D I R I G I E R E N Die finnische Sphinx

Jorma Panulas Dirigierkurs beim Schleswig-Holstein Musik Festival

Joachim aus Frankreich liebt Brahms und wuchtige Akkorde, an denen er sich festhalten kann. David aus Südkorea duckt sich lieber unter sie. Naotaka aus Japan schläft der langsame Satz unter den Händen ein. Bundit aus Thailand spielt den Dompteur, Matthew aus Australien den Virilen. Nils aus Marburg probiert es mit Argumenten. Wilson aus Indonesien hätte gern so lange Finger, dass er der Klarinette ans Mundstück fassen kann. Francisco aus Spanien scheint ganz ohne Arme auskommen zu wollen. Manfred aus Augsburg versucht den Geigen die Wackler wegzutrimmen. Jussi aus Finnland taktiert ruhig, aber ungelenk. Kiyotaka aus Japan hadert mit den Oboen, Mathieu aus Belgien mit seiner Schüchternheit.

Zwölf junge Dirigenten, jeder auf dem Weg zur Reife am Pult, der eine schon weit, der andere noch am Anfang. Begabt sind sie alle, sonst stünden sie nicht hier - in der berühmten Scheune von Schloss Salzau, wo beim Schleswig-Holstein Musik Festival schon Leonard Bernstein und Sergiu Celibidache junge Kapellmeister öffentlich belehrt, getadelt, vorgeführt, getriezt und gerädert haben. Seitdem musste die Orchesterakademie ohne Dirigierkurs auskommen, denn mythische Figuren in dieser Zunft sind rar.

Doch diesmal ist für neun Tage Jorma Panula da, ein kleiner, unauffälliger, sich mitten ins Orchester verkrabbelnder Mann aus Helsinki. Panula, 1930 geboren, genießt legendären Ruf. Wenn heutzutage ein finnischer Dirigent zwischen Los Angeles, Toronto, Chicago, Birmingham, Amsterdam, Berlin und Wien vor ein prominentes Orchester tritt, darf man sicher sein: Panula hat ihn erzogen. Esa-Pekka Salonen, Jukka-Pekka Saraste, Osmo Vänskä, Sakari Oramo - alle haben bei Panula an der Sibelius-Akademie gelernt. Seine Dirigierklasse, die er bis zur Pensionierung im Jahr 1993 leitete, war ihr Brutkasten, Studierzimmer, Beichtstuhl und Experimentallabor. Wer bei Panula die höheren Weihen erhielt, musste sich um seine Zukunft nicht sorgen.

Einstweilen sorgt sich auch Panula nicht um seine zwölf Schutzbefohlenen. Er verschränkt die Arme, schließt die Augen und nickt. Die lächelnde Sphinx aus Helsinki. Minimalkonversation auf Englisch: "good" oder "too loud" oder "okay". Wann erhebt sich der Maestro und packt die Rute aus? Wann fährt er Joachim in die Parade? Wann holt er Bundit auf den Boden der Tatsachen zurück? Und wann spricht er erzene Worte der Weisheit, auf dass sie fleißig und demütig in Partituren und Merkhefte übertragen werden? Vielleicht abends bei der Videokontrolle, im Séparée des Klartextes, wo jeder Kandidat auf dem Bildschirm sieht, was er tut - und vor allem: was er nicht tut.

Heilige Hand des Meisters

Darauf müssen Bundit und all die anderen lange warten. Womöglich haben sie sich Panula als einen Imperativ in Menschengestalt vorgestellt, als magistralen Zuchtmeister, als Alleswisser, grandiosen Systemtechniker, als sprudelnden Born dirigentischer Kniffe und Rezepte. Panula aber besitzt gar keine Theorie. Er guckt zu und gibt Hinweise für den musikalischen Augenblick. Fast scheint ihn das ebenfalls blutjunge Festival-Orchester mehr zu interessieren als die Jünglinge, die es befehligen. Doch geht sein leiser, wie nebenbei gesprochener, unermüdlich repetierter Rat so lange zum Schüler, bis er im Schüler aufgeht. Ein Bild für die Götter, wenn die zwölf Delinquenten abends beim Bier um den Meister sitzen und jeder heimlich alle paar Sekunden mit seiner linken Hand seltsame Zeichen in die Luft malt. Handwerk im Trockenen.

Und am nächsten Morgen, bei der zweiten Probe, sieht es gleich ganz anders aus. Johannes Brahms' 3. Sinfonie F-Dur ist nicht Beethovens Fünfte, Brahms bleibt Brahms. Doch oft stimmt etwas nicht, Panula bemerkt es sogleich. Panula, notorisch freundlich, unternimmt erste Eingriffe. Joachim klappt bei leisen Stellen wie ein Messer zusammen, seine Nase hängt direkt über dem Pult, der Hintern schiebt sich raus. Panula klopft ihn gerade. "Bleib auch im Piano aufrecht, sonst bröckelt der Klang." Und nickt wieder. Bei Jussi lobt er einen Streichereinsatz, danach trommelt aber der Übergang in die Reprise bei Takt 119 arg daher. "Hörst du hier etwa die Bässe? Ich höre nur die Pauke!" Dann gucken alle Jünger wissend und malen fette Ausrufezeichen in ihre Noten.

Wenn sich zwölf Dirigenten an Brahms versuchen, ergibt das zwölf verschiedene Tempi. Wilson ist reichlich flott unterwegs, doch das stört Panula nicht. Er lässt Auffassungen gelten. Er nimmt seine Leute ernst. Aber wenn einer das Tempo unmerklich verschleppt, ohne dass Brahms es vorschreibt, schreitet er ein: "Jetzt bist du langsamer geworden!" Panula hört alles; es ist phänomenal, wie die Partitur über seinen inneren Monitor zu wandern scheint.

Und plötzlich merkt auch der Letzte, dass für Panula das Dirigieren kein entrückter Vorgang ist, sondern nur ein Scharnier zwischen Komponist und Orchester. Der Dirigent muss die Durchsichtigkeit der Partitur in Klang übersetzen. Deswegen hält er es für gut, wenn Dirigenten auch komponieren. Wehe, Panula vermisst ein zweites Horn oder die Deutlichkeit einer Fagottstimme. Er moniert es sofort. Wenn das Blech schmettert, funkt er Ironie: "Aha, Trompetenkonzert!" Natürlich können die Studenten das Orchester unterbrechen und die Stelle proben; sie könnten miteinander reden. Doch Ansprachen hasst Panula. Viel besser, lehrt er, sei es, wenn der Dirigent in sprachloser Vorbereitung mitteilt, wie es klingen muss. Es kommt darauf an, den Klang zu "antizipieren". Das klingt einfach - und ist doch das Schwierigste auf der Welt, weil man es nicht mit einem Streichquartett zu tun hat, sondern fast mit einer Hundertschaft.

Und immer wieder die linke Hand. "Sie ist zu hoch bei dir. Da steht aber nur Mezzoforte." Ein Diminuendo sackt bei Matthew abrupt zusammen. "Lass die Hand langsamer runter." Und nun ist sie endlich da, die heilige Hand des Meisters - ganz ohne Faxen, ohne Schauwert für die Galerie, nur den Noten gehorchend und sie sorgfältig in Klang bannend. Vom Forte, das hoch über dem Kopf zittert, sinkt sie in unendlichem Gleichmaß nieder. Das macht er fast hundertmal vor, immer wieder, bis es am Ende auch der Ungeschickteste begreift.

Panula ist kein Dogmatiker der Schlagtechnik, doch einmal zaubert er ein Blatt aus der Tasche, auf das er eine Batterie von Ernstfällen gemalt hat: Akzent auf der Zwei, Crescendo zur Drei, Ritenuto im Sechsachteltakt und so weiter. Das volle Programm. Danach darf im privaten Kämmerlein geübt werden, bis der Spiegel über dem Waschbecken erblindet.

Einmal geht das Orchester in Jean Sibelius' 7. Symphonie C-Dur ab wie eine Rakete, ohne dass Jussi eingreift. Panula: "Zügeln! Zügeln! Spiel Hofreitschule!" In Beethovens Egmont-Ouvertüre brüllt bei Francisco bereits der erste Akkord. Panula: "Klingt wie ein Klumpen!" Bei Naotaka vermisst er Präzision: "Deine Hand flattert wie eine Flagge!"

Das alles sagt er hinterher, im Privaten, nie vor dem Orchester. Panula stellt nicht bloß. Den Zöglingen ist er ein gütiger Lehrherr. Und beim Abschlusskonzert lässt er alle dirigieren, jeder einen Satz. Demnächst wird Panula 13 Wochen im Jahr in Stockholm unterrichten. Das ist sein Leben, er liebt die jungen Leute und ist gern zugegen, wenn sie ins kalte Wasser springen. Wann wirft Jorma Panula den Rettungsring? Wieder lächelt er, nickt und schließt die Augen: "Wenn sie untergehen!"

 
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