R O M A N Die Seele ist ein buntes Karussell

Wilhelm Genazino ergreift ironisch Partei für die Gestrandeten, Verrückten und Verlierer

Nur noch Auge sein, ohne Gedanken-, Erinnerungs-, Bewusstseinsballast sich von einer Erscheinung zur anderen treiben lassen: Das wäre das Glück. So denken wir manchmal, wenn wir uns beim interesselosen und entspannten Schauen ertappt und tatsächlich für einen Augenblick alles Wünschen, Fürchten und Hoffen vergessen haben.

Es gibt Menschen - Sonderlinge, ewige Spaziergänger mit geringem gesellschaftlichen Nutzwert -, die dergleichen exerzitienmäßig betreiben, nämlich sich unablässig denkend um die Selbstvergessenheit in der Wahrnehmung bemühen. Ihr Stachel ist die Schwermut, ihr Lebensimpuls die Reflexion darüber, wie und ob diese Schwermut aufzuheben sei. Fast immer sind sie männlichen Geschlechts, meistens ohne Berufsehrgeiz, oft schwierig liiert oder gar nicht und kinderlos. Ist ihr Terrain die Stadt, heißen sie Flaneure. In Reinkultur existieren sie wohl nur zwischen Buchdeckeln, als friedliche Denkfiguren einer so fundamentalen wie resignativen Absage an den kapitalistischen Kreislauf mitsamt seinen Sinn-Surrogaten und Selbstverwirklichungsangeboten. Berlin, Paris sind ihre Orte, ihre Zeiten das Fin de Siècle, mehr noch die erste Moderne zwischen den Kriegen.

Im Frankfurt von heute dürfte sie niemand so schnell vermuten. Und doch ist gerade diese für poesielos und wunderarm geltende Kleinmetropole eine Kapitale der literarischen Pistengänger (man denke an Peter Kurzeck, Jakob Arjouni, Jamal Tuschick) und das zentrale Objekt - oder Subjekt? - einer Augenlust, die sich seit Jahren schon in Prosawerken niederschlägt, deren anstrengungslose Nuanciertheit, fein gewirkte Komik und lichtersetzende Beschreibungspoesie einen Vergleich mit denen Brigitte Kronauers nahe legen, auch der Rangstufe nach: Wilhelm Genazino, geboren 1943, seit fast drei Jahrzehnten schreibend, ist ein Stilist aus der Schule des Witzes, dem kein hoher Ton ohne Brechung entschlüpft. Ein Worterotiker, Wortabschmecker, dessen Sätze, wenn er die Selbstauskostung nicht übertreibt, wunderbar fußläufig sind und so leicht und beweglich verkettet, dass sie sich nicht nur sämtlichen Ausschlägen auf dem menschlichen Stimmungsbarometer gewachsen zeigen, sondern auch die abruptesten Wechsel zwischen Komik und Ernst mit Eleganz absolvieren.

Genazinos Erzählwerk ist eine Empfindlichkeitschronik, verteilt auf kurze Episodenromane. Ihre Helden sind Männer gegen Fünfzig, "Situationisten" auf der Jagd nach dem Kairos, dem raren Moment des Einverständnisses mit der eigenen Existenz. "Genaugenommen warte ich immer noch darauf, daß mich jemand fragt, ob ich hier sein möchte", räsoniert der Mann gegen Fünfzig - den Genazino in seinem jüngsten Roman Ein Regenschirm für diesen Tag durch die besonnte Stadt mäandern lässt - und wird nicht gefragt. Die große Verneinung, zu der sich sein Daseinsgefühl fallweise aufbäumt, bleibt unerkannt.

Das Bild, in dem seine Mitmenschen ihn festhalten, vermutlich, weil er es vor Zeiten selbst ausgegeben hat, ist das eines robusten Lebenskünstlers, und auch, wenn es mit seiner bis an die Zerfallsgrenze aufgesplitterten Selbstwahrnehmung nicht korrespondiert, deckt es sich durchaus mit dem Fazit, das man am Ende als Leser zieht: Dieser Held bewegt sich im Gewoge seiner Unlust wie ein Fisch im Wasser. Seine Unlust schließt sich selbst, "als Unlust meinen Problemen gegenüber", dialektisch mit ein, was zur Folge hat, dass er in seiner Lebensverstimmtheit nicht aufgeht, sondern immer sich in ihr betrachtet, fast wie einen Fremden, zu dessen Affekten man sich so oder so oder auch gar nicht stellen kann: "Wie merkwürdig allein der Gedanke ist, den Busen einer Frau ,kennen' zu wollen! Inmitten dieser Zustände verläßt mich der Mut, das Leben fortsetzenswert zu finden. Vielleicht sollte ich auch eine Bratwurst essen. Ich habe keinen Hunger mehr, aber während der Vertilgung einer Bratwurst fällt mir vielleicht ein Wort für die Gesamtmerkwürdigkeit allen Lebens ein."

Dieser Betrachter weiß, dass eine zufällige Reminiszenz Aufschwünge in Abstürze verwandeln kann und umgekehrt. In das ungeheure Verlust- und Vergeblichkeitsgefühl, ausgelöst durch die blitzhafte Erinnerung an den Busen einer Geliebten von früher, bei der er sich eine zweite Chance nicht zutrauen mag, schieben sich nacheinander die Bilder von Bratwurstessern, Wahrnehmungen, die sich langsam in seine Grübeleien vorarbeiten und plötzlich den destruktiven Sog unterbinden. Die Retina hat geholfen, einen neuen Gedankenfaden aufgenommen und den Wortfindungsehrgeiz des Helden angestachelt.

Vor seiner Feststellungs-, Benennungs- und Beschreibungslust nämlich ist keines der von ihm gehegten Unlust-Gefühle sicher: nicht die Rede-Unlust, nicht die Erinnerungs-, Komplexitäts- und Existenzsicherungs-Unlust, nicht die Verdrossenheit, die der Verlust einer lieben Gewohnheit, seiner letzten Paarbeziehung, punktuell in ihm auslöst, nicht das Missbehagen, in das ihn unverhoffte Begegnungen mit Bekannten, menschliche Ansinnen überhaupt, zumeist versetzen. Die Flucht der Erscheinungen: Sie lockt mit immer neuen Formulierungsanreizen, weht Wörter heran, die auf neue Pfade locken, nicht selten auch eine stärkere Realität ausbilden als die Sache, die sie benennen.

So ist der fliegende Wechsel die eigentliche Quelle der Lust, die Flanerie das Lebenselixier dieses Unlustigen, der im Übrigen als Tester von Luxusschuhen einer Beschäftigung nachgeht, die sich die Telefonseelsorge für ihn ausgedacht haben könnte. Nie läuft sein Geist Gefahr, einem einzigen und womöglich lähmenden Seelenzustand zu unterliegen: "Ein Zitronenfalter flattert über die Spitzen der Grashalme. Ich habe mich nie dafür interessiert, ob es eine Seele gibt oder nicht, aber plötzlich spiele ich mit dem Gedanken, daß ich vielleicht eine habe ... Wahrscheinlich ist Seele nur ein anderes Wort für Unbehelligtheit. Sie ist ein kleines buntes Karussell, auf das ich, wenn ich hier sitze, immer gerade aufspringe. Die Seele sagt dazu nichts, aber ich merke, wie sie immer gerade zum Sprechen anhebt."

Aus der Wahrnehmung des Zitronenfalters flügelt sich die Seelen-Vorstellung heraus, und irgendein früherer Eindruck schiebt ihr die Karussell-Metapher unter, die sich auf das ganze bunte Leben dieses Romans anwenden lässt. Er gestaltet sich, nicht nur darin den Vorgängerbüchern Das Licht brennt ein Loch in den Tag (1996) und vor allem den Kassiererinnen (1998) ähnlich, nach dem egalitären Prinzip des Reigens. Und wie schon in diesen wird der beobachtete Alltag, werden die Nebensächlichkeiten, die der Blick effizienz- und Fun-orientierter Zeitgenossen gemeinhin verschmäht, erweckt zu ihrer Poesie: Straßen-, Park- und Uferszenen, abständige Schaufensterauslagen, Hausfrauen beim Wäscheaufhängen, Tiere, Häuser und Menschen bei selbstvergessenem Tun, das selten frei ist von Komik oder, mit einem Hauptwort des Helden zu sprechen, "Peinlichkeit".

Nur den ernsten Spielen der Kinder haftet nichts dergleichen an, und es sind leuchtende Momente, wenn er sich ihrer Versunkenheit verbindet. Wenn nichts und niemand die Einlassung verlangt, kann sie vollzogen werden - wo aber das "pausenlose gegenseitige Sichaufdrängen" die Norm abgibt, sind die skurrilsten Kontaktregelungssysteme und Vermeidungsstrategien zu entwickeln: im Umgang nämlich mit den lieben Bekannten. Eine ganze 68er-Parade von Gescheiterten, Schnorrern und Schwätzern kreuzt seine Wege - und dann sind da die Frauen. Er kennt eine Menge, die meisten ein paar Jahre jünger als er und mit der Bilanz ihrer mittleren Jahre nicht recht glücklich. Mit einigen von ihnen hatte er eine Geschichte, die irgendwann "in tausend Unschlüssigkeiten zerfallen" ist, mit anderen pflegt er gelegentlich den Beischlaf: ein phlegmatischer Connaisseur, dessen Selbstzerfallenheit sich ganz erstaunlicherweise nicht in Potenzproblemen niederschlägt.

Von all diesen Menschen, die den groß dimensionierten Glückserwartungen ihrer Aufbruchsjahre naiv oder selbstquälerisch anhängen, unterscheidet ihn - wie alle betrachtenden Subjekte im Werk Genazinos - mindestens eines: Er langweilt sich nicht. Jeder Augenblick setzt ihn in Gang, ist gültig, "gleichviel", keine Erwartung ans Leben sitzt in ihm so fest, dass das Unverhoffte unbemerkt bleiben könnte.

Dieses wunderlich-poetische, irr-witzig komische kleine Buch, das diskret durchzogen ist von anspruchsvollster Reflexion über die Entstehung von Wahrnehmung, Erinnerung, Lust und Unlust, stellt - immer ironisch parteilich für die Gestrandeten, Verrückten und Verlierer - eine einzige "Unterlaufung" der Erfolgsgesellschaft mit ihrer Freizeit-Abrichtungsindustrie dar: Es gibt allen Grund, Wilhelm Genazino zu entdecken.

Wilhelm Genazino:Ein Regenschirm für diesen Tag Roman; Carl Hanser Verlag, München 2001; 174 S., 35,- DM

 
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