B I O T E C H N O L O G I E Der Mensch ist sein eigenes Experiment

Nach dem Humanismus: Einige Thesen, mit denen der Nationale Ethikrat für Gentechnologie Frieden schließen sollte von Marc Jongen

Wenn Friedrich Nietzsche davon sprach, der Philosoph müsse den Mut haben, seine Hand auf Jahrtausende zu legen, so scheint ein solch ausladender Theoriegestus heute nur noch mit dem Mut der Verzweiflung vollziehbar. Angesichts der rapid sinkenden Halbwertzeit des Wissens in einer sich immer rascher transformierenden Welt steht jeder derartige Großentwurf vor der Notwendigkeit und zugleich Unmöglichkeit, sein morgiges Schicksal als intellektuelle Mode von gestern ins eigene Theoriedesign einzubauen. Dieser Aporie zum Trotz bleibt es aber konstitutiv für das philosophische Denken, einen nicht alltäglichen Abstand zu den Ereignissen und Gesprächen des Tages herzustellen, wodurch Letztere unwillkürlich in einen weiter gespannten Sinnzusammenhang gerückt werden. So anstößig ein solch künstlich induziertes Detachement hinsichtlich der aktuellen Debatte um therapeutisches und reproduktives Klonen, Genmanipulation, Präimplantationsdiagnostik und Verwandtes wirken mag - so notwendig und unausweichlich ist es gerade hier.

Mit der Einberufung des Nationalen Ethikrates durch Bundeskanzler Schröder, der Berliner Rede des Bundespräsidenten und der Bundestagsdebatte über Bioethik ist der Gendisput auf dem Höhepunkt medialer Aufmerksamkeit angelangt. Im Folgenden möchte ich die These vertreten, dass dieser Gendisput als Symptom eines Mentalitätswandels von epochalem Ausmaß begriffen werden muss. Das Pathos drängt sich ganz von der Sache her auf - es genügt, das philosophische Gewicht der begrifflichen Einsätze zu beachten, um die gespielt wird. Was nämlich ist das Hauptargument derer, die dem technischen Zugriff des Menschen auf den Menschen moralische und (daher) juridische Schranken setzen möchten?

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Robert Spaemann (ZEIT Nr. 4/01) schreibt: "Der ethische Einwand dagegen ist klar: Es handelt sich um einen Verstoß gegen die Menschenwürde, die es verbietet, Menschen ausschließlich als Mittel den Zwecken anderer Menschen zu unterwerfen." Man braucht keine Nietzscheschen "Ohren noch hinter den Ohren", um hier die Stimme des Humanismus sprechen zu hören, und zwar eine seiner klassischen Verlautbarungen, Kants Kategorischen Imperativ, paraphrasierend. Aber vernimmt man auch, wie brüchig und tonlos diese einst so mächtige Stimme geworden ist?

Für ein philosophisch-musikalisches Ohr besteht kein Zweifel: Diese Stimme trägt nicht mehr. Weit davon entfernt, in einer überzeitlichen "Vernunft" zu gründen, beruhte die Überzeugungskraft des humanistischen Paradigmas einzig und allein auf einer ihm entsprechenden Seelenlage, die heute allenthalben in Auflösung begriffen ist. Spaemanns Rede ist würdig, seine Motive sind edel - und dies ist völlig ironiefrei gesagt! - diejenigen Craig Venters sind es nicht. But so what?! Die Selbstverständlichkeit, mit der Spaemann den "Verstoß gegen die Menschenwürde" als einen "ethischen Einwand", das heißt als unbedingten Unterlassungsgrund entsprechender Handlungen begreift, ist ihrerseits längst nicht mehr selbstverständlich. Der Boden, auf dem die christlich-humanistischen Wertetafeln ruhten, ist bereits so weit erodiert, dass jeder Rekurs auf ihn in erster Linie den Abgrund sichtbar macht, der sich darunter inzwischen geöffnet hat. Besonders deutlich wurde dies an Johannes Raus Rede zur Biotechnologie, auch und gerade wenn die Würde seines Amtes und der priesterliche Ton den brüchigen humanistischen Argumenten für einen Moment ihren quasi-sakralen Glanz zurückgaben. Dass auch die Befürworter der gentechnischen Menschenverbesserung sich großteils noch der alten Grammatik bedienen und gleichsam als die besseren Humanisten zu erscheinen versuchen - Reinhard Merkels Replik auf Spaemann (ZEIT Nr.5/01) war dafür ebenso ein Beispiel wie die Reaktion des Bundeskanzlers auf den Bundespräsidenten -, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dem radikal antihumanistischen Menschenbild, dessen mehr oder weniger bewusste Propagandisten sie sind, der Begriff "Menschenwürde" nur noch eine semantische Altlast darstellt.

Diesen einigermaßen unheimlichen Sachverhalt offen anzusprechen, ist zwar, zumal in Deutschland, noch immer gefährlich, weil in einer Zeit großer Paradigmenwechsel der Reflex seitens der untergehenden Mentalität besonders stark ist, den Überbringer der neuen Botschaft für deren Inhalt verantwortlich zu machen, - man hat die hysterischen bis denunziatorischen Reaktionen auf Peter Sloterdijks Elmauer Rede noch im Gedächtnis -, aber es ist nur ein Gebot der Redlichkeit für ein Denken, das auf der Höhe der Zeit sein will. Der immer wieder vorgebrachte Einwand, ein solches Denken unterwerfe sich unkritisch dem Zeitgeist und verbinde dessen Diagnose unerlaubterweise mit normativen Ansprüchen - die Wahrheit bliebe auch dann noch wahr, wenn niemand mehr daran glaubt oder sich danach richtet -, setzt die metaphysische Tiefe des in Frage stehenden Epochenumbruchs um eine ganze Dimension zu flach an, indem nämlich das Konzept einer solchen zeitunabhängigen, transzendenten "Wahrheit" selbst mit zur Disposition steht.

Wenn an diesem altehrwürdigen Begriff überhaupt noch festgehalten werden kann, dann nur im (Heideggerschen) Sinn einer Entbergungsgeschichte (Wahrheit im Griechisch a-letheia, das Un-verborgene), deren künftiger Verlauf zwar geahnt und ansatzweise auch prognostiziert, aber von keinem transzendenten Ort aus überblickt, geschweige denn diktiert werden kann.

In seinem Aufsatz Maschine, Seele und Weltgeschichte aus dem Jahr 1980 hat Gotthard Günther die Heraufkunft eines neuen Menschentyps konstatiert, dessen Mentalität sich in wesentlicher Hinsicht von der des alten, sogenannten hochkulturellen Typs unterscheidet. Während der von Christentum und Humanismus geformte Alteuropäer jedem technisch-maschinellen Zugriff auf seine Subjektivität mit Sorge und Widerwillen begegnet - Günther spricht von Reproduktion vormals subjektiver Leistungen durch den Computer, aber wir dürfen die Genmanipulation demselben Phänomenkomplex zurechnen -, kann dem neuen Menschentyp dieselbe technische Innovation gar nicht schnell genug gehen. Günther weiter: "Die seelische Reaktion des ersten, konservativen Typs zeigt an, dass es sich hier um seelisch ausgebrannte Geschichtsträger handelt, deren eigentliche historische Existenz hinter ihnen liegt und die seit der Ankunft der Maschine keine Zukunft mehr vor sich sehen. Die Ungeduld des anderen - wir wollen der Kürze halber sagen: des amerikanischen Typs - lässt vermuten, dass sich hier eine Geistigkeit zu äußern beginnt, die erst in der kommenden Ära des Menschen ihre volle Entfaltung erfahren wird."

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