Die deutsche Romantik - sie war auch Richard Wagners Heimat. Auch ihn hatten, wie so viele Künstler des 19. Jahrhunderts, in seiner Jugend alle "Schauer der Romantik" durchbebt, die Welt von Wolfsschlucht und Hörselsberg, wo Sirenen und Doppelgänger und mannigfache Spukgestalten hausen. Es war eine Welt, die ihm, dem vaterlos heranwachsenden Knaben, von seinem Onkel Adolph Wagner in Leipzig aufgetan worden war - einem sehr belesenen, wenn auch etwas bizarren Mann, der stets eine Filzmütze trug und den jungen Wagner auch sonst an ein gekröntes Haupt erinnerte: an einen Herrscher über das geheimnisvolle Reich der romantischen Fantasie, der romantischen Literatur.

Vermutlich ist Richard Wagner von diesem wunderlichen Onkel, der übrigens auch mit E.T.A. Hoffmann Umgang hatte, auf die Schriften eines Autors hingewiesen worden, der damals viele empfängliche Leser in seinen Bann schlug: auf die Bücher des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert. Lange bevor der spätere Musikdramatiker seine erlösungsbedürftigen Helden über die Opernbühnen irren ließ, konnte er in Schuberts Schriften die Bekanntschaft mit den dunklen Grenzphänomenen schließen, die ihn dann ein Leben lang beschäftigten - oder sollte man sagen beunruhigten? Der Mensch, der sich selbst nicht kennt, der nach Erlösung verlangt: Bei Schubert fand Richard Wagner die Atmosphäre, Bilder und Ideen vorgezeichnet.

Schubert war von enormem Einfluss auf das 19. Jahrhundert, ja, man kann sagen, erst durch ihn begreift man den Geist dieser Zeit. Zum ersten Mal für Aufsehen gesorgt hatte er durch Vorlesungen, die er während des Winters 1807/08 im Palais Carlowitz zu Dresden hielt. Bei flackerndem Kerzenschein war von den "Nachtseiten der Naturwissenschaften" die Rede gewesen, von Telepathie, Wach-, Wahr- und Albträumen, von Parapsychologie und Okkultismus sowie anderen rätselhaften und nicht ganz geheuren Dingen.

Der zu jenem Zeitpunkt 27-jährige Schubert hatte schon auf verschiedenen Gebieten dilettiert, wie es einem romantischen Universalisten geziemte. Der Sohn eines Pfarrers war am 26. April 1780 in der sächsischen Kleinstadt Hohenstein, unweit von Chemnitz, zur Welt gekommen und durch die Schule Herders in Weimar gegangen. In Leipzig wechselte er von der Theologie zur Medizin, ohne seinen Hang zu einem mystisch gestimmten Christentum aufzugeben.

Prägend war die Zeit in Jena, wo sich kurz zuvor romantische Schriftsteller und Projektemacher zu einem provokanten Ensemble vereinigt hatten, an dessen kühnen Spekulationen sich die Geister schieden. Der junge Friedrich von Hardenberg, Novalis, der Stern dieser Runde, war zwar bereits tot, aber seine hymnisch vorgetragenen Fantasmagorien faszinierten auch den Neuankömmling bis in die Sprache der eigenen Schriften hinein. Schubert schloss Freundschaft mit dem genialischen Physiker Johann Wilhelm Ritter, von dem er später eine Tochter adoptierte, sowie mit dem Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling, dessen Naturdeutung er übernahm und popularisierte.

Einem kurzen Intermezzo als Arzt in Altenburg folgten Studien bei dem berühmten Mineralogen Abraham Gottlob Werner im sächsischen Freiberg, der mit Goethe debattierte und schon Novalis in die magische Welt der Steine eingeführt hatte. "Es schlafen gar mächtige Funken in den Jünglingen dieser Zeit, und die Jahre der Propheten kehren wieder", schrieb Schubert ahnungsschwer an einen Freund.

Dass er sich nun selbst in den Prophetenmantel zu hüllen begann, bewies der zweibändige Roman Die Kirche und die Götter, der eine ganze Kosmogonie entwickelte. Der hier so beredt ausgebreitete Mythos schien freilich noch der naturwissenschaftlichen Erhärtung zu bedürfen, die Schubert mit seiner nächsten Schrift zu liefern hoffte, der er den raunenden Titel Ahndungen einer allgemeinen Geschichte des Lebens gab.