zu verdammen. Schuster hat beschrieben, wie Schinkels Idee der historischen Mitte als Antithese zur barocken Wucht des Schlüterbaus gedacht war. Das Alte Museum mit seiner genialen Versöhnung von Außen und Innen versteht sich als moderne Antwort auf die kompakte Geschlossenheit des Stadtschlosses. Diese kritische Spannung würde ohne die Rekonstruktion der Fassade verloren sein.

Die Berliner sollen spenden

Etwas befremdet: Kaum ein Architekt hat die Rekonstruktion als Herausforderung verstanden. Fast alle Architekten verlangten dagegen Mandat und symbolisches Bekenntnis zur Moderne. Die politische Aufladung des Arguments, die Beschwörung einer normativen Identität von Demokratie und zeitgenössischer Architektur lässt auf schwaches Selbstbewusstsein und Legitimationsschwierigkeiten schließen. Ob Peter Conradi als Lobbyist seiner Zunft in der Kommission glücklich agiert, fragt sich. Die Hegemonie der Moderne kann für Berlin ja gar nicht bezweifelt werden. Aber das Bewusstsein wächst, wie sehr die Nachkriegsmoderne auch unter dem Furor der Sozialpolitik allzu liquidatorisch mit der Stadtgeschichte umsprang. Insofern ist die Gereiztheit der Architekturfront eine Vorahnung. Die Sehnsucht nach der Schlossrekonstruktion signalisiert eine tiefe Vertrauenskrise zwischen Stadtbürger und Architekten.

Wie begründet sie ist, zeigt die Schlossausstellung, die mit der letzten Kommissionssitzung im Staatsratsgebäude eröffnet wurde. Sie zeigt verschiedene Entwürfe zum Schlossareal: Viele große Namen von Oswald Mathias Ungers, Axel Schultes, von Gerkan und Marg bis hin zu Lord Norman Foster sind darunter. Ob sich die Vorschläge der historischen Gestalt annähern oder sie als autistisches Impromptu leugnen, ob sie dekonstruieren oder reproduzieren - kein Entwurf ist frei vom Bann des Schlüterbaus und keiner überzeugt. Ein stärkeres Argument für die Rekonstruktion als diese Ausstellung ist kaum denkbar.

Kann also von einer Zäsur im Schlossstreit geredet werden? Soll dieser Begriff zutreffen, dann muss er mehr meinen als allein die Kommissionsarbeit. Tatsächlich gibt es benennbare Veränderungen. Am umstrittenen Ort verdeutlicht sich der Stadtraum. Mit der rekonstruierten Backsteinecke von Schinkels Bauakademie und dem Baubeginn der Kommandantur gewinnen die westlichen Veduten des Schlossareals Form. Die grandiose Partitur von Sichtbeziehungen und -achsen, die das Stadtschloss einst dominierte, wird allmählich erlebbar. Wer auf der Treppe des Alten Museums steht oder aus den neu erstrahlenden Räumen der Alten Nationalgalerie schaut, wird die quälende Vulgarität jener Leere um den Palast der Republik nachempfinden.

In den letzten Jahren ist zu beobachten, wie in Berlin eine neue stadtbürgerliche Kultur entsteht. Wer in ihr sich bewegt, kann sehen, wie die Berliner sich in Stadtwanderer, Rechercheure und autodidaktische Stadthistoriker verwandelt haben. Die unausgesetzte Flut von stadtgeschichtlichen Büchern reflektiert diese Entwicklung. Natürlich hat die Vereinigung der getrennten Stadthälften alle Berliner zu Neulingen in ihrer Stadt gemacht. Zu den weniger wahrgenommenen Folgen der Mauer gehörten die rückwirkende Liquidation der Stadtgeschichte und die Zerstörung des historischen Musters durch die Konkurrenz der Systeme. Wenn Geschichte beschworen wird, geht es nicht um politische Revisionen. Aber für die Wiederherstellung der Stadtgeschichte müssen sich die Stadtbewohner in praktizierende Revisionisten verwandeln. Die Wiederkehr der Stadt und ihrer Geschichte verbindet Berlin mit den Städten Osteuropas. Die zehn Jahre Grundsatzstreit und Schlossdebatte wären nicht möglich gewesen, wenn nicht die wachsende Sehnsucht nach Heilung eines von den Zerstörungskräften der Zeiten heimgesuchten Stadtkörpers die Debatte immer wieder mit Energie versorgt hätte. Dieser Prozess trifft vor allem das Stadtschloss selbst. Es ist ein Wunder: Bei dem Fall der Mauer war es nur noch eine kulturhistorische Reminiszenz. Es kehrte in die Köpfe zurück, errang Bildmacht und Suggestion. Es entsteht bereits, während der Palast der Republik schon im Schatten des abwesenden Schlüterbaus steht und dabei ist, zum bloßen Begriff zu werden.

Die Schlossrekonstruktion könnte gerade für eine Stadt, die im Milieu ihrer Verschuldung selbstmitleidig vegetiert, als Symbol der Zuversicht und kommender Bedeutung wirken - ähnlich wie der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Damit aber kommt die Frage nach der ideellen Bauherrenschaft auf die Tagesordnung. Es müsste die Stadtbürgerschaft sein, für die in absentia die Schlosskommission bislang sprach. Mit anderen Worten: Das "Grand Projet" dürfte nicht nur nach Sponsoren schielen, sondern muss so gestaltet werden, dass die Berliner auch spenden. Aber dann sollte es nicht nur ein "Projekt" sein, sondern großer Akt geschichtlicher Heilung.

Die Modelle sind bis 8. Dezember im Staatsratsgebäude zu sehen; der Katalog kostet 20,- DM

 
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