Das Internet ist ihre Schublade - dorthin legen sie Tag für Tag ihre Journale, für jedermann offen zugänglich. Sie nennen diese Tagebücher Weblogs, Protokolle eines Lebens im Netz, und sich selbst bezeichnen sie kurz als Blogger.

Peter Praschl ist einer von ihnen. Der Österreicher mit Wohnsitz Hamburg ist im Hauptberuf Journalist, Autor bei der Frauenzeitschrift Amica. In seinem Weblog, Bestandteil eines Online-Magazins mit dem schönen Namen Sofa, kommentiert Praschl in freier, subjektiver Folge Fundsachen seines Alltags - vom Slogan aus der Käsewerbung bis zum Medienecho auf den Tod von Hannelore Kohl. Ein Ausgleich für die Zwänge des journalistischen Alltags? "Die Form des Weblogs ist sehr flexibel", sagt Praschl, "man kann dort ebenso ,Ein-Sätzer' veröffentlichen wie lange, lange Texte - so ein Kraut- und Rüben-Prinzip ist in Zeitschriften und Zeitungen natürlich kaum möglich."

Aus Kraut und Rüben entwickelt sich langsam ein eigenes publizistisches Genre. Die Spanne reicht weit: von kommentierten Link-Listen, in denen die Autoren die Nuggets ihrer Netz-Recherchen zur Schau stellen, wie John Bargers legendärem Weblog Robot Wisdom, bis hin zu sehr intimen, teilweise literarisch ambitionierten Diarien.

Viele der Autoren verweisen aufeinander. Da zitiert zum Beispiel das stark kulinarisch geprägte freitagsfish unter dem Titel gnocchi per post aus einer (fiktiven? echten?) Leserzuschrift: "Und um meiner nicht ungeliebten Rolle als unverbesserlicher Besseresserwisser zu entsprechen (und um einem starken orthografischen Betreuungsbedürfnis nachzukommen), sei nur noch mitgeteilt, dass man Gnocchi natürlich Gnocchi schreibt, also mit einem essenziellen H nach den beiden C, wie in Pinocchio

denn sonst hießen die Dinger ja ,Gnotschi', und wer will so was dann essen?" Freitagsfish antwortet: "oh, natürlich, entschuldigung! wir bringen ihnen sofort einen neuen teller!

entschuldigen sie vielmals! // (in der küche): fish! mach noch mal einen neuen teller mit diesen italienischen kartoffeldingern! und die katze bekommt keine mehr!" - wobei das Wort "katze" verlinkt ist mit einer Gnocchi/Gorgonzola-Episode aus dem Weblog nightCAT diaries ("and when the water is boiling, drop in the gnocchi and wait till they rise to the occasion, for what goes down, must come up"), die mit den Worten endet: "... and this calls for your favourite red wine and deep glasses an d deep kisses and anything else that makes your head spin, while the full moon is watching."

Gibt es so etwas wie die "reine Lehre" des Weblogs? Jörg Kantel, Autor des Diariums Schockwellenreiter, verneint: "Die Bandbreite ist gerade in Deutschland sehr groß geworden. Zwischen Blogs ,im eigentlichen Sinne' und Tagebüchern oder literarischen Experimenten kann man mittlerweile keine scharfe Grenze mehr ziehen. Ein Weblog ist für mich alles, was mit einer entsprechenden Software erstellt wurde."

Und selbst diese Definition erscheint unnötig restriktiv, wenn man an große Vorbilder denkt, wie Justin Halls links.net. Im Jahr 1994, als 19-Jähriger, begann der Amerikaner damit, seinen kompletten Alltag im Internet zu protokollieren - mit einer Offenheit und Detailversessenheit, die aus manchen seiner Freundinnen Ex-Freundinnen machte. In den folgenden Jahren tourte Hall durch die USA und erteilte vielen Anhängern Unterricht in einem konsequenten "Web-Lifestyle".

Herausmegafonieren des Ichs?

Der Durchbruch kam jedoch erst vor etwa zwei Jahren, und er war - wie so oft im Internet - technologiegetrieben. Autoren wie Justin Hall mussten ihre Weblogs noch per Hand codieren. 1999 traten Programme wie Blogger oder Groksoup auf den Plan, die es auch Privatpersonen ermöglichen, ohne großen Aufwand professionell aussehende Weblogs zu erstellen. Alles, was man braucht, ist ein wenig Speicherplatz auf einem Internet-Server, wie er mittlerweile allenthalben für ein paar Mark oder sogar kostenlos zu haben ist, ein paar kleine Layout-Anpassungen, und es kann losgehen: Artikel werden komfortabel per Formular eingegeben, die Veröffentlichung erfolgt per Mausklick.

In den USA löste das einen Boom aus. Allein Blogger hat mittlerweile an die 13 000 Kunden. Hierzulande ist die Szene noch vergleichsweise klein. Nur rund 170 deutschsprachige Weblogs kennt Jörg Kantel, der auf seinen Seiten über die Entwicklung Buch führt. Aber die Tendenz ist stark steigend.

Handelt es sich einfach um eine neue Form des medialen Exhibitionismus, wie wir ihn zur Genüge aus Talkshows und Love Parades kennen? Gewiss, in der Weblog-Szene gibt es manchen "Persönlichkeitsmaniker, der das Schreiben mit dem Herausmegafonieren des Ichs verwechselt", wie Peter Praschl es beschreibt. Aber die Bühne ist immer relativ klein. Um die 1000 Seitenaufrufe pro Tag verzeichnet Jörg Kantel durchschnittlich auf seinen Seiten, und dabei ist Schockwellenreiter noch eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Weblogs. Wer in die Szene eintaucht, bekommt denn auch eher den Eindruck einer vergleichsweise intimen Veranstaltung: Hier wird leise gesprochen, konzentriert und persönlich.

Viele Blogger betonen den Nutzwert ihrer Arbeit. "Letztlich geht es ja darum, was im Netz passiert", sagt Reimar Kosack, Mitinitiator eines größeren Weblog-Projekts an der Bauhaus-Universität Weimar. "Wenn man sich darüber informieren will, sind Weblogs einfach schneller als die kommerziellen Anbieter." In der Tat ist das World Wide Web mittlerweile so groß geworden, dass allgemeine Kataloge wie Yahoo und Suchmaschinen wie Google nicht mehr mit der Entwicklung Schritt halten können. Wer wirklich gute Quellen sucht, ist zunehmend auf Expertise und hartnäckige Recherche angewiesen.

Spezialisierte Weblogs erfüllen genau diesen Bedarf. "Suchen Sie sich einen Blogger, der Ihre Vorlieben teilt", empfiehlt Chris Alden, der für den britischen Guardian ein Weblog über die Medienwelt führt, "und Sie haben einen Surf-Ratgeber fürs Leben."

Entsteht hier vielleicht sogar eine neue Form des Journalismus? Zumindest, erklärte Chris Alden vor kurzem auf der NetMedia-Konferenz in London, können die traditionellen Medien zweierlei von den Bloggern lernen: erstens, wie man Information in größerer Tiefe präsentiert und laufend aktuell fortschreibt.

Und zweitens, wie man offen mit einer größeren Vielfalt von Quellen umgeht.

Die meisten Blogger sind jedoch an einer Professionalisierung ihrer Arbeit gar nicht interessiert, sie verstehen sich bewusst und in einem guten Sinn als Amateure. "Für mich ist es eine ungeheure Freiheit, etwas ohne Knete zu tun", sagt Peter Praschl. "Ich halte sehr viel von unbezahlter Arbeit für die Community und für einen selbst."