E R K E N N T N I S Operation Größenwahn

Montabaur und Limburg - zwei Provinzstädte leisten sich einen ICE-Bahnhof. Abstand: 20 Kilometer. Eine Provinzposse von Andreas Molitor

Wenn man in dem 13 000-Einwohner-Städtchen Montabaur auf den dieselbetriebenen Schienenbus nach Limburg wartet, wundert man sich. Ein nagelneues Bahnhofskonstrukt, mit einem Dach aus Glas und Stahl, fast scheint es über den Gleisen zu schweben, und das alles nur für ein paar Bummelbahnen täglich?

Aber so ist es ja nicht. Die 27 Millionen Mark teure Station wurde für Größeres, Erhabeneres auf den Acker zwischen Stadt und Autobahn A 3 gewürfelt. Montabaur setzt zum Quantensprung an, startet vom Regionalbahntrott gleich durch ins ICE-Zeitalter. Ab Ende nächsten Jahres soll der ICE 3 hier auf seinem 58 Minuten kurzen Weg von Köln nach Frankfurt Halt machen. Oder er muss ein paar Minuten später in Limburg Station machen. In der 43 000-Einwohner-Stadt, nur 20 Kilometer südlich von Montabaur, entsteht auch ein ICE-Bahnhof - an derselben Schnellbahnlinie. Zumindest warten hier schon eine Menge Bagger auf den Baubeginn.

Zwei Schnellbahnhaltepunkte auf 20 Kilometern, zwei ICE-Bahnhöfe in der Provinz - jeder weiß, dass es hier um politische Erpressung geht. Dem hessischen Limburg hatte man den ICE-Halt schon Ende der achtziger Jahre versprochen. Der ICE-Bahnhof Montabaur war dann der politische Preis, den Rheinland-Pfalz für ein reibungsloses Schnellbahn-Genehmigungsverfahren einforderte. Ohne Montabaur hätte auf dem Territorium des Landes keine einzige ICE-Station gelegen, Rheinland-Pfalz wäre reines Transitland geworden. Das ging nicht, man schaute, was an der Strecke liegt - und fand Montabaur. Eine Kleinstadt. Nein, sagt Montabaurs Bürgermeister, »eine auf die Fläche gestreckte Großstadt«. Weil im Zeitradius von 30 Autominuten eine halbe Million Menschen wohnen. So kann man das auch sehen. Es lassen sich vernünftige Gründe finden, warum Limburg und Montabaur keine ICE-Bahnhöfe brauchen. Die Bahn selbst, allen voran Vorstandschef Mehdorn, hätte ihren neuen Super-ICE am liebsten ganz ohne Halt mit Tempo 300 durch Westerwald und Nassau rasen lassen. Schon Anfang der Neunziger meinte ein Vorstandsmitglied der Bahn mit Blick auf Limburg und Montabaur: »Ein Hochgeschwindigkeitszug kann nicht an jedem Baum halten.« Der Bund der Steuerzahler hat beide Bahnhöfe vor drei Jahren als »Fall von öffentlicher Verschwendung« in sein Schwarzbuch aufgenommen.

In der Limburger Lokalredaktion der Nassauischen Neuen Presse füllt der Vorgang »Schnellbahn« mittlerweile mehrere Leitz-Ordner mit ausgeschnittenen Artikeln aus 15 Jahren. Jeder Baufortschritt an der Strecke ist dokumentiert, jeder Tunneldurchstoß und natürlich der Schock für Limburg, als 1993 auch Montabaur den ICE-Zuschlag erhielt. Jedem war klar: Zwei Bahnhöfe sind einer zu viel. Man befürchtet bis heute, dass Montabaur und Limburg sich gegenseitig die Fahrgäste abjagen und auf Dauer keine von beiden Stationen rentabel zu betreiben ist. Doch dann gab es wieder Wichtigeres: Hügelgräber im Elzer Berg mussten erhalten werden, der Lubentiusbrunnen in Lindenholzhausen natürlich auch. Der Limburger Club für Wassersport von 1895/1907 befürchtete das Ende seiner 90-jährigen Ruderregatta-Tradition, weil die Bahn für ihre Trasse einen Brückenpfeiler mitten in die Lahn setzen wollte. Die Skuller sahen »große Gefahren für Zusammenstöße« und appellierten trotzig: »Unsere Leistungsruderer tragen den Namen der Stadt Limburg in die ganze Welt.« Die Bahn verzichtete auf den Pfeiler, was ein paar Millionen Mark extra kostete.

In all den Jahren wagte in beiden Städten kaum jemand, wirklich gegen die Bahnhöfe zu opponieren. Die Grünen ausgenommen, aber die waren sowieso gegen die Schnellbahn. Und Ursula Pape. Die resolute alte Dame, mittlerweile weit über 70, saß etliche Jahre für die Grünen im Limburger Stadtparlament, aber Frau Pape ist eben Frau Pape. Ihre Aktionsgemeinschaft gegen die Schnellbahn Köln-Rhein/Main e. V. - für eine ökologische Verkehrspolitik hat zwar inzwischen aufgegeben. Aber Frau Pape schreibt immer noch Briefe an Hartmut Mehdorn. Und mehrseitige Presseerklärungen, mit der Schreibmaschine und handschriftlichen Ergänzungen hier und da. Die Schnellbahn habe nichts mit Reisen zu tun, sagt sie, das sei »Menschentransport in einer Rohrpost«. Demnächst will sie die Texte ins Internet stellen. Der Herr Mehdorn schreibe nicht zurück, sagt Frau Pape. Ihr Brief, vermutet sie, sei vielleicht »nicht ganz ladylike« gewesen.

Jahrelang haben Montabaur und Limburg sich das ICE-Zeitalter schöngemalt, von Tausenden neuer Arbeitsplätze und Tausenden neuer Einwohner war die Rede. Montabaur steckt - mit Landeshilfe - 56 Millionen Mark in das Bahnhofsumfeld. Auch Limburg rechnet mit Jobs - vielleicht 3500, vielleicht auch 11 000. So versprach es der frühere Bürgermeister. Ein völlig neuer Stadtteil sollte auf der Eschhöfer Scholle gleich neben der ICE-Station wachsen, mit Hotels, Restaurants, Banken und Geschäften. Ein namhafter Architekt nannte das Münchner Olympiastadion und die Oper in Sydney als Vorbilder. »Man muss nach den Sternen greifen«, sagte der Mann und sprach von einem »Stück Präriestadt« als städtebaulichem Leitbild. Die Limburger hörten das gern.

Wie kühne Visionäre wirken die CDU-Bürgermeister der beiden Städte nicht. Eher wie sorgsame Hausväter. Bürgermeister - das Wort betonen die Leute hier auf »meister«. Paul Josef Possel-Dölken, ein gemütlicher, untersetzter Mann mit rotem Gesicht, weißen Haaren und weißem Bart, will noch die Ernte einfahren, bevor er nächstes Jahr für seinen Nachfolger Platz macht, nach 19 Jahren an der Spitze der Gemeinde Montabaur. Martin Richard, sein Kollege aus Limburg, spricht am liebsten Hessisch und entschuldigt sich für seinen alten Dienst-Mercedes. 200 000 Kilometer hat der schon runter, aber solange er läuft wie 'ne Eins, will Richard keinen neuen. Man ist sparsam. Über die hochfliegenden ICE-Pläne seiner Amtsvorgänger spricht er nicht so gern. 1000 Arbeitsplätze, die tatsächlich entstehen, sind ihm lieber als 10 000 auf bunt bedrucktem Prospektpapier. Bisher ist erst ein Unternehmen willens, auf dem ICE-Gelände zu investieren. Mehr als 50 Jobs dürfte das kaum bringen.

Nur noch 25 Minuten soll künftig die Fahrt von Limburg zum Frankfurter Hauptbahnhof dauern. Wer allerdings mit der Regionalbahn aus den Dörfern in die Kreisstadt kommt, muss dort am alten Bahnhof erst mal in einen Bus-Shuttle umsteigen. Der neue Bahnhof liegt drei Kilometer außerhalb der Stadt, und die Busse werden sich morgens und nachmittags über die verstopfte Bundesstraße B 8 in Richtung ICE quälen. Der wird kaum warten, wenn der Shuttle im Stau steckt. Den Bus-Service bezahlt die Bahn übrigens nur die ersten zwei Jahre, auf Probe.

Das größte Rätsel rankt sich allerdings um die entscheidende Frage: Wie oft halten die Züge eigentlich? Paul Josef Possel-Dölken hofft für sein Montabaur auf einen Halt pro Stunde in jeder Richtung. Das sei für fünf Jahre garantiert. Bei der Bahn will von einer solchen Zusicherung freilich niemand etwas wissen. Der Limburger Bürgermeister glaubt sogar an einen zweiten Halt pro Stunde in den Hauptpendlerzeiten. In der entsprechenden Vereinbarung zwischen Stadt, Land und Bahn ist dagegen nur von einem stündlichen Stopp in den Hauptverkehrszeiten die Rede, in den übrigen Zeiten werde der ICE alle zwei Stunden Station machen. Daran, lässt sich die zuständige Sprecherin der Bahn nach mehrmaligem Nachfragen immerhin entlocken, werde man sich wohl halten.

43 Minuten nach dem Start in Montabaur und und acht Zwischenstopps später erreicht der Zug endlich Limburg. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug, grob gerechnet, 28 Stundenkilometer. Unterwegs sind vier Fahrgäste eingestiegen. Wer demnächst mit dem ICE nach Frankfurt will, steigt hier in den Pendelbus um. Gemütlicher geht es mit der Regionalbahn weiter, über Lindenholzhausen, Niederbrechen, Oberbrechen. Da guckt auch niemand komisch, wenn die Pendler ihre Stullen auspacken.

Während die Bahn draußen auf Limburger Ackerland an ihrer Zukunft baut, macht sie sich gleichzeitig daran, direkt neben der alten Station ein Stück ihrer eigenen Vergangenheit abzuwickeln. 145 Beschäftigte des Ausbesserungswerks sollen gehen, 100 dürfen bleiben, vorerst. 1973 arbeiteten hier noch 1200 Leute. Das Durchschnittsalter der Bahnwerker liegt bei 48 Jahren. Es sind Schlosser, Schweißer, Schreiner. In den Computerfirmen, die sich um den neuen Bahnhof ansiedeln sollen, werden sie kaum eine Stelle finden.

Kaum jemand weiß, dass diese Männer hier in ihren ölverschmierten Overalls, Gesichter auf Halbmast, und der 300-Kilometer-Turbo dort draußen etwas gemeinsam haben. Hier, in diesem Werk, haben sie den Messwagen gebaut, der die neue Strecke vor der Inbetriebnahme prüfen, jeden Zentimeter Gleis per Laserstrahl abtasten wird. Bevor die Daten aus dem Messwagen nicht "o.k." signalisieren, fährt hier kein ICE. Da können die Bahnhöfe noch so schön sein.

»Der ICE kommt« verheißt die Fußmatte vor der Treppe zum Büro des Bürgermeisters von Montabaur. Symbole dürfen nicht fehlen. Im Limburger Rathaus gibt es keinen ICE-Teppich. Kein Modell des Bahnhofs. Nicht mal eine Broschüre. 42 Millionen Mark sollte die Station kosten, mittlerweile wurde auf die Hälfte abgespeckt. So mancher spricht schon von einem »überdachten Fahrradständer«.

Im nie erklärten ICE-Wettlauf zwischen Montabaur und Limburg liegen die Rheinland-Pfälzer vorn, obwohl einige Jahre später gestartet, immer einen Schritt voraus. Schließlich ist das Bahnhofsbauwerk dort fast fertig. »Wir wollten Vorsprung«, sagt Bürgermeister Possel-Dölken ganz ohne Häme, aber nicht ohne Stolz, »und das haben wir erreicht.«

Und Limburg? Den Bahnhof muss man sich auf der Baustelle dort hindenken, wo derzeit der größte Dreckhaufen emporragt. Zwei blaue Toilettenhäuschen stehen auch da, immerhin, und die Anfänge des Bahnsteigs. Nächstes Jahr im Dezember muss alles fertig sein. Schließlich will Bürgermeister Richard den ersten ICE nicht vor einem Baustellenklo empfangen.

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