Bis die Nacht zum 16. Mai über Ostfriesland hereinbrach, hatte der Hafen von Leer meist im Schatten der Weltgeschichte geschlummert. Dann aber passierte dies: Der Hafenwärter ließ die Schleusentore zu lange geöffnet. Offizielle sollten dies später mit defekten Pegelmessgeräten erklären und hinzufügen, im nachtdunklen Hafen habe der wackere Wärter das Malheur schließlich nicht bemerken können. Am 17. Mai jedenfalls druckten viele deutsche Tageszeitungen unter "Vermischtes" dasselbe Foto: Zwei Kutter, die Kiele tief in den Hafenschlick gegraben, lehnen wackelig aneinander. Und nur wenige Schlagzeilenmacher widerstanden der Versuchung, die Stadt und den Zustand ihres Hafenbeckens in eine ostfriesenwitzige Zeile zu quetschen.

"Tja, geht bei uns nicht, so was", kommentiert Bernhard Fokken. "Die Leser können leider kontrollieren, ob stimmt, was wir schreiben." Der Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung nimmt das "leider" zurück. "Der Hafen von Leer war nämlich gar nicht leer! Am Rand fielen ein, zwei Schiffe trocken - und genau die wurden geknipst." Fokken jedenfalls ließ die Ostfriesen-Zeitung am 17. Mai schlagzeilen: Wasser fließt aus Leeraner Hafen ab. Knackig? Wohl nicht, aber die Überschrift besitzt einen unschlagbaren Vorteil: Sie stimmt.

Redaktion und Verlag der OZ, wie sie von Machern und Lesern genannt wird, haben gerade das 50-jährige Jubiläum der Zeitung gefeiert. Sie ist eine der 337 Lokal- oder Regionalzeitungen, die es in Deutschland auf eine Gesamtauflage von 16,6 Millionen bringen. Diese Blätter beliefern Otto Normalverbraucher nebst Gattin mit dem, wovon sie wirklich etwas verstehen: Nachrichten, Berichten und Geschichten aus der Nachbarschaft. Welche Straße bekommt einen neue Asphaltdecke? Warum ist gestern der Krankenwagen über den Markt gerast? Macht die EU-Erweiterung meinen Arbeitsplatz unsicherer? Wie hat der TuS gespielt? Oder eben: Warum steht heute eigentlich so wenig Wasser im Hafen? Internet, Fernseh- und Radioprogramme im Dutzend, überquellende Zeitschriftenregale: Wie halten Bernhard Fokken und die Ostfriesen-Zeitung in dieser Infoflut den Kopf über Wasser?

Bevor der Chefredakteur zur Morgenrunde bittet, telefoniert er mit den Außenredaktionen. Sensationell ist das nicht, was ihm die Mitarbeiter in Emden, Aurich, Wiesmoor, Wittmund und Norden erzählen. Der Müll von McDonald's nervt, herrenlose Fahrräder suchen Abnehmer, ein Altenheim soll erweitert werden. Ein Redakteur kündigt "einen interessanten Bericht über Muschelfischerei" an, eine Kollegin verbringt den Tag vor Gericht: Ein ortsbekannter Exboxer, Mietfaust einer Rotlichtgröße, hat mal wieder hingelangt. "Wenn du mich anzeigst, bist du tot", soll er Zeugen eingeschüchtert haben. Bis kurz nach elf ist der Bericht über den Nasenbein- und Gesetzesbrecher noch als "Aufmacher" des nächsten Tages eingeplant, dann läutet das Telefon der Redakteurin Karin Lüppen: Emssperrwerk ... Kran umgekippt ... Schwerverletzte.

31 Redakteure berichten für die Ostfriesen-Zeitung aus den Landkreisen Leer, Aurich und Wittmund sowie der kreisfreien Stadt Emden. Ursprünglich erschien die OZ als Lokalausgabe der Nordwest-Zeitung für den Regierungsbezirk Aurich. Aber schon nach einem Jahr taten sich vier Verleger zusammen und handelten der Nordwest-Zeitung die Lizenz für den Titel ab, um die "Vielfalt der Presselandschaft" zu bewahren, wie es im Statut der Gesellschafter hieß. 15 Pfennig kostete die OZ damals, heute sind es 1,60 Mark; die verkaufte Auflage stieg in einem halben Jahrhundert von 25 000 auf 45 000 Exemplare pro Tag. Von Beginn an erschien die Zeitung in ganz Ostfriesland, was sie auch heute noch von der Konkurrenz unterscheidet.

Das Emssperrwerk ist wichtig für die OZ, weil die Meyer-Werft 2300 Arbeitsplätze in der strukturschwachen Gegend bedeutet. Karin Lüppen, 36, karriolt im VW Polo mit dem Aufdruck "Für Sie unterwegs!" zum Sperrwerk, wo ein Mann aus dem Baubüro allerdings nur eine Information für sie hat: "Gibt hier keine Story für Sie." So wenig Respekt wird der Vertreterin von 45 000 Lesern selten entgegengebracht.

Bernhard Fokken ist einer der bedächtigen Typen, wie man sie in Ostfriesland nicht allzu selten antrifft. Erst denken, dann reden: Einerseits passt der Chefredakteur damit nicht recht in die heutige Medienwelt, andererseits aber seit 15 Jahren genau zu einer Tageszeitung wie der OZ. Auf dem Weg zu seinem Büro passiert man eine ausrangierte Satzmaschine. Noch bis 1979 wurde die OZ in Blei gesetzt. Einen Viertelliter Milch bekamen die Setzer damals pro Tag, um das giftige Zeug aus den Körpern zu schwemmen. Jedenfalls war das der fromme Wunsch der Verleger.