Der Mensch ist sein eigenes Experiment
Nach dem Humanismus: Einige Thesen, mit denen der Nationale Ethikrat für Gentechnologie Frieden schließen sollte
Wenn Friedrich Nietzsche davon sprach, der Philosoph müsse den Mut haben, seine Hand auf Jahrtausende zu legen, so scheint ein solch ausladender Theoriegestus heute nur noch mit dem Mut der Verzweiflung vollziehbar.
Angesichts der rapid sinkenden Halbwertzeit des Wissens in einer sich immer rascher transformierenden Welt steht jeder derartige Großentwurf vor der Notwendigkeit und zugleich Unmöglichkeit, sein morgiges Schicksal als intellektuelle Mode von gestern ins eigene Theoriedesign einzubauen. Dieser Aporie zum Trotz bleibt es aber konstitutiv für das philosophische Denken, einen nicht alltäglichen Abstand zu den Ereignissen und Gesprächen des Tages herzustellen, wodurch Letztere unwillkürlich in einen weiter gespannten Sinnzusammenhang gerückt werden. So anstößig ein solch künstlich induziertes Detachement hinsichtlich der aktuellen Debatte um therapeutisches und reproduktives Klonen, Genmanipulation, Präimplantationsdiagnostik und Verwandtes wirken mag - so notwendig und unausweichlich ist es gerade hier.
Mit der Einberufung des Nationalen Ethikrates durch Bundeskanzler Schröder, der Berliner Rede des Bundespräsidenten und der Bundestagsdebatte über Bioethik ist der Gendisput auf dem Höhepunkt medialer Aufmerksamkeit angelangt. Im Folgenden möchte ich die These vertreten, dass dieser Gendisput als Symptom eines Mentalitätswandels von epochalem Ausmaß begriffen werden muss. Das Pathos drängt sich ganz von der Sache her auf - es genügt, das philosophische Gewicht der begrifflichen Einsätze zu beachten, um die gespielt wird. Was nämlich ist das Hauptargument derer, die dem technischen Zugriff des Menschen auf den Menschen moralische und (daher) juridische Schranken setzen möchten?
Robert Spaemann (ZEIT Nr. 4/01) schreibt: "Der ethische Einwand dagegen ist klar: Es handelt sich um einen Verstoß gegen die Menschenwürde, die es verbietet, Menschen ausschließlich als Mittel den Zwecken anderer Menschen zu unterwerfen." Man braucht keine Nietzscheschen "Ohren noch hinter den Ohren", um hier die Stimme des Humanismus sprechen zu hören, und zwar eine seiner klassischen Verlautbarungen, Kants Kategorischen Imperativ, paraphrasierend.
Aber vernimmt man auch, wie brüchig und tonlos diese einst so mächtige Stimme geworden ist?
Für ein philosophisch-musikalisches Ohr besteht kein Zweifel: Diese Stimme trägt nicht mehr. Weit davon entfernt, in einer überzeitlichen "Vernunft" zu gründen, beruhte die Überzeugungskraft des humanistischen Paradigmas einzig und allein auf einer ihm entsprechenden Seelenlage, die heute allenthalben in Auflösung begriffen ist. Spaemanns Rede ist würdig, seine Motive sind edel - und dies ist völlig ironiefrei gesagt! - diejenigen Craig Venters sind es nicht. But so what?! Die Selbstverständlichkeit, mit der Spaemann den "Verstoß gegen die Menschenwürde" als einen "ethischen Einwand", das heißt als unbedingten Unterlassungsgrund entsprechender Handlungen begreift, ist ihrerseits längst nicht mehr selbstverständlich. Der Boden, auf dem die christlich-humanistischen Wertetafeln ruhten, ist bereits so weit erodiert, dass jeder Rekurs auf ihn in erster Linie den Abgrund sichtbar macht, der sich darunter inzwischen geöffnet hat. Besonders deutlich wurde dies an Johannes Raus Rede zur Biotechnologie, auch und gerade wenn die Würde seines Amtes und der priesterliche Ton den brüchigen humanistischen Argumenten für einen Moment ihren quasi-sakralen Glanz zurückgaben. Dass auch die Befürworter der gentechnischen Menschenverbesserung sich großteils noch der alten Grammatik bedienen und gleichsam als die besseren Humanisten zu erscheinen versuchen - Reinhard Merkels Replik auf Spaemann (ZEIT Nr. 5/01) war dafür ebenso ein Beispiel wie die Reaktion des Bundeskanzlers auf den Bundespräsidenten -, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dem radikal antihumanistischen Menschenbild, dessen mehr oder weniger bewusste Propagandisten sie sind, der Begriff "M enschenwürde" nur noch eine semantische Altlast darstellt.
Diesen einigermaßen unheimlichen Sachverhalt offen anzusprechen, ist zwar, zumal in Deutschland, noch immer gefährlich, weil in einer Zeit großer Paradigmenwechsel der Reflex seitens der untergehenden Mentalität besonders stark ist, den Überbringer der neuen Botschaft für deren Inhalt verantwortlich zu machen, - man hat die hysterischen bis denunziatorischen Reaktionen auf Peter Sloterdijks Elmauer Rede noch im Gedächtnis -, aber es ist nur ein Gebot der Redlichkeit für ein Denken, das auf der Höhe der Zeit sein will. Der immer wieder vorgebrachte Einwand, ein solches Denken unterwerfe sich unkritisch dem Zeitgeist und verbinde dessen Diagnose unerlaubterweise mit normativen Ansprüchen - die Wahrheit bliebe auch dann noch wahr, wenn niemand mehr daran glaubt oder sich danach richtet -, setzt die metaphysische Tiefe des in Frage stehenden Epochenumbruchs um eine ganze Dimension zu flach an, indem nämlich das Konzept einer solchen zeitunabhängigen, transzendenten "Wahrheit" selbst mit zur Disposition steht.
Wenn an diesem altehrwürdigen Begriff überhaupt noch festgehalten werden kann, dann nur im (Heideggerschen) Sinn einer Entbergungsgeschichte (Wahrheit im Griechisch a-letheia, das Un-verborgene), deren künftiger Verlauf zwar geahnt und ansatzweise auch prognostiziert, aber von keinem transzendenten Ort aus überblickt, geschweige denn diktiert werden kann.
In seinem Aufsatz Maschine, Seele und Weltgeschichte aus dem Jahr 1980 hat Gotthard Günther die Heraufkunft eines neuen Menschentyps konstatiert, dessen Mentalität sich in wesentlicher Hinsicht von der des alten, sogenannten hochkulturellen Typs unterscheidet. Während der von Christentum und Humanismus geformte Alteuropäer jedem technisch-maschinellen Zugriff auf seine Subjektivität mit Sorge und Widerwillen begegnet - Günther spricht von Reproduktion vormals subjektiver Leistungen durch den Computer, aber wir dürfen die Genmanipulation demselben Phänomenkomplex zurechnen -, kann dem neuen Menschentyp dieselbe technische Innovation gar nicht schnell genug gehen. Günther weiter: "Die seelische Reaktion des ersten, konservativen Typs zeigt an, dass es sich hier um seelisch ausgebrannte Geschichtsträger handelt, deren eigentliche historische Existenz hinter ihnen liegt und die seit der Ankunft der Maschine keine Zukunft mehr vor sich sehen. Die Ungeduld des anderen - wir wollen der Kürze halber sagen: des amerikanischen Typs - lässt vermuten, dass sich hier eine Geistigkeit zu äußern beginnt, die erst in der kommenden Ära des Menschen ihre volle Entfaltung erfahren wird."
Überflüssig auszusprechen, wie die Positionen Spaemanns und Merkels - ins Politische übersetzt: diejenigen Raus und Schröders - nach diesem Schema idealtypisch zuzuordnen wären. Indes enthält die Erwähnung Gotthard Günthers einen Hinweis auf die geschichtsmetaphysische Dimension des in Rede stehenden Paradigmenwechsels, deren Berücksichtigung unserer Betrachtung erst die nötige Tiefe verleiht. Nicht weniger geht nämlich mit ihm seinem endgültigen Ende entgegen als der metaphysisch codierte, hochkulturelle Zyklus der Menschheitsgeschichte, ein Zeitraum also, der nun doch nach Jahrtausenden misst. Wie heute deutlich wird, bestand das Hauptcharakteristikum dieser Epoche darin, dass sich der Mensch in der Welt als Sub-jekt, das heißt als Unter-worfener eines in sich vollendeten, im Doppelsinn des Wortes "perfekten", objektiven Seins vorfand. In affektiver Hinsicht entsprach dem entweder das (antike) Staunen gegenüber der sinnlich anwesenden Physis oder die (christliche) Demut gegenüber dem transzendenten Gott, jedenfalls aber eine Seelenstimmung der Unterwürfigkeit gegenüber einem prinzipiell, das heißt seinem logischen und epistemologischen Stellenwert nach, übermächtigen Objekt. Es ist vielleicht nicht übertrieben, Philosophie und Religion insgesamt als Derivate dieser seelischen Disposition anzusprechen.
Von dieser affektiven Seite her lässt sich auch am ehesten ein Zugang zum Wesen der "kommenden Ära des Menschen" gewinnen. Wo immer nämlich die Wogen der Empörung in Fragen der Gentechnik hochgehen -, es geschieht ja in von Mal zu Mal abebbender Form -, handelt es sich um die natürliche Reaktion der alteuropäischen Seele gegenüber der nassforschen Pietätlosigkeit des "amerikanischen Typs", mit der dieser die mangelhafte Schöpfung umzuschaffen sich berufen fühlt. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender als das Entsetzen, mit dem Spaemann "unsere Horrorvisionen" - eine von Kundenwünschen diktierte Menschenfabrikation nämlich - noch ständig von der Wirklichkeit überholt sieht. Für die kalifornischen Transhumanisten um Max More, Ray Kurzweil und Marvin Minsky, an deren Extropy Institute der neue Menschentyp seine derzeit profilierteste Adresse hat, bedeutet die schrankenlose technische Machtübernahme des Menschen über sich selbst aber nicht nur keine Horrorvision, sondern die Aussicht auf das gelobte Land. Die europäischen Humanisten wären schlecht beraten, die "Extropier" ob der philosophischen Unbedarftheit ihrer Prinzipien für eine skurrile Sekte zu halten. In ihnen artikuliert sich - wie immer vorläufig und naiv - die Avantgarde einer Menschheit, die dabei ist, sich "vom Subjekt zum Projekt" (Vilém Flusser) aufzurichten, das heißt die radikal ernst zu machen beginnt mit der Erkenntnis, dass Menschen durch und durch autopoietische, sich selbst erzeugende, sich selbst entwerfende Wesen sind. Das naturhaft vorgefundene Sein nicht mehr nur demütig im Bewusstsein zu reflektieren - wie es selbst die nach "Naturgesetzen" suchende Wissenschaft noch tut -, sondern es als imperfekten, erst noch zu "informierenden" Ausgangsstoff für künftige Um- und Neuschöpfungen zu betrachten - sobald dieser grundlegende Mentalitätswandel in die Phase seiner technischen Umsetzung eintritt, ist die Rede von einem neuen Weltalter nicht mehr zu hoch gegriffen.
Selbstverständlich hat eine derartige Revolution achsenzeitlicher Größenordnung eine lange Vorgeschichte. Insbesondere wird im Rückblick die Janusköpfigkeit des klassischen Humanismus sichtbar, der offenkundig eine psychohistorische Brückenfunktion zu erfüllen hatte: In seinen philosophischen Gründungsdokumenten aus dem Quattrocento wird die dignitas hominis zwar noch ganz mittelalterlich mit der Gottesebenbildlichkeit des Menschen begründet, Letztere wird aber nicht mehr an bestimmten Eigenschaften, sondern - explizit bei Pico della Mirandola - an der Potenzialität, der Schöpfungsmacht als so lcher festgemacht, die nunmehr nicht länger ein göttliches Privileg darstellt. Unter dem Titel "Kreativität" wird sie in der Moderne eine glänzende säkulare Karriere machen. Mit dieser folgenschweren Uminterpretation der alten theologischen Analogiefigur war eine translatio imperii (im wörtlichen Sinne) von Gott auf den Menschen unwiderrufbar in Gang gesetzt, in deren Verlauf der neue Herrscher allmählich lernen musste, "das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit" von der Ewigkeit in die Zeit, von der Transzendenz in die Immanenz zurückzuholen, oder, mit einer Formel Peter Sloterdijks, "sich zu übernehmen".
Die Auflösung des Altmenschen
Es macht die Paradoxie dieser menschlichen Selbstübernahme aus, dass sie, weit davon entfernt, einen glücklichen Selbstbesitzer hervorzubringen, mit fortschreitendem Gelingen zugleich die Auflösung "des Menschen" bedeutet, seine Virtualisierung. Als das "nicht festgestellte Tier" ist der Mensch in dem Maß, als er zu sich selbst findet, dazu verurteilt, sich zu er-finden, denn er "ist" nichts anderes als dieses Sich-Erfinden. Diesen im "Wesen des Menschen" gründenden Zug zur Selbsttranszendenz bildet den nüchtern-logischen Kern von Nietzsches berüchtigter Lehre vom Übermenschen, die erst heute, im Horizont ihrer technischen Umsetzbarkeit, ihr volles prophetisches Potenzial entfaltet. ("Man wird mich etwa gegen das Jahr 2000 lesen dürfen.")
Was folgt aus alledem? Was folgt daraus vor allem für die Frage, der seit kurzem immerhin ein Nationaler Ethikrat für Gentechnologie seine Existenz verdankt: Was sollen wir tun? Zunächst ist festzuhalten, dass wir nicht nichts tun können. Es steht uns nicht mehr frei, nicht zu wollen, was wir können. Der "technisch-industrielle Komplex", ursprünglich errichtet zum Zweck der Befreiung des Menschen aus vermeintlich naturgegebenen oder überweltlich verhängten Schicksalszwängen, hat sich längst zu einer zweiten Fatalität ausgewachsen, angesichts derer jede Ethik der Verweigerung, des Tabus oder der Umkehr eine hilflose Donquichotterie bedeutet.
Mehr noch: Die Frage muss gestellt werden, ob die anstehenden Herausforderungen überhaupt noch im Modus der Ethik prozessiert werden können, sofern damit nämlich die altehrwürdigen Phantasmen der Freiheit sittlichen Handelns und der Subjektautonomie aufs innigste verbunden sind.
Das Gestell, um Heideggers Terminus technicus zu gebrauchen, reagiert nicht auf moralische Empfehlungen, allenfalls auf intelligente Steuerungsimpulse.
Das soll nicht heißen, wir seien zur praktischen Realisierung einer jeden Monstrosität verurteilt, die technisch möglich ist
wohl aber müssen alle ethischen Interventionen steril und wirkungslos bleiben, die das erreichte technische Operationsniveau nicht oder nur negierend einkalkulieren.
Hat man mit dieser Perspektive im Grundsätzlichen einmal Frieden geschlossen, dann ergibt sich - neben der heilsamen Entlastung von permanenter moralischer Überforderung - eine signifikante Verschiebung im persönlichen Sorgenhaushalt: Nicht mehr die mögliche "Übermenschenzucht" als solche wirkt beunruhigend, sondern die drohende Aussicht, dieselbe könnte nach Maßstäben des "letzten Menschen" ins Werk gesetzt werden. "Der letzte Mensch lebt am längsten" - diese Prophezeiung Nietzsches fände dergestalt ihre perfideste Erfüllung. Wenn etwa Reinhard Merkel sein Plädoyer für das therapeutische Klonen mit der Berufung auf "moralisch hochrangige Ziele" unterfüttert, worunter er offenkundig die Vermeidung individuellen Leids, das heißt das Glück der meisten versteht, so muss - bei allem Respekt vor diesen Werten - der skeptische Einwand erlaubt sein, ob Prozesse von gattungsgeschichtlicher Relevanz solcherart unter den Leitstern eines - mit Arnold Gehlen gesprochen - Masseneudämonismus gestellt werden können.
Wer sich an der Überholung des humanistischen "Menschen" aktiv beteiligt, indem er dessen naturalen Unterbau korrigierenden Eingriffen gegenüber öffnen möchte, kann die Maximen, nach denen dies geschehen soll, nicht ausgerechnet aus der letzten historischen Schwundstufe humanistischer Moral beziehen.
Aporie und Hypokrisie dieses Vorgehens treten an Gerhard Schröders Legitimationsversuch der Biotechnologie, der ja bekanntlich auf die "sozialethische Dimension" der Arbeits- und Wohlstandssicherung abhob, noch greller zutage. Die künftigen Generationen nämlich, deren Arbeit und Wohlstand durch Biotechnologie gesichert werden soll, verdanken ihr eigenes Da- und Sosein in steigendem Ausmaß eben dieser! Das bürgerlich-humanistische Ethos der Produktion und des Konsums setzt einen Kreislauf der Humanproduktion in Gang, der das Humanum selbst konsumiert - buchstäblich.
In der Frage, wie der zwar klein gewordene, in seiner Steuerungskompetenz gleichwohl noch nicht dementierte human factor in der autopoietischen Natur-Kultur-Maschine am besten zu nutzen sei, ist von den klassischen Ethiken der verflossenen Hochkultur kaum noch Antwort zu erhoffen. Wohl aber könnten gewisse Winke von einer dissidenten, esoterischen Tradition des Abendlandes ausgehen, deren Losung Thema und Pensum des anbrechenden Weltalters verblüffend genau antizipiert hat: "Was die Natur begonnen hat, das muss die Kunst vollenden." Gemeint ist die theia téchne, die "göttliche Kunst" der hermetischen Alchemie, deren philosophische Aktualität weniger in der oft zitierten Homunculus-Fabrikation liegt - eher ein Nebengleis alchemistischer Forschung - als vielmehr in ihrem Opus magnum: der Gewinnung des Steins der Weisen. Der lapis philosophorum, ganz materiell und doch ganz geistig, stellt in seiner paradoxen Symbolik den Versuch dar, unter metaphysischen Bedingungen dasjenige zu denken, was moderne Information genannt wird. Dem Rätsel der allverwandelnden Eigenschaft des Lapis kommen wir heute auf die Spur, indem wir lernen, die "Substanz" des Menschen als (variablen) genetischen Code anzuschreiben, und damit - theoretisch wie praktisch, die Unterscheidung wird hinfällig - die alte alchemistische Forderung erfüllen, uns in "lebendige philosophische Steine" zu verwandeln.
Von der Zurkenntnisnahme dieses das traditionelle (zweiwertige) Denken grundsätzlich revolutionierenden Tatbestandes, dass nämlich Information in der Welt ist und eine eigene Seinsklasse bildet, hängt es im Übrigen auch ab, ob der gegenwärtige Kategorienstreit um den Embryo - denn darum handelt es sich beim Streit um dessen "Menschenwürde" - auf die Höhe des heute längst Denkmöglichen gelangt. Es zeigte sich dann rasch, dass die Alternative Person oder Sache hinsichtlich des embryonalen Einzellers schlicht falsch gestellt ist und dass etwa Jürgen Habermas' jüngster Vorschlag, ihn antizipierend als personalen Diskurspartner zu behandeln, eben deshalb grotesk kontra-intuitiv wirkt, weil hier ein Kategorienfehler vorliegt. Man kann dies konstatieren, ohne sich darum einer Verdinglichung des Menschen schuldig zu machen, sobald der Information als dem Dritten neben Person und Ding, Subjekt und Objekt, ihre ontologischen Rechte eingeräumt sind. In seiner informierenden und informativen Eigenschaft kommt dem Genom im präpersonalen Embryo eine spezifische Form der Würde zu, die nicht seine Tabuisierung oder Stilisierung zum Fetisch heischt, sondern vielmehr eine Art der "Informationsverarbeitung", die die Komplexität dieses Wunderwerks nicht durch allzu große Unterbietung beleidigt.
Gott ist ein Kybernetiker
Die Lernaufgabe, vor der die menschliche Gattung in ihrem gewaltigen Experiment mit sich selbst heute steht und die zu Quantensprüngen der Intelligenz führen wird und muss, besteht darin, Einblick in die hyperkomplexen Prozesse, Interdependenzen, Rückkoppelungsschleifen jenes "großen Werkes" zu gewinnen, an dem Natur und Technik gleichermaßen, unentwirrbar und notwendigerweise kooperierend beteiligt sind. Was die Alchemie in einem poetischen Bilderkosmos, der nur eine intuitive Rezeption im Modus ahnender "Weisheit" zuließ, gleichsam vorausgeträumt hat, muss nunmehr exakt anschreibbar und operabel gemacht werden.
Wie von den besonnenen unter den führenden Genetikern zu hören ist, tut sich immer klarer ein Abgrund des (Noch-)Nichtverstehens auf, was die genetische Determiniertheit komplexer menschlicher Eigenschaften angeht. Da Letztere bei der Erforschung ihrer genetischen Bedingungen selbst in höchstem Maße gefordert sind, treten Geist und Natur hier in ein gegenseitiges Lern-Feedback, das die von ethischen Bedenkenträgern angemahnten Regeln, Korrektive und vor allem Verbote überflüssig macht, indem es sie aus seiner Eigenlogik, gleichsam als Mehrwert des Forschungsprozesses, emergieren lässt.
Der Gott, der allein uns retten kann - um noch einmal mit Heidegger zu reden - ist kein moralischer Deus ex Machina, sondern schlummert nirgendwo anders als in den kybernetischen Lernschleifen selbst, die sich im Laborieren einstellen. In diesem Sinn will auch der "ethische Rat" verstanden sein, den ich im Fall der Gentechnologie für den besten halte: in kreative Intelligenz zu investieren.
Marc Jongen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe
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- Quelle DIE ZEIT, 33/2001
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