M A L E R Der sächsische Raffael
Das traurige Leben des Anton Raphael Mengs, dessen Bilder in Dresden gezeigt werden
Nachts, heißt es, nur nachts durften sie nach draußen, Mengs und seine kleine Schwester; Bianconi, der eine seiner beiden zeitgenössischen Biografen, übrigens ein großer Bewunderer des Malers, schreibt: "Sie gingen niemals aus dem Hause, außer mit ihrem Vater auf einige Augenblicke bei der Nacht, um Luft zu schöpfen. Ihr angenehmster Spaziergang war auf einsamen Plätzen in der Neustadt; oder auf den sandigsten, entlegensten Ufern der Elbe. Die Nächte, in welchen der Mond schien, waren für diese einsamen Kinder ein Schauspiel." Noch auf Bellottos Veduten gute zehn Jahre später sieht das gesamte Neustädter Ufer sandig und ländlich-entlegen aus; die Neustadt selber, eigentlich Altendresden, war 1685 abgebrannt, und die einsamen Plätze wird man sich oft genug als Baustellen denken müssen.
Mengs wurde 1728 im böhmischen Aussig geboren. Der Vater, ein gesuchter Email- und Miniaturmaler, gab ihm die Namen jener Meister, die er bewunderte: Anton nach Correggio, der eigentlich Antonio Allegri hieß, und Raphael nach Raffaello Santi aus Urbino. Er dokumentierte damit seinen Entschluss, aus dem Sohn einen berühmten Maler zu machen. "Da er auf diese Art", so der andere zeitgenössische Biograf, Azara, ebenfalls ein großer Bewunderer des Malers, "schon von der Wiege an zur Malerei bestimmt war, so wurden ihm auch keine anderen Spielwerke in die Hand gegeben, als solche, welche auf diese Kunst eine Beziehung hatten, als Bleistift, Papier etc ..."
Der Vater, so Bianconi wieder, sei eher klein als groß gewesen, eher schön als nicht schön, von Gesichtsfarbe braun mit einem Stich ins Gelbliche; er habe fast niemals geredet und sei ein großer Liebhaber der Traversflöte und des besten Biers gewesen, das zu haben war. Die Mutter übrigens war irgendwann zwischen Aussig und Dresden gestorben. Und über den Vater nun wieder Azara: "Er war in Ansehung seiner Kinder der strengste Mensch, den man jemals gekannt hat. Er verlangte von ihnen den unermüdetsten Fleiß, ohne ihnen dabei die geringste Erholung zu vergönnen. Sie waren schon groß, und hatten noch nichts vorgenommen, und kaum mit andern Personen außer dem Hause Gemeinschaft gehabt; selbst diejenigen, mit welchen Mengs am häufigsten zu tun hatte, wußten nicht, daß er Kinder hatte."
"Wenn er aus dem Haus ging", fährt Azara fort, er meint den Vater, "schloß er die Kinder ein, und bei seiner Zurückkunft stellte er eine strenge Untersuchung an, ob sie das, was er ihnen aufgegeben, während seiner Abwesenheit erfüllt hatten. Seine Bestrafungen waren mehr solche eines grausamen Herren, als eines Vaters ..."
1740 hielt der Vater den Zwölfjährigen für reif genug, und nahm ihn zur weiteren Ausbildung mit nach Rom. Azara: "Eben die Strenge, die er in Dresden an allen seinen Kindern bewies, ließ er in Rom den jungen Anton Raphael allein fühlen. Früh begleitete er ihn ins Vatikan, gab ihm sein Tageswerk auf, und nun ließ er ihn mit einem Brot und einer Flasche Wasser allein, bis es Abend wurde; alsdann kam er wieder, um ihn abzuholen, da er dann zu Hause von seiner Arbeit Rechenschaft ablegen mußte ..."
1744 ist die ganze Familie wieder in Dresden. Bianconi erzählt, der Vater, der, neben der Flöte und dem Bier, Opern über alles geliebt habe, habe auf einer Gesellschaft den Sänger Annibali so singen hören, dass er, der Vater, weinend um noch eine Arie gebeten habe. Annibali habe noch einmal gesungen, der Vater habe wieder geweint, und es habe sich ergeben, dass der Sänger den Vater im Hause besucht habe. Dort hätten mit niedergeschlagenen Augen die Kinder bei der Arbeit gesessen, und auf den Wunsch des Sängers hin habe der junge Mengs ihn porträtiert. Das Bild habe den Sänger so begeistert, dass der Vater ihn auf eine Bibel habe schwören lassen wollen, niemandem etwas davon zu erzählen; bald darauf aber habe der junge Mengs sich dann beim König (jenem Liebhaber Raffaelscher Madonnen) vorstellen lassen müssen oder dürfen.
Bianconi (chursächsischer Chargé d'affaires) und Prange (Herausgeber der Werke von Mengs, Halle 1786) halten beide die musikalische Schwäche des Vaters für echt, zweifeln aber daran, dass es ihm ernst war mit dem Schwur auf die Bibel: Sie sehen darin eine politische Geste, deren Erfolg denn auch prompt eingetreten sei. 1746 wurde Mengs zum Hofmaler ernannt und ging für drei Jahre offiziell nach Rom zu weiteren Studien. Die Aufträge häuften sich; Mengs verliebte sich in ein Madonnenmodell, wurde katholisch und heiratete das Mädchen; Winckelmann, gut zehn Jahre älter als Mengs, war, mit reichlich Aufhebens, katholisch geworden, weil er in Rom als Antikenforscher etwas werden wollte.
Mengs und seine Madonna hatten ungefähr zwanzig Kinder, und Mengs, obgleich sonst von beinahe verschwenderisch gutmütigem Wesen (so Azara), soll als Vater fast so streng gewesen sein wie der eigene. Casanova, der Mengs aus seiner römischen und dann aus seiner spanischen Zeit gut kannte (er war drei Jahre älter als Mengs), schreibt: "In seinen Wutanfällen verprügelte dieser außerordentlich jähzornige Mann seine Kinder derart, daß er sie zu verstümmeln drohte ... Er rühmte sich, daß ihn sein Vater, ein Bohemien und schlechter Maler, mit dem Stock in der Hand erzogen habe; da er durch diese Methode ein guter Maler geworden sei, halte er es für angebracht, mit dem gleichen Mittel seine Kinder zu zwingen, etwas zu werden."
Über die Madonna schreibt Casanova: "Signora Mengs war hübsch und ehrbar und nahm ihre Pflichten als Frau und Mutter sehr ernst; sie war ihrem Mann sehr ergeben, konnte ihn aber unmöglich lieben, denn er war nicht liebenswert."
Andererseits gibt es eine sehr schöne Geschichte, in der sie alle verflochten sind, Casanova, Winckelmann, Mengs und seine Frau. Casanova (dem man in diesen Dingen ruhig glauben darf) berichtet über Winckelmann, dieser habe ihm erzählt, er sei kein Knabenliebhaber und habe diesen Geschmack sogar sein Leben lang nicht begreifen können. Er sei (Winckelmann fast wörtlich nun bei Casanova) in seiner langen Beschäftigung mit der Antike zuerst ihr Bewunderer, dann ihr Anbeter geworden; er habe die Alten die Knaben lieben und sogar in der Kunst unsterblich machen sehn - und jetzt zitiert Casanova Winckelmann: "Als mir diese Wahrheit deutlich zum Bewußtsein kam, warf ich einen Blick auf mich selbst und stellte mit Abscheu, mit einer Art von Beschämung fest, daß ich in diesem Punkt meinen Helden keineswegs glich. Meine Eigenliebe litt darunter, daß ich mich gewissermaßen als verächtlich erkannte, und da ich mich von meiner Dummheit nicht durch kühle Theorie heilen konnte, beschloß ich, mich durch die Praxis aufzuklären ... fest dazu entschlossen, arbeite ich nun schon seit drei oder vier Jahren an der Sache und wähle dazu die hübschesten Burschen von Rom. Aber es nützt nichts; so oft ich mich ans Werk mache, ,non arrivo'. Zu meiner Bestürzung finde ich immer, daß eine Frau in jeder Hinsicht vorzuziehen ist ..."
Und nun kommt Mengs ins Spiel samt Gattin, denn fünf Jahre später, Winckelmann ist achtundvierzig, Mengs siebenunddreißig, schreibt Winckelmann seinem Freund und Gönner Stosch Folgendes: "... wird Ihnen es nicht unangenehm sein, von meiner Liebe zu hören. Diese ist endlich auf ein Weib und auf eines Freundes Ehegenoßin, auf des Mengs Frau gefallen. Diese kam vor einem Jahre aus Spanien nach Rom, ihre Gesundheit widerher zu stellen, die sie wider erlanget und im September von neuem nach Madrid abreisete. So schön sie ist, habe ich dieselbe vorher sehr gleichgültig angesehen, bis ihr Umgang, welcher durch den Freund selbst auf mich allein eingeschrenckt war, Vertraulichkeit erweckete, die den letzten Genuß ausgenommen, nicht größer sein konnte, so daß wir außer Rom, mehr als einmahl auf eben dem Bette Mittags-Ruhe hielten. Diese Frau wurde endlich unsinnig aus Mangel des Besten, und ihr Mann, der nur von einer Unpäßlichkeit wußte, aber vermuthen konnte, daß bei erlangter Gesundheit dies wollüstige Blut übermächtig werden würde, suchte ihr das höchste Zeugniß seiner Liebe zu geben, und trat mir alle seine Rechte auf dieselbe ab, mit dem Verlangen, die Keuschheit dem Leben nachzusetzen. In diesen Umständen aber unterstützte mich meine Tugend; die Frau kam nach ein paar Monaten wider zu sich selbst, und konnte ihre Rückreise antreten ..."
1749 gegen Weihnachten kehrte Mengs nach Dresden zurück, Azara schreibt: "Die Strenge der Witterung in einem unfreundlichen Klima, und verschiedene häusliche Verdrüßlichkeiten verursachten, daß unser Mengs in eine große Melancholie verfiel. Sein Vater, um noch einen Zug von seinem herrschsüchtigen Wesen zu geben, maßte sich alles an, was im Hause war, sogar auch den Verdienst, welchen der Sohn erwarb; ja er ging so weit, daß er ihn ohne Meublen und ohne einen Pfennig Geld, auf die Straße warf ..."
1761 ging Mengs als spanischer Hofmaler nach Madrid, das er 1769, völlig erschöpft, wie es heißt, wieder verließ. Über Parma und Florenz kam er nach Rom zurück. Von 1774 bis 1776 war er noch einmal in Madrid, wo er, und das macht ihn nun wirklich groß und reicht für die Unsterblichkeit, es gewesen sein soll, der vor dem bigotten König, als dieser alle nackten gemalten Frauen verbrannt haben wollte, die schönsten einfach versteckte. Wiederum völlig erschöpft, kehrte Mengs 1776 endgültig nach Rom zurück. Er starb 1779, ein gutes Jahr nach seiner Frau, einundfünfzigjährig.
Bianconi resümiert: "Ohnstreitig war dieses übermäßige Arbeiten der Grund zu seiner nachherigen schwächlichen Gesundheit, die seinen Tod in der besten Blüte des Lebens beschleunigte. Wenn man unterdem noch die üble Behandlung durch einen Vater bedenkt, der seinen Bestrafungen im Unterricht keine Grenzen setzte... so darf man sich nicht wundern, daß er vor der Zeit alt wurde ..."
Und schließlich noch eine Anekdote, von Bianconi: "Unter den Ruinen fand man eine kleine Statue der Venus von Marmor, von seltener Bildhauerarbeit, woran aber ein Fuß fehlte. Obgleich Mengs kein Bildhauer war, so übernahm er es dennoch, sie zu seinem Vergnügen zu ergänzen, und er verrichtete es so glücklich, daß es itzt sehr schwer fällt, die griechische Arbeit von der seinen zu unterscheiden. Man weiß nicht, welches Bein das schönste ist."
Zum Schluss eine ganz scheußliche Geschichte. Einer seiner engsten Schüler, er lebte auch viele Jahre lang im Hause von Mengs, war Giovanni Battista Casanova, ein jüngerer Bruder des berühmten Abenteurers. Eines Tages nun heckten die beiden die feine Idee aus, der allgemeinen Begeisterung an neuen Funden antiker Kunst dadurch entgegenzukommen, dass sie selber ein Stück alter Kunst herstellten, nämlich ein Wandgemälde von einem Jupiter, der einen Ganymed küsst. Unter großen Mystifikationen ließen sie dieses Werk 1760 in Rom auftauchen, und es trat ein, was sie wohl erhofft hatten und was wir schon den ganzen Satz über befürchten: Winckelmann stürzte sich auf das Bild und erklärte sogleich namentlich den geküssten Ganymed für den schönsten hinterlassenen Knaben der Antike.
Mengs - damals hielten sie ihn für einen großen Mann, ohne Zweifel. Winckelmann, und mit ihm alle Verehrer von Mengs, mochten das Barock nicht, sie sahen in Mengs den wiederauferstandenen Raffael. Ich glaube, dass eine gewisse und dann auch unübersehbare Gefälligkeit das ist, was damals willige Augen fand, jene Gefälligkeit etwa, die das rasch bekannt gewordene Bildnis einer Sibylle zu ihrem wenn auch vielleicht etwas blässlichen Charme verhilft; jeder muss ja die roten Bäckchen hübsch finden, die Mengs dann auch auf seinen Porträts selten vergisst. Bei der Sibylle kommt noch das tiefe Himmelblau dazu samt der vollen Unterlippe über dem sonderbar kraftvollen rechten Arm. Immerhin, sie hat einen gewissen Blick, wo etwa ein Perseus, als er gerade die eben errettete Andromeda abführt, doch wesentlich leerer dreinschaut als selbst sein Flügelpferd; merkwürdig übrigens, dass er exakt so nackt ist wie bei andern Malern sonst Andromeda, die hier in dichten Schleiergewändern steckt.
Seine Magdalenen und Cäcilien rühren in ihrer eigentlich ausdruckslosen Aufdringlichkeit weder menschlich noch religiös, das konnten Dolci (in Dresden gibt es eine schöne Cäcilie von ihm) und selbst Reni beinahe diskreter. Und wo Mengs etwas freier sein könnte von Konventionen, da lässt er seine Figuren in Posen erstarren, etwa in dem großformatigen Urteil des Paris; wo ein bisschen Härte oder Charakter spürbar ist, im Gesicht etwa der Hera in der Mitte, da schlägt nur noch einmal fast wie zitiert (genauer wohl imitiert) das Vorbild Raffaels durch. Alles ist leblos, und irgendwie hübsch, wohl weil er kein fertiges Schema dafür hatte, ist nur der fast komisch natürliche Hintern der Jungfer Athene rechts, ungefähr in Höhe der roten Bäcklein des armen Paris, der da eben im Begriff ist, den Trojanischen Krieg herbeizuführen; man sieht ihm richtig an, dass er von nichts eine Ahnung hat.
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