Piquetero ist eigentlich ein harmloses Wort. Streikposten lautet die wörtliche Übersetzung aus dem Spanischen, doch in Argentinien hat der Begriff eine neue Bedeutung bekommen. Hier sind piqueteros Arbeitslose und Unterbeschäftigte, die Straßen besetzen, manchmal mit ihren Familien, tage- oder wochenlang. Sie fordern höhere Löhne, staatliche Beschäftigungspläne oder billigere Arzneimittel. Die piquetes oder Straßenblockaden sind in einem Land, das seit drei Jahren in der Rezession steckt und mit einer Arbeitslosenquote von mehr als 16 Prozent zu kämpfen hat, zu einer alltäglichen Form des Protests geworden.

Jetzt stehen der argentinischen Regierung Blockaden und Proteste einer ganz anderen Größenordnung bevor. Der Grund: Anstatt den piqueteros und Gewerkschaften entgegenzukommen, plant Präsident Fernando De la Rúa, die Staatsausgaben drastisch zu verringern. Von Juli bis Dezember des laufenden Jahres will er 1,5 Milliarden Dollar einsparen und so das Staatsdefizit auf null senken. "Wir können nicht mehr ausgeben, als wir haben", wiederholt De la Rúa immer wieder.

Die Not ist groß: Argentinien ist nicht in der Lage, neue Kredite aufzunehmen. Weil der Staat gleichzeitig Milliardenschulden bedienen muss und mehr ausgibt, als er einnimmt, steht das Land am Rio de la Plata zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate vor der Zahlungsunfähigkeit. Trotzdem drückte sich die politische Kaste bisher vor strukturellen Reformen, und noch ist nicht absolut sicher, ob das aktuelle Sparprogramm des Präsidenten verwirklicht wird. Die Folgen der Untätigkeit bekämen nicht nur die Argentinier zu spüren - das Land droht zum Ausgangspunkt einer neuen internationalen Finanzkrise zu werden.

Der Grund: Wenn ein Schwellenland strauchelt, strafen die internationalen Finanzmärkte auch alle anderen ab - in Lateinamerika und rund um den Globus.

Investoren flüchten mit ihrem Geld und legen es in den vermeintlich stabileren Industrieländern an. Um dem entgegenzuwirken, müssen die Staaten höhere Zinsen bieten, was Kredite verteuert und damit auch die private Wirtschaft hemmt. Ein Abschwung droht. Wie schnell dieser Mechanismus einsetzt, zeigte sich am vergangenen Montag in der Türkei, als die staatliche Notenbank - auf die argentinische Krise reagierend - die Zinsen erhöhte.

Ohnehin ist die Türkei neben Argentinien schon seit längerem der zweite Krisenherd unter den Schwellenländern. Auch dort machen hohe Schulden - und dazu ein marodes Bankensystem - den Staat fast handlungsunfähig. Nur mithilfe eines Milliardenkredits des Internationalen Währungsfonds (IWF) kann die Regierung den Versuch unternehmen, die Türkei zu reformieren.

Betroffen sind nicht nur die Finanzmärkte: Auch wer mit Argentinien handelt oder dort Unternehmen aufgebaut hat, leidet unter der Krise. Das merken zurzeit viele Konzerne aus Spanien, die sich in Südamerika engagiert haben und dort einen Großteil ihrer Gewinne erwirtschaften. Aufgrund der Nachrichten aus Argentinien sackten die Kurse der wichtigsten Aktien an der Madrider Börse um mehr als zwei Prozent ab. Auch die Märkte im brasilianischen SÆo Paulo und in Santiago de Chile verzeichneten deutliche Verluste.