Die Rückkehr der infamen Menschen

In Die Gesellschaft der Gesellschaft schreibt Niklas Luhmann, dass diejenigen Menschen, die in unserem System von Geld, von Massenmedien, von Kreditkarten und Ausbildungschancen, von Regierung und Opposition nicht inkludiert sind, keineswegs als stolze Außenseiter existieren. "Während im Inklusionsbereich Menschen als Personen zählen, scheint es im Exklusionsbereich fast nur auf ihre Körper anzukommen ... Physische Gewalt, Sexualität und elementare, triebhafte Bedürfnisbefriedigung werden freigesetzt und unmittelbar relevant, ohne durch symbolische Rekursionen zivilisiert zu sein." Und das heißt: Solche Menschen müssen tierisch leben, dürfen allein auf ihren Körper hoffen.

In einem anderem, jüngst erschienenen Werk der Sozialwissenschaften, das man zu den wichtigsten Büchern schlechthin zählen darf, in Robert Castels Die Metamorphosen der sozialen Frage, kommt dieses Motiv ebenfalls vor: Es ist klar, dass Menschen, die nicht "inkludiert" sind, zugleich ein unerhörtes Maß an Freiheit besitzen. Es ist die Freiheit der "Haltlosigkeit", also eine Freiheit, die dadurch entsteht, dass man weder von symbolischen noch von materiellen Kräften der Gesellschaft "gehalten" wird. Robert Castel spricht von einem "negativen" Individualismus es ist ein Individualismus, der solchen Einzelnen übrig bleibt, an denen die kollektiven Regulierungen nicht mehr greifen. Es ist, so Castel, "ein Individualismus aufgrund des Fehlens von Rahmen und nicht aufgrund einer Übertreibung subjektiver Investitionen".

Menschen, die heute so leben, vergleicht Castel mit den Vagabunden der vorindustriellen Zeit. So ein Mensch ist völlig individualisiert aufgrund eines Mangels an Bindung. "Sein Körper ist sein einziges Hab und Gut, sein einziger Bezugspunkt, den er bearbeitet, genießen läßt und in einer Explosion von absolutem Individualismus zerstört."

Im Jahre 1977 veröffentlichte Michel Foucault den merkwürdigen Text La vie des hommes infames. Merkwürdig erscheint mir dieser Text auch deshalb, weil er nur das Vorwort einer Anthologie sein sollte - aber die Anthologie gab es dann nicht sie hätte eine Reihe von Akten, von schriftlichen Überbleibseln sammeln sollen, die an Menschen der vorindustriellen Zeit, aus dem Zeitraum von 1660-1760, erinnern. Es sind die "infamen Menschen", die "absolut ruhmlosen" Leute: der anstößige Mönch, das geschlagene Weib, der tobende Trunkenbold, die zänkischen Händler. Foucault unterscheidet diese Leute von denen, die für ihre Infamie berühmt geworden sind, also von Schreckens- und Skandalmenschen wie Gille de Rai, Guillerie, Cartouche oder Sade und Lacenaire. Es ist "eine falsche Infamie", der das Publikum, das die infamen Menschen exkludiert, so gern huldigt.

Der Merve Verlag hat Das Leben der infamen Menschen mit einem Nachwort von Walter Seitter neu herausgegeben. Seitter behandelt die Frage diskret, ob der französische Philosoph mit diesen im Weltenbrand verlorenen Menschen solidarisch gewesen wäre. Als - wenn auch eigensinniger - Schüler Nietzsches, der die Elenden, die Missratenen, die Kranken, die Unterdrückten, spektakulär zu verachten pflegte, hätte Foucault sich schwer getan, wie ein Christ auf ihrer Seite stehen. Seitter lässt die moralische Frage mehr oder minder offen und ordnet Foucaults Zuwendung zu den Nichtigen hauptsächlich einem "puren Erkenntnisinteresse" zu: "Erkenntnis der Wirklichkeit dort, wo sie als Winzigkeit sich dem Verschwinden nähert", ohne dass sie aber ganz zum Verschwinden gebracht werden könnte. Im Gegenteil: Foucault sagt, das Leben der infamen Menschen wird sich sogar "auf andere Zeiten und auf andere Orte ausdehnen können".

Diese Menschen haben eine tradierbare Präsenz, weil sie der Macht in die Quere kamen. Man weiß von ihnen überhaupt nur, wenn zum Beispiel ihre "Exzesse des Weines und des Geschlechts" höheren Ortes missfielen. Es gibt Dokumente, in denen aufgezeichnet wurde, was man ihnen zur Last legte. Es gibt an die Macht gerichtete Texte, von denen nicht minder nichtige Existenzen Hilfe gegen die infamen Menschen zu erreichen hofften. So hat Foucaults Schrift noch eine andere Ebene: Indem sie von infamen Menschen berichtet, berichtet sie auch über die Schriften, durch die allein diese Menschen heute noch präsent sind. In unserem Zeitalter, in dem der Literaturbetrieb funktioniert wie geschmiert und in dem man mit Texten über ein elendes Leben Literaturpreise gewinnen kann, ist es nützlich, Foucault zu studieren er zeigt, woher das kommt, was sich schließlich als Literatur einbürgerte.

* Michel Foucault: Das Leben der infamen Menschen Aus dem Französischen von Walter Seitter Merve Verlag, Berlin 2001 80 S., 15,- DM

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    • Von Franz Schuh
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 30/2001
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