Bademeister gesucht!
Der Leipziger Südraum wird zur ostdeutschen Adria umgestaltet. In dem ehemaligen Braunkohlerevier soll die zweite Natur perfekter sein als das Original. Aber wie begeistert man die Bevölkerung für eine touristische Zukunft?
Die Gegend rund um die Adria ist dünn besiedelt, der Weg nicht ausgeschildert. An einer Bushaltestelle in mutmaßlicher Ufernähe schlagen Sven, 14, und seine Freunde den langen Nachmittag tot. Sven hat ein Veilchen und trägt dazu ein schwarzes T-Shirt. Auf dem T-Shirt steht mit silbernen Lettern Pit-Bull , aber Sven gibt so höflich Auskunft über die Freizeitangebote im Südraum, als wäre er vom örtlichen Tourismusbüro. Zum Surfen sei die Adria ideal, von der Badestelle rät er noch ab. Wegen Rutschgefahr. Gab auch schon Tote. Von der Bushaltestelle aus sei es zum Kahnsdorfer See noch näher, aber der wird erst 2006 fertig. Da würde ich später gerne 'ne Imbissbude aufmachen. Maik, 12, schaut kurz vom Gameboy auf und nickt.
In der Vorfreude der Gang auf die neuen Seen schimmert ein modernes, zeitgemäßes Naturverständnis durch. Wie muss eine Landschaft heutzutage beschaffen sein, damit das Individuum dort die ersehnte Rekreation erleben kann? Auf Erholungssuche im Südraum, dem ehemaligen Braunkohlegebiet südlich von Leipzig, kommen einem grundsätzliche Gedanken über Natur und das, was man in ihr sucht, wenn man die Stadt verlässt. Seit dem 18. Jahrhundert, als die deutsche Klassik minuziös die Wirkung von Eichenwäldern, Birkenhainen und Sichtachsen auf die menschliche Psyche erforschte, sind die Ansprüche des bildungsbürgerlichen Naturrezipienten - Moderne hin oder her - merkwürdig stecken geblieben. Wer jedoch im Leipziger Südraum aufgewachsen ist, hat durch den dramatischen Wandel der Heimat zumindest im Hinblick auf Naturwahrnehmung einen gewaltigen Erfahrungsvorsprung.
Die gut 100-jährige Industriegeschichte des Leipziger Südraums endete fast synchron mit der Wende. Massenarbeitslosigkeit, die Hinterlassenschaften der chemischen Kombinate, Brikettfabriken und die gigantischen Krater und Halden des Braunkohletagebaus ließen die Region zu einer Problemlandschaft werden, die derzeit in eine Kultur- und Freizeitlandschaft umgewandelt wird. Diese Losung setzte im Aufbruchfieber der Nachwendezeit vor allem bei Landschaftsplanern eine geradezu ekstatische Fantasie frei. Die Prominentesten unter ihnen reisten 1994 aus Italien, Frankreich, Stuttgart und New York zur 3. Regionalkonferenz nach Leipzig, um vor Ort ihre Grandezza-Visionen der blühenden Landschaften zu präsentieren, die Altkanzler Kohl den Neubundesbürgern versprochen hatte. Das Planungsteam Massimiliano Fukas, Pietro Caruso, Jan A. Wolff beispielsweise sprach über den Südraum von einer Nullpunkt-Zone, in der weder Form noch Inhalt vorhanden sei. Die ,Leere', das ,Nichts' dieser überdimensionalen Ausschürfungen konfrontieren fundamental. Alles ist möglich! Michael Sorkin und Andrei Vovk visionierten in der vergewaltigten, verkümmerten Landschaft, in der Gesundheit und Glück keinen Platz mehr finden, einen Projektentwurf unter der Vorgabe: Städtische Dörfer am blauen Band. Eine saftig grüne Region mit einem ringförmigen Binnenmeer. Tupfer von Inseln, die über Boote und Brücken eine neue Galaxis von Dörfern von bezaubernder Komplexität miteinander verbinden.
Land-Art-Opern mit Riesenbaggern
Doch auch in den weniger prosaischen Plänen für die Zukunft des Südraums steht eigentlich nichts anderes. Das Gebiet zwischen Leipzig und Borna wird sukzessive in eine riesige Seenplatte umgewandelt, die Touristen aus nah und fern anlocken soll. Ein bisschen Ökologie, ein bisschen Umnutzung der stillgelegten Industriebauten als Relaxcenter und allerlei Angebote für Outdoor-Aktivitäten. Für die einheimischen Svens und Maiks ist eine Zukunft als Bademeister vorgesehen. Oder auch als Eigenheimbesitzer mit Telearbeitsplätzen direkt im Freizeitparadies. Wohnen an der Adria oder Familienparadies Garten Eden haben mutige Investoren bereits auf die Bauschilder für Neubausiedlungen an den zukünftigen Ufern der Seen in Flutung malen lassen. Aber noch enden die Vorgärten der ersten Neubausiedlungen an Kraterböschungen gespenstischer Mondlandschaften.
Ein wenig Abenteuerlust vorausgesetzt, kann zum jetzigen Zeitpunkt ein Ausflug in den Südraum zu einer Testfahrt ins eigene Innere werden. Denn Landschaftsbetrachtung - daran hat sich nichts geändert - ist ein hervorragendes Medium zur Selbsterkenntnis. Es bietet sich an, die Tour am Ufer des Cospudener Sees zu beginnen, 15 Autominuten vom Leipziger Stadtzentrum entfernt. Hier kann man in türkisfarbenem Wasser baden, surfen, segeln oder mit Inline-Skates über die betonierte Uferpromenade brausen. Doch all diese Aktivitäten werden den ortsfremden Besucher nicht vor der Orientierungslosigkeit schützen, die die asketische Kargheit dieses Expo-Vorzeigeprojekts auf den ersten Blick auslöst. Umgeben von fröhlich gekleideten Ausflüglergrüppchen, wähnt man sich am Cospudener See weit weg, eher irgendwo in Island, Fairbanks oder an Aussichtsplattformen auf den Osterinseln als mitten in Sachsen. Das Gefühl von Fremdheit kaschiert vielleicht das Unbehagen angesichts der deutlich sichtbaren Künstlichkeit der Anlage. Vielleicht aber ist es auch nur die heimliche Empörung über die Anmaßung, dass hier nach Abschürfung der Kohle eine zweite Natur geschaffen wird, die - maßgeschneidert auf menschliche Bedürfnisse - irgendwie perfekter sein will als das Original.
Südlich vom Cospudener See gelangt man in die Gegend, wo gar manche Straße jäh vor rostigen Toren endet. Mithilfe von Freizeitkarten findet man jedoch bald die Aussichtspunkte, die den Blick in die Tagebaurestlöcher eröffnen.
- Datum 02.08.2001 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 32/2001
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