G L O B A L I S I E R U N G Manu Chao und Tränengas

Die Erfahrungen von Genua werden den Globalisierungskritikern neuen Schub verleihen

Genua

Das Blut von Carlo Giuliani auf dem Asphalt der Piazza Alimonda war noch nicht getrocknet, da hatte schon jemand zur Farbdose gegriffen und das Straßenschild übersprüht: Piazza Carlo Giuliani. Bereits zwei Tage nachdem der 23-Jährige erschossen wurde, waren in Genua Poster mit dem Bild seiner Leiche zu haben. Und es dauerte nur vier Tage, bis in Athen ein Brandanschlag verübt wurde, zu dem sich eine Gruppe Carlo Giuliani bekannte.

Die Globalisierungskritiker feiern ihren ersten Märtyrer. Der Sohn eines Gewerkschaftsfunktionärs hat die Fabel von Gut und Böse vollendet, wie sie sich kein Dichter besser hätte ausdenken können: Die acht mächtigsten Männer der Erde treffen sich, und weil das Volk das nicht gutheißt, verkriechen sie sich in einer Zitadelle. Draußen rennen die Guten gegen die Mauern an, und ein tapferer Jüngling wird getötet von den Wachen der Könige.

Die Wahrheit ist komplizierter, aber das wollen die Guten nicht hören. Bernard Kouchner, der frühere Vorsitzende der Organisation Ärzte ohne Grenzen und heutige französische Gesundheitsminister, glaubt, "da bahnt sich ein weltweiter Mai 68" an. Genua 2001: War das die Geburtsstunde einer neuen linksradikalen Bewegung? Gar einer neuen Rote-Armee-Fraktion? So weit muss man nicht gehen, aber klar ist, dass die Ereignisse von Genua die Globalisierungskritiker geeint und gestärkt haben.

Protestbewegungen brauchen neben einem gemeinsamen Ziel vor allem zweierlei: Sie müssen die unterschiedlichsten Menschen zu kollektivem Handeln mobilisieren können, dabei hilft besonders die Frontstellung gegen einen gemeinsamen Gegner. Sie brauchen zum anderen - und seien es nur eingebildete - Erfolgserlebnisse, um ihrer Bewegung Auftrieb und Halt zu geben. Der G-8-Gipfel des Jahres 2001 brachte beides.

Kollektiverlebnis: Schätzungsweise 200 000 Demonstranten aus ganz Europa versammelten sich in Genua. Der Gipfel wird in den Legendenschatz der Bewegung eingehen: Weißt du noch, wie wir mit dem Bus fünf Stunden an der Grenze warten mussten und nicht aussteigen durften? Erinnerst du dich, wie wir mit erhobenen Händen, nur durch unsere Masse die Polizeiketten zurückgedrängt haben? Oder an das Manu-Chao-Konzert? Und krass war doch, wie sie uns aus Hubschraubern mit Tränengas beschossen! Ein Brokdorf-Erlebnis. Oder auch ein "Wir sind das Volk!"-Erlebnis.

Genua wird die diffuse Bewegung einen. Daran ändern auch die gewalttätigen Straßenkämpfer nichts, die dem Protest ihren Stempel aufgedrückt haben. Auch diejenigen Demonstranten, die militante Aktionen ablehnen, waren außer sich, als sie hörten, dass Carlo Giuliani von einem Carabiniere erschossen und hinterher noch von einem Polizeijeep überfahren wurde. Die maßlose Staatsgewalt auch gegen friedliche Gipfelgegner, vor allem der brutale Sturm zweier Schulen in der Nacht zum Sonntag, hat die Reihen gegen den gemeinsamen Feind geschlossen. So schrieb ein gewaltkritischer Demonstrant hinterher in einem Internet-Forum: "Dieser Angriff ist auch deswegen so bezeichnend, weil er noch einmal klarmacht, ... der Staat beantwortet erfolgreichen Widerstand auf jeden Fall mit Gewalt; ob er gewaltfrei oder gewalttätig ist, spielt keine Rolle, ebensowenig, ob er legal ist oder nicht."

Erfolge: Als Samstagabend nach der Großdemonstration im deutschen Camp die Zelte abgebaut werden, ist die Stimmung freudig entspannt. Ein Mädchen mit kurz geschorenen Haaren schwärmt, wie "geil" und "supersolidarisch" die Stimmung gewesen sei. Die Nachrichten melden, dass die nächsten G-8-Gipfel in bescheidenerem Rahmen stattfinden sollen. Jemand hat in der FAZ gelesen, dass Berlusconi künftig auch die Gewerkschaften an den Tagungstisch bitten will. Allein dafür, ist man sich einig, hätten sich die Proteste gelohnt.

Mehr noch: Seit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus 1989 hatte die neoliberale Wirtschaftstheorie nahezu unangefochten den Ton vorgegeben, war es überhaupt nicht chic, nach den Schattenseiten von Globalisierung, Flexibilisierung und Rationalisierung zu fragen. Nun aber etabliert sich wieder ein linker, antikapitalistischer Diskurs, der bis weit in die Bevölkerung hinein Sympathie findet. Im heißen Genua reichten Anwohner Wasserflaschen in den Demonstrationszug - nachdem der "Schwarze Block" ganze Straßenzüge verwüstet hatte.

In Deutschland haben sich in einer Meinungsumfrage zwei Drittel der Bevölkerung auf die Seite der Protestierer gestellt. Es ist sicher kein Zufall, dass die Bild-Zeitung vergangene Woche zu Forderungen der Arbeitgeberverbände nach einer 40-Stunden-Woche die Titelzeile wählte: Bosse wollen, dass wir wieder länger schuften. Gerhard Schröder - bekannt für sein feines Gespür für die öffentliche Meinung - bekundete kürzlich demonstrativ seine Abneigung gegen "amerikanische Verhältnisse" auf dem deutschen Arbeitsmarkt, aus der "Erkenntnis, dass das nicht gut ist".

Es ist gerade vier Wochen her, dass der Spiegel einen Text über die Globalisierungskritiker mit dem Urteil überschrieb: "Sie haben kein Konzept." Vergangenen Montag dann erhob das Magazin den Kampf um den Globalkapitalismus zum Titelthema. Über dem Haupttext stand nun: "Eine neue, erstmals wirklich internationale Protestgeneration heizt Politikern und Konzernchefs ein - und zwar zu Recht."

Gewalt macht mobil

Die Globalisierungskritiker sind im Aufwind, und der radikale Flügel hat ihr Anliegen in die Schlagzeilen gebracht. Erinnert sich noch jemand an den Weltwirtschaftsgipfel vor zwei Jahren in Köln? Damals hatten 40 000 Protestierer friedlich für dieselben Ziele demonstriert wie jetzt in Genua - große Aufmerksamkeit wurde ihnen nicht zuteil. Fünf Monate später gingen etwa genauso viele Menschen in Seattle auf die Straße, es kam zu schweren Ausschreitungen. Die Folge: Seattle ging als Geburtsort der Antiglobalisierungsbewegung in die Geschichtsbücher ein. Es ist immer so: Brennende Autos faszinieren die Medien, geplünderte Bankfilialen generieren politischen Druck. Gewalt, kein legitimes Mittel in politischen Auseinandersetzungen, hat die Mobilisierung sozialer Bewegungen schon oft vorangetrieben. Der Ex-Hausbesetzer Joschka Fischer und der Ex-Atomkraftgegner Gerhard Schröder könnten viel darüber erzählen.

Seit Genua wird die Gewaltfrage in der Bewegung intensiver denn je debattiert. Im Internet gibt es Dutzende von Newsgroups zum Thema, mit www.indymedia.org hat sich die Bewegung ein Zentralorgan geschaffen. Während der Gipfeltage konnte man dort nachlesen, welche Demonstration sich gerade wohin bewegt, wo die Polizei zugreift. Jeder kann auf der Seite Kommentare abgeben, und die Wellen zwischen Radikalen und weniger Radikalen schlagen hoch: Eine kanadische Soziologieprofessorin vergleicht die italienische Polizei mit der SS, Andreas Baader wird zitiert und Gedichte von Bertolt Brecht. Ein Autor meint, es sei nicht in Ordnung, kleine Geschäfte zu attackieren, man solle sich auf Banken konzentrieren. Ein anderer mokiert sich: "Der ästhetische Reiz einer splitternden Bankscheibe ist seit den Sechzigern nun wirklich entleert. Sowas passiert auch in furchtbar rebellischen MTV-Videos."

"Newcomer" erkundigt sich, wann und wo die nächste Demo sei, er freue sich schon auf "ein bisschen CS-Gas". Darauf antwortet "Engel": "Aus diesem Beitrag kann ich eigentlich nur eine Schlussfolgerung ziehen: Der schwarze Block ist nicht Teil der Globalisierungsgegner. Verpisst Euch!" Ein "Beobachter" fordert: "Mir scheint eine Spaltung wichtig: Auf der einen Seite die normalen Protestgruppen (gewaltlos), die auch noch in der Gesellschaft verankert sind - und auf der anderen die gewaltbereiten Kämpfer gegen alles Böse auf der Welt. Grenzt euch bloß voneinander ab!"

Irgendwann ruft jemand mit dem Kürzel "-jah" dazwischen: "Verdammt! Da ist ein Mensch gestorben und wir alle (ich mache da bei mir keine Ausnahme) machen uns Gedanken darüber, wie das am besten unserer Sache dient ... Scheiße!! Hab' keine Lust mehr weiterzuschreiben. Fühl' mich auf einmal ziemlich armselig & beschissen."

 
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  • Schlagworte Globalisierung | Florenz
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