Großmanöver Glück

Die Spezialeffekte des Lebens in Jean-Pierre Jeunets Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" von Merten Worthmann

Dieser Film ist unwiderstehlich. Sagen wir's gleich vorneweg. Womöglich fällt weiter hinten im Text noch die eine oder andere kritische Bemerkung - und jede davon wird zu Recht fallen. Aber es ändert nichts am allermächtigsten, unhintergehbaren Eindruck: Die fabelhafte Welt der Amélie ist ein unwiderstehlicher Film. Fast gelingt es ihm, jede mögliche Kritik allein durch seine Wucht, durch sein pausenlos hochtourig arbeitendes Fantasie-Füllhorn, durch seine All-you-can-eat-Ästhetik verdampfen zu lassen in einem immer wieder aufwallenden Staunen, aus dem man für knapp zwei Stunden kaum herauskommt. Zum Abspann sagt man Uff!, bemerkt wahrscheinlich ein Lächeln im eigenen Gesicht und fühlt sich um ein Glückserlebnis reicher.

Vom Glück handelt Amélie, und die Titelheldin stiftet es gleich doppelt und dreifach - nicht nur für den Zuschauer draußen vor der Leinwand, sondern auch für einige Menschen in ihrer Umgebung und schließlich sogar für sich selbst.

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Damit hat sie's einerseits ganz leicht, denn ihr Regisseur Jean-Pierre Jeunet spielt mühelos vierhändig auf der Klaviatur des Schicksals und inszeniert sich noch den abenteuerlichsten Zufall flugs herbei, wenn es dem höheren Gute dient. Andererseits möchte Jeunet doch betonen, dass nur echtes Engagement und entschiedene Bereitschaft dem Menschen zum Glück verhelfen. Wer nicht im richtigen Moment die richtige Liane ergreifen oder dem Lockruf seines Lebens folgen will, der vertrocknet unversehens vor sich hin. Also angetreten, Augen auf, carpe diem! und so weiter. Amélie ist unbedingt auch als Appell gemeint, obwohl es unter der schönen Glasur nicht sofort auffällt. Genieße dein Dasein wie diesen Film!, darauf soll es hinauslaufen, allerdings verbunden mit dem Nachsatz: ... bevor es zu spät ist!

Von Anfang an geht's eilig zu. Im ersten rasenden Augenblick wird Amélie gezeugt, die vierte Einstellung zeigt den Vorstoß des entscheidenden Spermafadens, vorher waren Bilder vermischter Gleichzeitigkeiten zu sehen, allesamt kommentiert von einer supersonoren Märchenerzählerstimme: Eine Fliege wird überfahren, Gläser tanzen im Wind, jemand radiert den Namen eines toten Freundes aus dem Adressbuch. So stehen Werden und Vergehen gleich Seite an Seite, und dabei bleibt es. Die Glücksmaschine Amélie ist gesprenkelt von Bildern des Todes, an jeder Kreuzung lauert ein Memento mori, und manchmal hat man geradezu den Eindruck, der gesamte Film sei eine einzige hochgerüstete Flucht nach vorn vor dem finalen Verblühen.

Nicht auf den ersten Blick allerdings, denn auf den ersten Blick ist Jeunets Werk eine überbordende, tausendfältig funkelnde, bonbonbunte Extravaganza mit einem Einfälle-pro-Minute-Wert, der seinesgleichen sucht. Jeunet bastelt ausgewählte Eigenheiten aus Amélies und anderer Leute Leben dermaßen aberwitzig zusammen, dass allein der rabiat willkürliche Zugriff schon einen starken Effekt erzielt. Alle Erzählung wird aufgelöst in furiose Fragmente, die Verknüpfung besorgt im Zweifel der Erzähler aus dem Off. Die Figuren werden nicht entwickelt, sondern aufgerissen mithilfe bebilderter Sie-mag-/Sie-mag-nicht-Listen. Des Weiteren gibt es ein paar sprechende Tiere, bewegte Passfotos, röntgenhaft glühende Herzen, Zeitraffer satt, zerrieselnde Körper und viele manipulierte Fernsehbilder, was Stalin einmal die Möglichkeit gibt, hervorzuheben: "Das Recht auf ein gescheitertes Leben ist unantastbar." Die Bemerkung gilt Amélie, deren Leben gerade vor dem Fernseher zu scheitern droht.

Bevor Amélie zur großen Glücksstifterin wird, hat sie nämlich bereits eine gewisse Karriere als Glücksvermeiderin in eigener Sache hinter sich. Die Kindheit musste sie zu Haus verbringen, aufgrund mehrerer skurriler Missverständnisse, in Abgeschiedenheit und Feigheit. Jetzt ist sie fast Mitte 20, arbeitet als Kellnerin in einem Café am Montmartre und weiß noch immer nicht, was Liebe ist. Aber bald!, raunt uns der Erzähler zu: In 48 Stunden kommt ihr Leben gehörig ins Rollen! Durch einen Zufall (wieder ein Zufall) entdeckt sie am Tag von Lady Dianas Tod (wieder ein Todesfall) ein altes Kästchen mit fremdem Kinderspielzeug. Daraufhin macht sie eine Wette aufs eigene Schicksal: Wenn sich der ursprüngliche Besitzer über den Fund freut, dann will sie künftig auch anderen Menschen helfen. Wie eine Fee im Dienst an der Nachbarschaft sorgt sie bald mit kleinsten Tricks für größte Veränderungen. Nur sie selbst bleibt außen vor. Zwar verliebt sie sich urplötzlich in Nino, einen scheuen Unbekannten, der sie einmal angelächelt hat. Aber es bedarf noch einiger Tritte und Schliche, bis die kleine Jeanne d'Arc der Verzagten wirklich bereit ist zum ersten Kuss.

Das Dasein ist voller Delicatessen

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  • Schlagworte Jean-Pierre Jeunet | Glück | Film | Jean Renoir | Frankreich | Cannes
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