Plötzlich ist alles wieder da - nah, direkt, warm: die Hoffnungen, die Ideale, die Aufrichtigkeit, der Mut. Aber auch: die Opfer, die Irrtümer, die Illusionen, das Scheitern.

Für den lateinamerikanischen Schriftsteller Sergio Ramirez beginnt es 1974 vor einem Fernsehgerät in Berlin. Die Tagesschau berichtet von einer Geiselnahme. Ein sandinistisches Kommando hat hohe Minister und nahe Angehörige des nicaraguanischen Diktators Somoza gefangen genommen. Es verlangt die Freilassung von politischen Gefangenen und die Veröffentlichung eines politischen Manifests gegen die Unterdrückung und das Elend der Campesinos. Für Ramirez steht fest: Er würde es sich nie verzeihen, nicht dabei gewesen zu sein, wenn in seiner Heimat Nicaragua Freiheit und Gerechtigkeit vielleicht eine historische Chance bekommen. Er tauscht lieb gewordene Besuche im Berliner Ensemble und Karajan-Konzerte in der Berliner Philharmonie gegen Alphabetisierungskampagnen, Gesundheits- und Landreform in Nicaragua. Er zieht nie eine Uniform an, er nimmt nie eine Waffe in die Hand.

Er bringt es zum Vizepräsidenten und Stellvertreter von Daniel Ortega.

Für mich begann es damals mit der irritierenden Beobachtung einer Diskrepanz.

Ich war Senator für Jugend und Soziales in Bremen und erlebte beides: die große Woge der Sympathie mit den Sandinisten und die Zerstrittenheit der gleichen jungen Leute, wenn es um Reformen hier in der Bundesrepublik ging.

1983 bin ich für ein paar Wochen nach Nicaragua gefahren. Um mich nützlich zu machen beim Kaffeepflücken, als Geste der Solidarität. Und: Nicaragua - das war vielleicht auch für uns hier in der Bundesrepublik so etwas wie ein nötiger Umweg, ein Fluchtpunkt für eine überfällige Debatte mit den jungen Leuten. Vielleicht war diese Debatte in einer Hütte in Nicaragua einfacher zu führen als in einem Uni-Hörsaal in Bremen, Frankfurt oder Berlin. Auch das ist in den Erinnerungen von Sergio Ramirez wieder spürbar - die Spannung zwischen den luxuriösen, abstrakten Verstiegenheiten westlicher Intellektueller und dem schwierigen Versuch, eine Gesellschaft wirklich gerechter, fairer und freier zu organisieren.

Ramirez beschreibt genau, mitfühlend und oft wehmütig die Stärken und Schwächen der Revolution und der Revolutionäre. Mit Leidenschaft und ohne Larmoyanz. Mit genauen Erinnerungen an Momente und Begegnungen und ohne Hang zu theoretischer Rechtfertigung. In seinen Erzählungen tauchen sie alle nochmals auf, die Helden und Heiligen von damals, Leonel Rugama und Ernesto Castillo, Eden Pastora und Francisco Rivera, vor allem die vielen Namenlosen, die ihr Leben ließen für den Traum von der Freiheit.

Die Revolutionäre waren die Söhne und Töchter armer Campesinos und reicher Unternehmer. Gläubige Christen und areligiöse Intellektuelle. Priester und Marxisten, Tagelöhner und Industrielle, Minenarbeiter und indianische Ureinwohner kämpften gemeinsam - dann auch gegeneinander - für die gerechte Sache. Sie haben einiges geschafft. Sie haben den Diktator Somoza verjagt, seine Garde zerschlagen und sind im Triumphzug in Managua einmarschiert. Sie haben sich mit Eifer und Euphorie an den Aufbau einer neuen Gesellschaft gemacht, deren wichtigste Ziele waren: Landreform, kostenlose Bildung und Gesundheit für alle. Unzählige wurden geimpft und alphabetisiert, der Arbeitstag in den Kaffee- und Bananenplantagen wurde um die Hälfte gekürzt, der Mindestlohn verdoppelt.

Das kleine Nicaragua war in den siebziger Jahren Symbol für alle, die die Welt noch verbessern wollten. "Wie schwer muss es für euch sein, die Hoffnungen der anderen zu verkörpern" - so hat Bruno Kreisky den Autor einmal zu trösten versucht. Die Revolution hatte gesiegt und ist dann doch gescheitert. Sie blieb ein Traum, der nicht zu Ende geträumt wurde. Wie nah sie noch ist und wie weit doch schon entfernt. Danke, Sergio, für dieses schöne Buch, diesen wachen und eigenen Blick zurück, der trotz aller Trauer über das Verlorene auch ein Blick nach vorn ist. Bien venido, muchacho!

Sergio Ramirez Adios Muchachos!

Eine Erinnerung an die Sandinistische Revolution

Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2001

276 S., 35,- DM