Wenn man in dem 13 000-Einwohner-Städtchen Montabaur auf den dieselbetriebenen Schienenbus nach Limburg wartet, wundert man sich. Ein nagelneues Bahnhofskonstrukt, mit einem Dach aus Glas und Stahl, fast scheint es über den Gleisen zu schweben, und das alles nur für ein paar Bummelbahnen täglich?

Aber so ist es ja nicht. Die 27 Millionen Mark teure Station wurde für Größeres, Erhabeneres auf den Acker zwischen Stadt und Autobahn A 3 gewürfelt. Montabaur setzt zum Quantensprung an, startet vom Regionalbahntrott gleich durch ins ICE-Zeitalter. Ab Ende nächsten Jahres soll der ICE 3 hier auf seinem 58 Minuten kurzen Weg von Köln nach Frankfurt Halt machen. Oder er muss ein paar Minuten später in Limburg Station machen. In der 43 000-Einwohner-Stadt, nur 20 Kilometer südlich von Montabaur, entsteht auch ein ICE-Bahnhof - an derselben Schnellbahnlinie. Zumindest warten hier schon eine Menge Bagger auf den Baubeginn.

Zwei Schnellbahnhaltepunkte auf 20 Kilometern, zwei ICE-Bahnhöfe in der Provinz - jeder weiß, dass es hier um politische Erpressung geht. Dem hessischen Limburg hatte man den ICE-Halt schon Ende der achtziger Jahre versprochen. Der ICE-Bahnhof Montabaur war dann der politische Preis, den Rheinland-Pfalz für ein reibungsloses Schnellbahn-Genehmigungsverfahren einforderte. Ohne Montabaur hätte auf dem Territorium des Landes keine einzige ICE-Station gelegen, Rheinland-Pfalz wäre reines Transitland geworden. Das ging nicht, man schaute, was an der Strecke liegt - und fand Montabaur. Eine Kleinstadt. Nein, sagt Montabaurs Bürgermeister, »eine auf die Fläche gestreckte Großstadt«. Weil im Zeitradius von 30 Autominuten eine halbe Million Menschen wohnen. So kann man das auch sehen. Es lassen sich vernünftige Gründe finden, warum Limburg und Montabaur keine ICE-Bahnhöfe brauchen. Die Bahn selbst, allen voran Vorstandschef Mehdorn, hätte ihren neuen Super-ICE am liebsten ganz ohne Halt mit Tempo 300 durch Westerwald und Nassau rasen lassen. Schon Anfang der Neunziger meinte ein Vorstandsmitglied der Bahn mit Blick auf Limburg und Montabaur: »Ein Hochgeschwindigkeitszug kann nicht an jedem Baum halten.« Der Bund der Steuerzahler hat beide Bahnhöfe vor drei Jahren als »Fall von öffentlicher Verschwendung« in sein Schwarzbuch aufgenommen.

In der Limburger Lokalredaktion der Nassauischen Neuen Presse füllt der Vorgang »Schnellbahn« mittlerweile mehrere Leitz-Ordner mit ausgeschnittenen Artikeln aus 15 Jahren. Jeder Baufortschritt an der Strecke ist dokumentiert, jeder Tunneldurchstoß und natürlich der Schock für Limburg, als 1993 auch Montabaur den ICE-Zuschlag erhielt. Jedem war klar: Zwei Bahnhöfe sind einer zu viel. Man befürchtet bis heute, dass Montabaur und Limburg sich gegenseitig die Fahrgäste abjagen und auf Dauer keine von beiden Stationen rentabel zu betreiben ist. Doch dann gab es wieder Wichtigeres: Hügelgräber im Elzer Berg mussten erhalten werden, der Lubentiusbrunnen in Lindenholzhausen natürlich auch. Der Limburger Club für Wassersport von 1895/1907 befürchtete das Ende seiner 90-jährigen Ruderregatta-Tradition, weil die Bahn für ihre Trasse einen Brückenpfeiler mitten in die Lahn setzen wollte. Die Skuller sahen »große Gefahren für Zusammenstöße« und appellierten trotzig: »Unsere Leistungsruderer tragen den Namen der Stadt Limburg in die ganze Welt.« Die Bahn verzichtete auf den Pfeiler, was ein paar Millionen Mark extra kostete.

In all den Jahren wagte in beiden Städten kaum jemand, wirklich gegen die Bahnhöfe zu opponieren. Die Grünen ausgenommen, aber die waren sowieso gegen die Schnellbahn. Und Ursula Pape. Die resolute alte Dame, mittlerweile weit über 70, saß etliche Jahre für die Grünen im Limburger Stadtparlament, aber Frau Pape ist eben Frau Pape. Ihre Aktionsgemeinschaft gegen die Schnellbahn Köln-Rhein/Main e. V. - für eine ökologische Verkehrspolitik hat zwar inzwischen aufgegeben. Aber Frau Pape schreibt immer noch Briefe an Hartmut Mehdorn. Und mehrseitige Presseerklärungen, mit der Schreibmaschine und handschriftlichen Ergänzungen hier und da. Die Schnellbahn habe nichts mit Reisen zu tun, sagt sie, das sei »Menschentransport in einer Rohrpost«. Demnächst will sie die Texte ins Internet stellen. Der Herr Mehdorn schreibe nicht zurück, sagt Frau Pape. Ihr Brief, vermutet sie, sei vielleicht »nicht ganz ladylike« gewesen.

Jahrelang haben Montabaur und Limburg sich das ICE-Zeitalter schöngemalt, von Tausenden neuer Arbeitsplätze und Tausenden neuer Einwohner war die Rede. Montabaur steckt - mit Landeshilfe - 56 Millionen Mark in das Bahnhofsumfeld. Auch Limburg rechnet mit Jobs - vielleicht 3500, vielleicht auch 11 000. So versprach es der frühere Bürgermeister. Ein völlig neuer Stadtteil sollte auf der Eschhöfer Scholle gleich neben der ICE-Station wachsen, mit Hotels, Restaurants, Banken und Geschäften. Ein namhafter Architekt nannte das Münchner Olympiastadion und die Oper in Sydney als Vorbilder. »Man muss nach den Sternen greifen«, sagte der Mann und sprach von einem »Stück Präriestadt« als städtebaulichem Leitbild. Die Limburger hörten das gern.

Wie kühne Visionäre wirken die CDU-Bürgermeister der beiden Städte nicht. Eher wie sorgsame Hausväter. Bürgermeister - das Wort betonen die Leute hier auf »meister«. Paul Josef Possel-Dölken, ein gemütlicher, untersetzter Mann mit rotem Gesicht, weißen Haaren und weißem Bart, will noch die Ernte einfahren, bevor er nächstes Jahr für seinen Nachfolger Platz macht, nach 19 Jahren an der Spitze der Gemeinde Montabaur. Martin Richard, sein Kollege aus Limburg, spricht am liebsten Hessisch und entschuldigt sich für seinen alten Dienst-Mercedes. 200 000 Kilometer hat der schon runter, aber solange er läuft wie 'ne Eins, will Richard keinen neuen. Man ist sparsam. Über die hochfliegenden ICE-Pläne seiner Amtsvorgänger spricht er nicht so gern. 1000 Arbeitsplätze, die tatsächlich entstehen, sind ihm lieber als 10 000 auf bunt bedrucktem Prospektpapier. Bisher ist erst ein Unternehmen willens, auf dem ICE-Gelände zu investieren. Mehr als 50 Jobs dürfte das kaum bringen.