Würde man eine Umfrage machen, welche bekannten Historiker auch als Schriftsteller gelten können, dürfte der Name Carlo Ginzburgs als einer der ersten fallen. Mit seinen Studien zum Hexenglauben, zur Popularphilosophie und überhaupt zu den Mentalitäten der frühen Neuzeit hat er nicht nur in Fachkreisen für Aufsehen gesorgt, sondern auch ein breites Publikum erobert, das von der Geschichtsschreibung mehr erwartet als die trockene Aufzählung so genannter Fakten. Zwar weiß eigentlich jeder Universitätshistoriker, dass sich nur ein Teil seiner Informationen hundertprozentig beweisen lässt, weil viele Behauptungen auf Vermutungen und Interpolationen beruhen, doch die meisten ziehen aus diesem Dilemma eine fatale Konsequenz: Um nicht der Täuschung oder Spekulation überführt zu werden, beschränken sie sich auf die Aneinanderreihung vermeintlicher Evidenzen. Nur wenige wagen es, problemorientiert zu schreiben und die Untergründe ihrer Hypothesen offen zu legen.

Zu ihnen gehört Carlo Ginzburg. Nie schreibt er, wie es die Verleger lieben, über vorgefundene Themen: berühmte Menschen, Länder, Jahrhunderte. Ihn interessieren verzwickte Zusammenhänge und abgelegene Quellen, manchmal auch klassische Texte und Bilder, die er aber unter neuen Gesichtspunkten liest: von Aristoteles bis Joseph Conrad, von Piero de la Francesca bis Picasso.

Gemäß der Maxime Marc Blochs, wonach das Schauspiel der Forschung selten langweilig sei, führt er seine Leser mitten hinein in seine Werkstatt und lässt sie zuschauen, wie Schritt für Schritt ein neues Werk entsteht: Historie als bildende Kunst.

Die Antwort der etablierten Zunft ließ nicht lange auf sich warten. Aufgrund seines artistischen Umgangs mit den Quellen wurde der italienische Historiker kurzerhand zum "Vertreter postmoderner Geschichtsschreibung" (Dieter Groh) erklärt. Vorsicht, Gefahr! Vor allem der Nachwuchs sollte auf diese Weise gehindert werden, der von Ginzburg maßgeblich angestoßenen "Mikrogeschichte" nachzueifern, die das herrschende strukturgeschichtliche Dogma infrage stellte.

Doch wer Ginzburg in die Ecke des Irrationalismus stellt, hat ihn ungenau gelesen. In der Nachfolge seines Lehrers Arnaldo Momigliano führt er schon seit Jahren einen hartnäckigen Kampf gegen eine historiografische Strömung, die alle Geschichte auf Literatur oder Rhetorik reduzieren möchte. Für Ginzburg geht es weniger um den etwas naiven Gegensatz von "Fakten und Fiktionen" (Richard J. Evans), als vielmehr um die von postmodernen "Skeptikern" und "Relativisten" verabschiedete Suche nach der Wahrheit. Ohne dieses Ziel könne es weder Wissenschaft noch Forschung geben

Erkenntnis, auch historische, sei durchaus möglich.

In seinem neuesten Buch, dessen Titel eigentlich Die Wahrheit der Geschichtsschreibung lauten müsste, steht diese Kritik im Mittelpunkt.