Tonträger Nr. 32/2001
Bildungsbürgersoul Maschin kaputt
Es gibt Schallplatten, die stellen einen Mitteleuropäer vor ungeahnte Probleme. Nicht ungemütlich hatte man sich eingerichtet in der Vorstellung, jedes Wissen sei unsicher, alles Verhalten relativ, die Wahrnehmung fragmentiert und Identität im Fluss. Man hatte sich mit dem Gedanken angefreundet, nur noch verformte Restbestände von dem mit sich herumzutragen, was frühere Generationen einmal Seele nannten. Doch dann kommt einem Acoustic Soul (Motown Records/Universal) zu Ohren, das Debüt der amerikanischen Sängerin und Songwriterin India.Arie, und auf einmal ist es wieder da: das humanistische Komplettindividuum. Bescheiden und begabt, weise und geschichtsbewusst.
Lange war das im Soul nichts Besonderes, handelt Soul doch seit je davon, Sex und den lieben Gott, Körper und Geist zur Deckung zu kriegen. Doch zum einen ist das Jahrzehnte her, und so ausgeglichen wie bei India.Arie ging es auch in der schwarzen Musik nur selten zu. Wo eine Sängerin wie Erykah Badu noch ab und zu flucht und Lauryn Hill, die andere verbliebene Diva des Genres, zumindest regelmäßig in die Bibel schaut, um sich zu vergewissern, auch alles richtig zu machen, ist India.Arie geradezu beängstigend vernünftig.
Sinnspruchartige Zeilen wie "Bad is just a part of life" fallen auf Acoustic Soul im vielfachen Dutzend. Für alles existiert eine Lösung in der Welt. Ein Mädchen ist "afraid to speak her mind"? Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein, und du kannst erreichen, was du willst. Teure Autos? Schön, aber nicht so wichtig. Leidenschaften? Ja, auch das ist Teil eines erfüllten Lebens, aber am Ende des Tages sollte man den goldenen Mittelweg beschreiten, selbst wenn er durch das Tal der Tränen führt - auch das Leid hat mitunter etwas Gutes: "When you're in that valley you can see the heights more clearly." Und um sich politisch zu verorten, zitiert dann India.Arie die Bürgerrechtshymne A Change Is Gonna Come.
India.Arie singt goldene Worte und klampft dazu auf ihrer Gitarre. Ein Fender-Rhodes-Piano klimpert vor sich hin, leise wehen die Streicher im Hintergrund, und mitunter fällt ein HipHop-Beat. In dieser Perfektion gab es das wahrscheinlich zuletzt in den Siebzigern, als Stevie Wonder versuchte, auf den Trümmern der Bürgerrechtsbewegung noch einmal den guten Menschen zu konstruieren. Zu schön, zu süß, zu irreal will einem das manchmal scheinen, aber vielleicht liegt das bloß am europäischen Background. Es ist, als wollte India.Arie die afroamerikanische Variante eines Modells vom Menschsein präsentieren, das sich in seinem abendländischen Original längst überlebt hat - den Bildungsbürger.
Tobias Rapp
Modern sein ist anstrengend. Richard Strauss richtete sich nach den Durchbrüchen von Salome und Elektra in gediegener Tonsprache ein, der Fusionist Charles Ives hörte mit dem Komponieren gut zwei Jahrzehnte vor seinem Tod auf, Bach schlachtete seine frühen Grenzüberschreitungen ein Leben lang aus. Und George Antheil kippte um. Stilistisch gesehen.
Dass er, Sohn eines amerikanischen Schuhhändlers, sich im Paris der zwanziger Jahre als bad boy of music feiern ließ und dabei aufregend neue Klänge fand, ist weithin bekannt. Weniger aber seine spätere Rückkehr in die USA und zur Sinfonik, zu übersichtlich angelegter "ordentlicherer" Musik, die deswegen freilich nicht gleich unter Regressionsverdacht geraten muss.
In zwei Einspielungen kann man jetzt den frühen und den späten Antheil vergleichen. Herbert Henck hat die Klaviermusik der Zwanziger aufgenommen (ECM 456829-2), das Symphonieorchester der Ukraine zwei Symphonien der Vierziger (Naxos 8.559033). Dazwischen liegt die Zeit, in der Antheil Kolumnen, Filmmusik, ein Buch über endokrine Drüsen und eins über den Krieg schrieb.
Solche Mehrgleisigkeit (die übrigens höchst professionell war) hört man durchaus auch in seiner Sinfonie 1942, in gegeneinander gesetzten Metren, jähen Schnitten, Stilzitaten von Blechbläserlinien à la Bruckner bis zu rhythmischen Treibsätzen à la Schostakowitsch. Ihm wird der drei Jahre Ältere hier nicht selten zum amerikanischen Zwillingsbruder.
Gemessen an seinen Zeitgenossen ist der späte Antheil also nicht bieder (erst die 6. Sinfonie von 1948 wirkt auf derselben stilistischen Basis ermüdet und leer laufend). Und doch zahlt er für die übersichtlich konstruierten Verläufe seiner Sinfonik einen hohen Preis. Es ist die Logik des Spontanen, die der Pianist Herbert Henck aus den frühen Stücken auf uns zuspringen lässt.
Oft schreckt ihre Unmittelbarkeit einen auf, als habe man geschlafen, wie in der Sonata Sauvage: Da gibt es eine peitschende Dissonanz im Diskant, als schlüge einer mit flacher Hand aufs Wasser, helle Spritzer - und das ist weder blanke Willkür noch Naturklang, sondern Konsequenz einer berstenden multiplen Motorik, in der sich Maschinen paaren und überlagern.
Wie viele Künstler der Zwanziger liebte Antheil die Maschinen. Er widmete ihnen Klavierstücke, in denen er die gefesselte Bewegung steigert und befreit, mechanische Abläufe werden abgründig wie Repetitionen Messiaenscher Vögel, Benzindunst verwandelt sich in Farbwolken. Doch als aus Maschinen Waffen wurden, war die Fortschrittslust gebrochen. Antheils Moderne auch.
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