A R C H I T E K T U R Rekonstruktion der Trauer

Ein Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wäre ein Denkmal der Geschichtslosigkeit

Bekommt Berlin sein Stadtschloss zurück? Die Regierungskommission Historische Mitte Berlin immerhin hat eine vorsichtig formulierte Tendenz zu einer vorsichtigen Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses zu erkennen gegeben. Ob so viel Vorsicht am Ende in ein Gebäude münden wird, das irgendeine und sei es vage Ähnlichkeit mit dem von Ulbricht geschleiften Palais hat, weiß noch niemand zu sagen. Der Bundestag wird darüber diskutieren, ein Wettbewerb muss ausgelobt werden; gewiss ist nur, dass viele in der Tat große Hoffnung auf eine solche Rekonstruktion setzen und sich Heilung des heillos öden Ortes gegenüber der Museums-insel versprechen (siehe ZEIT Nr. 30/2001).

Es fragt sich allerdings, ob solche Hoffnung zu Recht besteht. Auf der gedachten Skala zwischen originalgetreuem Wiederaufbau einerseits und bloßer Wiederherstellung des Baukörpers mit modernen Mitteln andererseits sind viele Zwischenstufen denkbar. Aber weder ein Kompromiss noch eine der beiden Extremlösungen wird zurückbringen, was die Geschichte zerstört hat. Manches spricht sogar dafür, dass der Versuch der Heilung erst recht die Wunde, und zwar eine doppelte, aufrufen wird.

Warnung vor Neuschwanstein

Der leere Platz, den wir heute haben (nur ein Eckchen besetzt der Palast der Republik), dokumentiert den Verlust und nichts weiter; über ihn kann jeder denken wie er will, mit kleinbürgerlichem Triumph meinetwegen (über die besiegte Junkerkaste) oder mit aristokratischer Elegie (dass mit den beiden deutschen Diktaturen auch die Zeugnisse einer besseren Vorvergangenheit getilgt wurden). Wo nichts oder nichts Ähnliches ist, wird auch kein Geschichtsbild vorgeschrieben.

Anders, wenn Ähnlichkeit, und sei sie nur geometrisch, versucht wird. Auch ein schlossähnliches Gebäude wird das Schloss nicht wiederbringen, es wird den Verlust ebenfalls festschreiben, aber neben dem Verlust wird es noch die Trauer über den Verlust dokumentieren und die Unfähigkeit, ihn auszuhalten. Ein solches Gebäude würde zwar zu uns sprechen, aber was würde es sagen? Es wäre besser, würde es sagen, wenn ich das Schloss wäre, aber ich bin es leider nicht. Ich bin nur ein Imitat, in dem sich der Verdruss meiner Erbauer über ihre Vergangenheit verdichtet hat.

Insofern würde auch das Zwiegespräch mit dem Bürger misslingen, von dem die Schlossverfechter sich erträumen, dass es die Historie in den Stadtraum zurückbringt. Wo die so genannte Elisabethwohnung gewesen sei, nämlich die Gemächer von Friedrichs II. verschmähter Gemahlin, würde der Bürger vielleicht fragen, der an der wiedererstandenen Fassade hochblickt. Aber diese, aus modernem Beton gefertigt und nur mehr oder weniger historisch getreu dekoriert, würde stumm bleiben, denn nichts an ihr und nichts hinter ihr würde in irgendeiner Weise verbunden sein mit einer wirklichen Vergangenheit, in der eine wirkliche Königin ihr einsames Leben geführt hat. Für die historische Reminiszenz wäre der Ort nicht geeigneter als heute, da der Bürger irgendwo in der Ödnis den Finger erhebt und im Äther eine berühmte Zimmerflucht imaginiert. Aus dem Umgang mit Kindern weiß im Gegenteil jeder, dass Leere die Fantasie stärker beflügelt als irgend ein Surrogat; in einem Steinchen, über den Tisch geschoben, lässt sich das Auto leichter sehen als in dem Automodell, dem zum Original die Schaltung, die beweglichen Türschlösser, im Grunde ebenfalls fast alles fehlt.

Das Authentische mag in erkenntnistheoretischer Hinsicht durchaus ein fragwürdiger Begriff sein; und tatsächlich sähen wir das Schloss, wenn es noch da wäre, mit anderen Augen als seine Erbauer an. Jedes historische Gebäude wandelt sich durch die Zeiten; so wie sich das Bewusstsein der Zeitgenossen wandelt. Aber in psychologischer Hinsicht ist das Authentische kein Fetisch; denn hier entscheidet das Wissen darum, dass es sich, wenn auch die Perspektive wechselt, um materiale Identität handelt. Es muss ein objektives Band geben, dass den Gegenstand unserer Betrachtung mit der Geschichte verknüpft; andernfalls gerät der Mensch in eine Endlosschleife zeitgenössischer Fantasien. In einem rekonstruierten Schloss käme ihm nicht das historisch Fremde entgegen, das er sich anzueignen versucht, sondern etwas schon Angeeignetes, das ihm als Fremdes gegenüberzutreten behauptet, damit er es sich nochmals aneignet.

Ein Begriff von Geschichte lässt sich daraus genauso wenig gewinnen wie aus Neuschwanstein beispielsweise die Anschauung einer Ritterburg; was sich in Neuschwanstein aber sehr wohl lernen lässt, ist der Begriff, den das 19. Jahrhundert vom Mittelalter hatte. Wenn wir das Hohenzollernschloss in Berlin mehr oder weniger ausführlich rekonstruierten, könnten wir also unseren eigenen Begriff preußischer Geschichte zur Anschauung kommen lassen: Wir könnten staunend miterleben, was wir so alles, Törichtes oder Kitschiges, derzeit davon denken. Aber wäre es wirklich wünschenswert, diese unsere Fantasien in Beton zu gießen, die dadurch doch an historischer Wahrheit nichts gewönnen?

Es wäre freilich eine Demonstration von Selbstbewusstsein, von selbstgewisser Aneignung der Tradition. Manches spricht aber dafür, dass wir von diesem Selbstbewusstsein mehr als genug haben; am Willen, uns die Geschichte nach den seelischen Bedürfnissen der Gegenwart zuzurichten, mangelt es ganz entschieden nicht, und gerade die Schlossdebatte hat davon Zeugnis abgelegt. Die Gegner des Wiederaufbaus haben von einem demokratiefeindlichen Symbol gesprochen, das Monarchie und Junkertum im Zentrum der Republik feiere; die Anhänger von der notwendigen Rückeroberung einer Vergangenheit, die von dem Gedenken an die Schrecken des Hitlerreiches verschüttet sei. Beiden ging es erkennbar nicht um Geschichte, sondern um die Durchsetzung des je eigenen Geschichtsbildes.

Es waren Politik und übrigens auch Geschäftsinteressen, die sich hier artikulierten; wer wollte es den Architekten vorwerfen, wenn sie sich um eine schöne Bauaufgabe sorgten, die sie nicht an die Geschichte verlieren wollten? Ideologisch war allerdings ihr Argument, dass eine Schlossrekonstruktion undemokratisch sei; denn dass auch moderne Architektur autokratischen Regimen dienstbar ist, zeigt schon der Palast der Republik nebenan. Aus dem Ideologischen der gegenwärtigen Bedürfnisse kommen andererseits auch die Schlossfreunde nicht heraus, die sich auf Schönheit berufen; das Architekturschöne ist nur scheinbar ein unpolitisches Kriterium. Was für schön gehalten wird, ist nicht zuletzt eine Frage dessen, was zur Anschauung gebracht werden soll. Darum enthält der Wunsch nach dem Schloss oder etwas Schlossähnlichem auch eine politische Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen; denn es ist ja keine anthropologische Konstante, Säulen und Kranzgesims für hübscher zu halten als einen glatt gläsernen Kubus. Der Streit ums Schloss war kurzum ein Streit der Gegenwart um die Gegenwart, mit der Geschichte hatte die Debatte nur insofern zu tun, als sie ihre beliebige Instrumentalisierung vorführte.

Triumph der Gegenwart

Und warum auch nicht? Warum sollte der Streit um die Gegenwart (nicht unverwandt den Querelles des anciens et des modernes des 18. Jahrhunderts) sich nicht auf dem Schlossplatz ein Denkmal setzen? In dem Maß an historischem Dekor, das ein Gebäude dort schließlich aufwiese, ließe sich auch das Maß an historischer Reminiszenz ablesen, das wir heute offenbar (oder offenbar nicht) für bekömmlich halten. So könnte man es sehen. Tatsächlich aber wäre, wenn man das Geschichtsbedürfnis der Gegenwart entscheiden ließe, die totale Verdunkelung jeder Geschichtskenntnis erreicht. An einem zentralen Ort deutscher Historie würde unsere Zeit ein Zeugnis ihres absoluten Desinteresses dokumentieren, auch nur in Ansätzen zu verstehen, was ihr voraufgegangen ist und wie sie wurde, was sie ist.

Die Gegenwart, wenn sie sich den beliebigen Zugriff auf die Vergangenheit gestattet, entzieht auch ihr eigenes Selbstverständnis jeder Geschichtlichkeit, sie wäre nicht nur ohne Vergangenheit, sondern auch ohne Zukunft. Das, was am Schlossplatz schließlich in Beton gegossen würde, wäre nicht das Schloss, sondern die zeitgenössische Bornierung. Es wäre nicht einmal ein Denkmal der Restauration; denn niemand könnte das über die Jahrhunderte gewucherte Bau-Ensemble nachschaffen. Es wäre nur die Simulation einer Fassade, die uns gerade gefällt, und als solche ein Denkmal buchstäblichen Konservatismus: nämlich der Bewahrung unseres Zeitgeschmacks.

 
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