Die Lust am Strahlen hat auch Claude Labbé ergriffen. Aus anderen Gründen allerdings und völlig witterungsunabhängig. Seit Mitte der achtziger Jahre betreibt er das Café des Deux Moulins in der Rue Lepic, Montmartres Hauptgeschäftsstraße. Ein Laden, der seinen Mann ernährte, aber nie genug abwarf, um der Einrichtung im Stil der fünfziger Jahre ein Lifting zu verpassen. »Schwein gehabt«, findet Monsieur Labbé im Nachhinein. Denn der Kupfertresen, die Wand mit dem exotischen Vogelmosaik, die altmodische Neonbeleuchtung lieferten dem Regisseur Jean-Pierre Jeunet - übrigens selbst einer von 30 000 Montmartrois - die perfekte Kulisse für sein poetisches Filmmärchen von Amélie Poulain.

Vor der Spiegelwand mit den Flaschenregalen ließ Jeunet das Serviermädchen mit den Knubberkirschenaugen hantieren. Eine Göttin der kleinen Dinge, die mit Tricks und Mauschelei das Glück unter die einfachen Leute brachte und das französische Kino in die Schlagzeilen. Über Nacht wurde ein Star geboren: die 22-jährige Audrey Tautou in der Rolle der fabelhaften Amélie. Eine unverhoffte Erfolgswelle rollte an: mehr als sechs Millionen Zuschauer in drei Monaten, Empfang der Schauspieler im Élysée-Palast und jede Menge Fans auf Streifzug zu den authentischen Schauplätzen im 18. Arrondissement.

Das hebt die Stimmung bei den Händlern in der Rue Lepic. Im Zuge der Euphorie haben viele das Filmplakat mit der verschmitzt lächelnden Hexenmeisterin ins Schaufenster geklebt. Wie zum Beispiel Michel Langlois, lebensfroher Schlachter und erster Vorsitzender der vereinigten Geschäftsleute von Montmartre. »Von den sechs Millionen Touristen, die jährlich zum Sacré-Coeur pilgern, profitiert die Straße kaum. Hier bleiben wir ziemlich unter uns. Ein Leben wie im Dorf. Aber Amélie Poulain hat uns eine neue Laufkundschaft beschert.«

An diesem verregneten Morgen bleiben die Kulissenstürmer im Deux Moulins gleich mehrere Milchkaffees lang. Ihr gemeinsames Markenzeichen: Fast andächtig lassen sie die Blicke durch den Raum schweifen, lächeln so wissend, als wären sie Hüter des Grals. »Ehrlich gestanden bin ich aber etwas enttäuscht. Das ist nicht der Ort der Gefühle, den ich gesucht habe«, sagt angesichts der entzauberten Realität die Abiturientin aus Biarritz, die den Film schon dreimal gesehen hat und aus Schwärmerei für Amélie nach Paris aufbrach.

Dass der Besuch sich trotzdem lohnt, liegt an dem Überraschungsgast Dominique Pinon. Der schmächtige Schauspieler mit dem Knautschgesicht und der trotzigen Unterlippe, der im Jeunet-Streifen den abgedrehten Kneipengänger Joseph mimt, sitzt nämlich leibhaftig dort, wo er auch im Film zu sehen ist: auf seinem fleischfarbenen Kunstlederbänkchen beim kleinen Bier. Verdutzte Autogrammjäger pirschen sich an, formulieren ihren Wunsch nach einer schnellen Unterschrift kleinlaut wie eingeschüchterte Schüler. Und Pinon - in der Rolle des Joseph ein miesepetriger Eigenbrötler, der unterm Kaffeehaustisch lustvoll die Bläschen aus einer Luftpolsterfolie knackt - verfällt in Nostalgie: Ach, es geht ihm wieder mal ziemlich gegen den Strich, an den Drehort zurückzukehren. Auch wenn seine Wohnung nur ein paar Straßen weiter liegt. »Zwei Wochen lang war diese Bar praktisch meine Gemütshöhle. Und heute entdecke ich hier nicht ein vertrautes Gesicht.«

Der bedenkliche Zustand der Entwurzelung wird nicht lange anhalten. Als der Schauspieler nämlich zwischen zwei Regenschauern einen Spaziergang durch das fabelhafte Montmartre der Amélie Poulain anregt, wird er an jeder zweiten Ecke warmherzig begrüßt. Küsschen rechts, Küsschen links: »Salut, Nachbar! Lass dich mal schön vom Erfolg verwöhnen.« Freundliche Grüße von Bürgersteig zu Bürgersteig. Und immer bergan stiefeln. Vorbei an der Rossschlachterei mit dem eisernen Pferdekopf über der Tür, dem nicht nur im Film ein Ohr fehlt. Vorbei am Krämerladen, wo in offenen Glasbehältern Hülsenfrüchte lagern und man sich noch einmal daran erinnert, wie verstohlen-genüsslich Amélie im Vorübergehen die Linsen durch die Finger rieseln ließ.

Anders als in seinen früheren Filmen war Jeunet hier auf Außenaufnahmen angewiesen. »Die schnatternden Schaulustigen machten ihn manchmal ziemlich nervös. Dann brüllte er ,Ruhe!', hielt die Autos an, und die Straße erstarrte für einen Augenblick in absolut atypischer Stille. Dieser Ausnahmezustand hat mir sehr gefallen.«

Noch ein Stück weiter, in der verwinkelten Rue Androuet, ist die Welt auf ganz besonders heil getrimmt. Dort beschnuppert der marokkanische Gemüsemann Ali Mdoughy gerade seine Melonen und testet den Reifegrad der Tomaten. Auch er ein Strahlemann wie der Patron vom Deux Moulins. Sein Laden brummt, seit er für die Dreharbeiten romantisch aufgemotzt wurde und der Regisseur mit großzügiger Geste die gesamte Dekoration zurückließ. Apfelsinen- und Efeuketten aus Plastik zieren also weiterhin den Stand. Über der Markise prangt noch immer das schmiedeeiserne Schild »Maison Collignon«. Eine Reminiszenz an Amélies altbösen Feind, den fiesen Grünhöker Collignon, der - im Gegensatz zu jeder unbedeutenden Artischocke - ganz ohne mildes Herz auskam.

Probleme bleiben ausgeblendet

Mit dem Negativ-Image des fiktiven Kollegen hat Monsieur Mdoudhy allerdings nichts an der Mütze. »Die Leute im Viertel können mich gut leiden und ich die Leute.« Einmal jährlich im Juni organisiert er ein großes Couscous-Essen auf offener Straße, für das er mit etwa 60 Tischen anrückt. In diesem Jahr hätte die vierfache Menge fast nicht ausgereicht. »Aufgrund der gestiegenen Nachfrage konnte ich sogar einen neuen Mitarbeiter einstellen. Bisher hat Amélie mir richtig Glück gebracht«, sagt der Chef und bedauert, dass er den Familienmitgliedern in Marokko den Grund für diesen unverhofften Boom nicht verkünden wird. Ihm wäre es peinlich, wenn die wüssten, dass er seinen wirtschaftlichen Aufschwung einer Geschichte mit so drastischen Sexszenen verdankt. »Welchen Film haben Sie eigentlich gesehen?«, fragt Dominique Pinon.

Der Rundgang durchs »Dorf« endet, wo er anfing. Im Café sind ein paar gute Bekannte von Pinon eingekehrt - diejenigen, die in Montmartre schon jahrelang vor Anker liegen. Mit von der Partie: der Schauspieler Patrick Messe, der sich selbst am Bistrot-Tisch noch um theatralische Würde bemüht; die belgische Krimischriftstellerin Nadine Monfils, die vor fünf Jahren hier im Hafen ihrer großen Liebe landete und seither einem kreativen Dauerschub ausgesetzt ist; die Schauspielerin Jenny Bel'Air, die mit wallender Dschellaba, glitzernden Klunkern und ihrem strubbeligen Hündchen fast schon zum Inventar gehört und zwischen Pigalle und Sacré-C“ur als berühmtester Transvestit gilt.

»Ewig die Gespräche über Amélie Poulain«, mosert Jenny. Ironisch flicht sie ein, dass sie selbst demnächst ganz groß als Diva rauskommt. Ende August erscheint nämlich unter dem Titel Une Créature eine Biografie über sie. »Aber bis dahin bewegt ja Jean-Pierres Kinomärchen noch eure Gemüter. Auf mich hat der Film übrigens lediglich entspannend gewirkt. Mehr nicht. Und im Prinzip schließe ich mich den paar Kritikern an, die dem Regisseur vorwerfen, die Probleme unseres Viertels ausgeblendet zu haben.« Widerspruch, euer Ehren. Nadine bezweifelt, dass die surrealistische Geschichte die Anreicherung mit sozialem Sprengstoff verkraftet hätte. Eine humorvolle Hommage an seine literarischen Vorbilder Jacques Prévert und Georges Perec schwebte dem Regisseur vor. Statt der Attacke auf geldgeile Immobilienmakler die demonstrative Abkehr vom Terror der Ökonomie.

Weil Patrick Messe den Herdentrieb verachtet und deshalb Jeunets Kassenknüller nicht kennt, stimmt er lieber ein Lamento über den unaufhaltsamen Niedergang von Montmartre an. Über die Chinesen, die sich angeblich jeden leer stehenden Laden unter den Nagel reißen und asiatische Delikatessen verkaufen. Über die Schickimickis, die die asiatischen Delikatessen essen, sich begehrten Wohnraum unter den Nagel reißen und mit ihrer Kaufkraft die Mieten in die Höhe treiben. »Und trotzdem wohne ich immer noch hier!«, sagt Patrick. Auch Jenny hat längst aufgehört, die Stadtteilpolitiker ernst zu nehmen, die am Morgen die Heroinspritzen auf dem Bordstein geflissentlich übersehen und nachmittags einen Verein gegen die Verschmutzung durch Hundekot gründen. Und überhaupt: Wer kümmert sich um all Künstler, die am Hungertuch nagen? Nein, manchmal ist das Leben hier kein Leben. So wie heute das Wetter kein Wetter ist ...

Während die Stimmen der Redseligen durch das Café des Deux Moulins schwirren, setzt sich Hunderte von Stufen unterhalb des Sacré-C“ur ein altes Holzkarussell in Gang. Auch ein Ort unter dem Sahnehäubchen, an dem Amélie auf der Jagd nach dem Glück einmal verpustete. Dort dreht die ganze bunte Menagerie Runde um Runde. Kreist so unverdrossen um sich selbst wie Montmartre, seit die gute Fee Amélie Poulain mit ihrem Traum von der besten aller Welten die Sehnsucht schürt.

Information

Amélies Orte: Café des Deux Moulins, 5, Rue Lepic. Au Marché de la Butte, Gemüseladen von Ali Mdoudhy, Ecke Rue Garreau/Rue Androuet

Restaurants: klassisch: A la Pomponnette, 42, Rue Lepic, (traditionelle französische Küche, Einrichtung aus der Jahrhundertwende). En vogue: Jungle-Bar, 32, Rue Gabrielle, (afrikanische Küche und Live-Musik)

Hotels: Doppelzimmer ab 380 Franc: Régent Montmartre, 37, Boulevard Rochechouart, Tel. 0033-¼8 78 24 00, Fax 48 78 25 24. Doppelzimmer ab 1430 Franc: Terrass Hotel, 12, Rue Joseph de Maistre, Tel. 0033-¼6 06 72 85

Literatur: Fiona Duncan/Leo Glass: »Zu Fuß in Paris«. Heyne Verlag, München 2001; 128 S., 29,80 DM

Auskunft: Maison de la France, Westendstraße 47, 60325 Frankfurt, Tel. 0190/57 00 25; Fax 0190/59 90 61. Syndicat d'Initiative de Montmartre, 21, Place du Tertre, 75018 Paris, Tel. 0033-¼2 62 21 21, Fax 42 62 60 68. Täglich geöffnet von 10 bis 19 Uhr