Heute morgen um halb neun, während Sprühregen fällt und die ersten Herbststürme (wir schreiben den 16. Juli) an den Linden zerren, der übliche Blick aufs Thermometer: 14 Grad Celsius (plus). Milde also, der leichte Übergangsmantel wird heute genügen. Beim Frühstück ein Blick in die Welt.

Titelzeile: Temperaturen auf der Erde steigen dramatisch. Das Blatt hat wieder mal Recht, denn gegen Mittag wird die Temperatur fast die 20-Grad-Marke erreichen. Ein Sprung von sechs Grad innerhalb von knapp vier Stunden. Höchst beunruhigend. Einerseits müsste jetzt der Hund ausgeführt werden, andererseits hat Martin Walser in einem Interview mit dem Tagesspiegel auf die Frage "Wenn Sie in Ihrem abgeschirmten Arbeitszimmer schreiben, kommt da nicht mal Ihre Frau und sagt, der Hund muss jetzt ausgeführt werden?" geantwortet: "Mein Tag hat einen Ablauf, der allseits respektiert wird." Ab ins Körbchen.

Es ist wunderbar, dass es noch Berufe gibt, die allseits respektiert werden.

Der des Schriftstellers gehört ebenso dazu wie der des Journalisten (18 Prozent laut neuester Allensbach-Umfrage, plus vier!). Die rheinland-pfälzischen Zahnärzte haben, wie eben die Süddeutsche meldet, den Hildegard-von-Bingen-Preis dem SZ-Kritiker Joachim Kaiser zuerkannt. Auch wenn der Zusammenhang zwischen Kaiser, Hildegard von Bingen und den Zahnärzten nicht auf der Hand liegt: Wahr ist, dass die Ärzte das höchste Berufsprestige haben. Die Umfrage nennt 74 Prozent, gefolgt von den Pfarrern (38). Man sieht dies Volk von Zeit zu Zeit nicht gern, aber hütet, sich mit ihm zu brechen, so oder ähnlich Mephisto.

Am untersten Ende der Skala, und das ist schlimmer als die Klimakatastrophe, steht der Buchhändler (sieben Prozent). Was ist da passiert? Vermutlich dies: Zum Arzt oder Pfarrer geht man bekümmert und verlässt ihn erleichtert mit der Aussicht auf Heilung. Zum Buchhändler geht man beschwingt und verlässt ihn mit einem Buch, vielleicht von Walser, dessen Lektüre einen dazu zwingt, den Arzt oder Pfarrer aufzusuchen.

Walser übrigens auf die Frage, ob seine Frau, die das handschriftliche Konvolut in den Computer gibt, nicht manchmal sage "Martin, das kannst du so nicht schreiben": "Das ist, gestatten Sie, nicht unser Umgangston." Ach, wäre es doch der Umgangston! Dann würde vielleicht mancher Satz nicht geschrieben, dann stiege vielleicht das Ansehen der Buchhändler, Walser erhielte den Joachim-Kaiser-Preis, gestiftet von den Bodensee-Pfarrern, und alles wäre gut, selbst 14 Grad am Morgen.