W I S S E N S C H A F T E N Wie im Labor das Neue entsteht

Ein Biologe und Philosoph spannt eine Brücke zwischen Kultur- und Naturwissenschaften: Hans-Jörg Rheinberger über ein prominentes Molekül und die Frage, was eigentlich Experimente sind

Ein Molekül ist die Hauptfigur, ein Molekül, das heute auf den Namen Transfer-RNA hört. Müssten wir nicht lieber von Genetik sprechen, um das allgemeine Interesse zu wecken? Von der wissenschaftlich erzeugten Zukunft des Menschen? Zumindest von Krebsforschung? Nun, ursprünglich tauchte unser Molekül tatsächlich in der Krebsforschung auf, und in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde es in der Tat zum zentralen Baustein der molekularen Genetik, zum "Werkzeug der Entschlüsselung des genetischen Codes". Das Molekül verdient also Aufmerksamkeit.

Der Biologe, der dieses Buch in zehnjähriger Arbeit verfasste (und heute das Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte leitet), ist derselbe Mann, dem wir, zusammen mit dem Schauspieler und Schriftsteller Hanns Zischler, die Übersetzung eines philosophischen Hauptwerks aus dem Französischen ins Deutsche verdanken: der Grammatologie von Jacques Derrida (wer jenes Werk je auch nur aufschlug, muss Respekt vor seinen Übersetzern gefasst haben). Und eben bei Derrida sind für das Buch über unser Molekül manche Instrumente der Analyse entliehen.

Derrida und das Transfer-RNA-Molekül: Es gäbe keinen Weg vom einen zum andern? Doch. Jeder darf sich durch die Arbeit dieses Autors zeigen lassen, dass eine Brücke von den Natur- zu den Humanwissenschaften führt, auf der sich sogar intellektuelle Kunststücke aufführen lassen. Darf sich auch überzeugen, dass Wissenschaft in Deutschland nicht provinziell sein muss: Die jüngst im Wallstein-Verlag erschienene Studie über das Experiment hat zunächst den Weg ins Englische gefunden, dann - ohne erkennbare Verluste - zurück ins Deutsche, und sie verdankt sich spürbar einem wissenschaftlichen Gespräch, das rund um die Welt geführt wurde.

Herstellung von Zukunft

Hans-Jörg Rheinberger also hat eine Studie über Experimentalsysteme und epistemische Dinge verfasst, in der er sich der Geschichte, der Epistemologie des modernen Experimentierens widmet. Genauer, dem Experiment an der Schwelle zur Ära der Molekularbiologie, noch genauer: Er untersucht anhand vielfältiger - mündlicher und schriftlicher - Quellen das Labor von Paul C. Zamecnik und seinen Mitarbeitern in Harvard zwischen 1947 und 1962.

Inspiriert durch die Autobiografie des Pariser Biologen und Nobelpreisträgers François Jacob, auch durch die Wissenschaftstheorie Bruno Latours, aber eben nicht minder durch die zeichentheoretische Philosophie Jacques Derridas, fragt Rheinberger nach den Prozessen, durch die wissenschaftliche Gegenstände hervorgebracht werden, fragt also nach der Verknüpfung des Forschungsobjekts mit den Bedingungen seiner Untersuchung. "Objektivität" im hergebrachten Wortsinn interessiert Rheinberger nicht, sondern stattdessen die Frage, wie die Dinge ihre Gestalt als Forschungsobjekte bekommen und wie die Zeichen der Wissenschaft ihre Bedeutung entfalten.

So ist ein Buch entstanden, dessen glänzende Wissenschaftsprosa man zwar Satz für Satz lesen muss und das doch erstaunlich leicht zu verstehen ist, wenn man sich die - vom Autor ausdrücklich erteilte - Lizenz nimmt, immer wieder Passagen zu überblättern, die eben nur für den Philosophen oder nur für den Biologen aufschlussreich sind, und wenn man das umfangreiche Sachwortregister zu Rate zieht, das einem die Fachtermini entschlüsselt.

Die Passagen zum Fortgang des Geschehens im Labor wechseln sich mit Kapiteln wissenschaftstheoretischer Überlegungen ab. Im Grunde sind es zwei Bücher geworden, kunstvoll verwoben zu einem. Von fern erinnert diese Technik an diejenige Goethes in der Geschichte der Farbenlehre, die ebenso intermittierend verfuhr, in historischen und theoretischen Abschnitten, vorgreifend und zurückverweisend, um die Offenheit, die Brüche und Sprünge, die Deutungsbedürftigkeit des nur vermeintlich geradlinigen Fortschrittes darstellerisch umzusetzen. Auch Goethes Theorie des Experiments gehört übrigens ausdrücklich zu Rheinbergers Quellen der Inspiration. Im Ergebnis sieht man seiner Studie - trotz mancher Wiederholungen, die das Lektorat besser gestrichen hätte - die Arbeit kaum an, die es bedeutet, vermeintlichen Tatsachen ihre Relativität zurückzuerstatten.

Was zeichnet nun ein Experimentalsystem aus? Rheinberger lässt Zamecnik die alte Anekdote erzählen: "Es war einmal ein Mann, der wollte sich einen neuen Bumerang zulegen. Aber er schaffte es nicht, seinen alten wegzuwerfen." Anders gesagt: Der Forscher bekommt es beim Experimentieren immer wieder mit der Eigenart seiner Anordnung zu tun. Nicht in Einzelexperimente ist der Forscher verstrickt, die eine Bestätigung oder Widerlegung der Ausgangshypothese ergäben, sondern vielmehr in "Maschinerien zur Herstellung von Zukunft" (François Jacob): Sie geben noch unbekannte Antworten auf Fragen, die der Forscher selbst noch nicht klarstellen kann. Sie sind Mischwesen aus sozialen, institutionellen, technischen Faktoren, von denen keiner allein determinierend wirkt.

Und was sind die "epistemischen Dinge", denen Rheinbergers Interesse gilt? Sie sind die Gegenstände, um die sich das Wissen bemüht, ob als Objekte oder als Strukturen oder Funktionen. Sie sind das Unbekannte, das Unklare, das Zweideutige, kurz: "das, was man noch nicht weiß". Weswegen eben eine doppelte Geschichte zu erzählen ist: die des Unbekannten zum einen, hier als Fallstudie angelegt, und zum anderen die des Umgangs mit dem Unbekannten, hier als eine Beschreibung des Experimentierens formuliert. Eine Theorie soll es nicht sein, sagt der Autor, aber es ist doch eine theoriedurchtränkte Beschreibung geworden.

Die Fallstudie, welche die Entstehungsgeschichte der molekularen Biowissenschaft in Zamecniks Labor zeichnet, widmet sich nun buchstäblich mikroskopisch dem Prozess, der mit Gewebeanalysen außerhalb des lebenden Tiers, an der Rattenleber, beginnt, um herauszufinden, welche Rolle die Enzyme bei der Proteinsynthese spielen, und zwar in normalem beziehungsweise in Tumorgewebe. Die Experimente ergaben zunächst nur, dass die Proteinsynthese in Tumorgewebe schneller verlief als in normalem, ohne dass man gewusst hätte, warum. Rheinberger zeigt nun Detail für Detail, wie sich, aus der Sackgasse heraus, eine Verschiebung der Forschungspraxis vollzieht und nach und nach die biochemische Perspektive an die Stelle der Krebsforschung tritt - bis daran gearbeitet wird, unter welchen Bedingungen der zellfreie Einbau von Aminosäuren in die Proteine normaler Zellgewebe gelingt. Vorläufig. Immerfort muss das spezifisch Andere und Neue hervorgebracht werden, um das Forschungssystem nicht erstarren zu lassen.

Es ist ebendieses Generieren von Differenzen statt von Übereinstimmungen im Experimentalsystem, das Rheinberger dazu führt, hier eine Analogie zu Derridas Verständnis von Dekonstruktion zu erkennen. Denn indem Forschung notwendigerweise offen sein muss für das neue Ereignis, erfährt sie in der Praxis Verschiebungen, Verrückungen, die Derridas différance, jenem Generator des Anderen - auch einer Maschinerie zur Herstellung von Zukunft -, tatsächlich gleichen. Ein Beispiel: die Verlagerung des Forschungsinteresses ab 1952, indem ein bisher prominenter Aspekt des Experiments - der "lösliche Faktor" Siekevitz' - in ein Hindernis uminterpretiert wurde. Die Perspektive hatte sich verschoben. Dies wiederum öffnete eine Vielfalt neuer experimenteller Spielarten.

In der Folge erweiterte sich der experimentelle Raum auch technisch erheblich: um verschiedene Ultrazentrifugen, das Elektronenmikroskop, die radioaktive Markierung und andere Verfahren mehr. Auch diese Weiterungen sind daran beteiligt, dass sich eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Theorie und Wirklichkeit nicht treffen lässt, dass auch die Objekte und ihre Repräsentationen untrennbar ineinander verschlungen sind: Repräsentationen im dreifachen Sinne der Verkörperung, der Stellvertretung und der Realisierung von etwas. Immer hat die Darstellung Teil am Gegenstand, immer ist der Gegenstand auch etwas anderes als er selbst.

Und Fragen verwandeln sich in unerwartet andere, man lasse sich von den Fachtermini nicht schrecken und genieße den Fluss der Darstellung: "Die Frage beispielsweise, wie die Energie in den Prozeß der Proteinsynthese hineinkommt, verwandelte sich nacheinander in die Frage nach der Sauerstoffabhängigkeit des Systems, seiner Hemmung durch DNP, seiner Stimulation durch ein mitochondriales Sediment, in die Suche nach einem mitochondrialen Faktor und schließlich in die Zufügung von ATP, um nur einige der Umwandlungen zu erwähnen ..." Es ist bisweilen, als zöge der mythische Verwandlungsgott Proteus durch Rheinbergers klare Darstellung. Proteus, der alles der Reduktion auf ein statisch Gültiges entzieht und alles übersetzt in die Offenheit künftiger Formen.

Experten für Überraschungen

Rheinberger weiß wohl, wie sehr seine Überlegungen dem Alltagsverständnis entgleiten, und umso mehr bemüht er sich, sprechende Aperçus der Wissenschaftstheorie zur Erhellung heranzuziehen: etwa das Wort von Gaston Bachelard, die zeitgenössische Wissenschaft denke "mit(ten)/in ihren Apparaten". Auch Rheinberger selbst formuliert Sätze dieser Einprägsamkeit: "Das Neue kommt gerade nicht durch die dafür vorgesehene Pforte, sondern durch den unvorgesehenen Riss in der Wand." Und immer wieder ist es François Jacob, der anschaulich macht, was beim Experimentieren vor sich geht: "Aber schon interessierten mich die Erkenntnisse nicht mehr, zu denen wir gekommen waren. Wichtig war nur, was wir mit diesem Instrument weiter erreichen konnten."

So ist ein Stück Wissenschaftsgeschichte entstanden, das aus dem Missglückten Funken zu schlagen versteht und in der Forschungssackgasse die Vielfalt der Alternativen erkennbar werden lässt. Das die unvorhergesehene Richtung eines Forschungsverlaufs interessanter findet als die fördermitteltaugliche Deklaration von Absichten und das im Heterogenen, im widerspenstigen Detail den Rohstoff der Entdeckung sichtbar macht.

Manchmal geht in dieser Studie die philosophische Belesenheit mit dem Autor durch (wenngleich man keinen seiner Bezüge etwa auf Heideggers Vorstellung von Forschung missen möchte), manchmal ist auch die Anstrengung nicht zu verkennen, mit der Rheinberger die philosophische Satisfaktionsfähigkeit der Biologie unter Beweis stellt. Und oft wünscht man sich, er hätte sich bei François Jacob auch vom Reiz der biografischen, der psychologischen Perspektive auf Forscherentscheidungen überzeugen lassen.

Denn es sind Forscher fast ohne Gesicht und fast ohne Geschichte, die diese Studie bevölkern. Gewiss, Rheinberger sagt es ja klar, seine Studie sei nicht "an wissenschaftssoziologischen Kategorien wie Akteuren, Interessen, Politik, Macht und Autorität ausgerichtet", aber dieser Verzicht hat seinen Preis. Wer einmal Jacobs Autobiografie las, dem sind manche Sätze unvergesslich als Schlüssel zum Verständnis naturwissenschaftlicher Forschung: "Ich wollte Beachtung erregen, aber wieder nicht auffallen", schrieb der Nobelpreisträger etwa über die Dialektik von Eitelkeit und Schüchternheit, die ihn in die Wissenschaft trieb. Ebenso einprägsam die Sätze über die kindliche Lust am Spielen, die ihn im Labor bestimmte: "Die Welt erforschen. Spielen. Was immer einem einfällt, gleich ausprobieren. Einfach so. Um zu sehen. Jedes zehnte, jedes hundertste Mal gelingt's. Genug, um einem Erfolgsgefühl, eine Empfindung von Macht zu vermitteln." Oder die Sätze über die Angst vor der Vergänglichkeit: "Was man aus dem Denken nicht verbannen kann, ist die Angst davor, Angst zu haben, der Widerwille, widerwärtig zu werden."

Auch die Kuriosität des Forschens, die Dramen des Kuriosen, entgehen notwendigerweise Rheinbergers Blick. Als unlängst im Regensturm über Texas auch das Krebsforschungszentrum Houstons im Wasser versank, so erzählt man sich dort, wurden des Nachts Professoren im Taucheranzug gesehen, die in die überschwemmten Keller hinabstiegen, um von den ersoffenen transgenen Mäusen zu retten, was noch zu retten war: ein bisschen DNA, ein paar Daten, die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung. Der Naturkatastrophe wollten sie abringen, was sie über die Natur doch herausgefunden hatten: ein Bild vom Scheitern der Anstrengung, das über das Forschen vielleicht beredter Auskunft gibt, als die Philosophie Derridas es vermag. Das wissenschaftliche Labor, so hat es Bruno Latour beschrieben, hat seine Wände heute ausgedehnt auf die ganze Natur und die ganze Welt. Wirbelstürme machen vor der Forschung nicht Halt.

Und unser Transfer-RNA-Molekül, das am Ende der langen Geschichte aus Brüchen, Verschiebungen und Überraschungen auf der Welt war, ohne aus seinen Vorläufern entstanden zu sein, wie es die großen molekularbiologischen Erzählungen doch nahe legen wollten? Da war es also in die Laborwelt gekommen, vierzig Jahre ist es her, umgeben von Experten für Überraschungen, die geradezu sympathisch wirken in ihrer Bereitschaft zur Unsicherheit. Da stand das Molekül vor einer Zukunft, die ungewiss war. Und die Ungewissheit immerhin haben wir, unserer hartnäckigen Lust auf Sicherheiten durch wissenschaftliche Versprechen zum Trotz, mit jenen Forschern und unserem Molekül gemeinsam. Ein überraschender Trost.

 
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