Vielleicht würde es sogar in Teilen wieder ein lautes Gespräch zwischen uns. Möglicherweise würde er auch schnell wieder zum "Sie" kommen in der Anrede, was er immer tat, wenn er meinetwegen wütend wurde. Aber ich habe diese Ahnung: Es wäre für mich eines der schönsten Gespräche.

Vermutlich kämen wir schnell zu unserem Lieblingsthema, dem "Hurrafußball". So nenne ich jene Art, Fußball zu spielen, als gäbe es kein Morgen. Die Gladbacher "Fohlen-Elf" war damals bekannt dafür, dass sie, Himmelsstürmern gleich, auf dem Spielfeld rannte und rannte. Weisweiler gab uns diesen Auftrag. Und vielleicht war es wirklich so: Wir spielten den schönsten, den unerhörtesten Fußball. Alle Welt lobte uns, selbst auf den gegnerischen Plätzen hagelte es Komplimente. "Ihr seid die beste Mannschaft, die je hier gespielt hat!", hieß es - wenn wir wieder einmal mit fliegenden Fahnen untergegangen waren und ganz einfach nach Toren verloren hatten.

Mein Gott, was haben wir deshalb in der Kabine gestritten! Meist bei den Mannschaftssitzungen, die Weisweiler dann am Sonntag anberaumte. Kein Fußballspieler kann 90 Minuten lang rennen! Man muss den Rhythmus zwischendurch auch wechseln dürfen! So redete ich oft, denn ich war einer der Wortführer. Der Trainer hörte es sich zumeist schweigend an, wenn wir seine Methoden wieder infrage stellten. Aber dann ging er auf mich los: "Also, Herr Netzer, von Ihnen lasse ich mir meinen guten Namen nicht kaputtmachen, von Ihnen nicht!"

Wir hatten kein besonders freundschaftliches Verhältnis zueinander. Berti Vogts behandelte Weisweiler fast wie einen Sohn, mich respektierte er. Das genügte mir. Was wollte ich auch mehr erwarten, jemand wie ich polarisierte die Leute, damals, als die deutsche Fußballwelt noch recht überschaubar und auch sittsam war.

Es stimmt, ich war zielstrebig, aber nicht besessen von einer Karriere ganz nach oben. Franz Beckenbauer und Wolfgang Overath waren da aus einem anderen Holz, sie suchten systematisch ihren Weg. Ich dagegen musste immer angetrieben, aufgefordert werden, neue Ziele ins Auge zu fassen. Mein Leben habe ich eher laufen lassen, genau genommen war es ein Versehen, dass ich ein bekannter Fußballspieler geworden bin. Ja, ich könnte staunen, immer noch.

Ich bin mir manchmal selber ein Rätsel gewesen, damals, als ich noch ein Fußballtrikot trug. Wieso galt ausgerechnet ich als der extravaganteste Spieler der Liga? Lag es daran, dass ich mir bei einem Freistoß drei Minuten Zeit nahm, um den Ball akkurat auf das Gras zu legen? Wieso wurde ausgerechnet ich, der Günter Netzer aus Mönchengladbach, die Projektionsfläche so vieler Leute, die ansonsten mit Fußball herzlich wenig am Hut hatten?

Unglaublich, all diese Intellektuellen, die plötzlich nach Mönchengladbach pilgerten, um mich zu sehen oder meine Meinung anzuhören! Unfassbar jener Augenblick, als es damals hieß, die Gruppe um Joseph Beuys trachte danach, mir eine Professur anzudienen, ausgerechnet mir! Man wird aber leicht Professor in diesem Land, habe ich damals gedacht.